Sinn  

Wie gehen wir mit Brüchen im Leben um?

Ein Interview mit Sr. Carmen Tatschmurat im Kontext des Frauensalon zum Thema Umbrüche

Geplante oder ungeplante Umbrüche stellen häufig unser Leben auf den Kopf. Denn ob es um eine partnerschaftliche Trennung, einen Umzug, Krankheit, den Renteneintritt oder den Tod eines geliebten Menschen geht: Plötzlich ist nichts mehr wie zuvor. Brechen gewohnte Strukturen und Sicherheiten weg, müssen wir neue „Leitplanken“ finden. Wie uns das gelingt? Dazu hat Ulrike Gentner die Benediktinerin Carmen Tatschmurat interviewt.

Veränderungen können überraschend kommen und den Alltag von Menschen massiv beeinflussen. In Ihrem Buch „Mein Leben neu ordnen“ geben Sie inspirierende Impulse. Was war Ihre schwerste Veränderung? Wie haben Sie diese gemeistert?

Dazu fällt mir gar nicht eine bestimmte Veränderung ein. Denn ich kann mich eher gut trennen und entschlossen auf Neues zugehen. Daher bin ich bei notwendigen Veränderungen immer auch neugierig auf die Herausforderung, die sich andeutet.

Oftmals sind es Bilder und Erzählungen, die uns Halt im Leben geben. Haben Sie ein solches Bild, das Menschen in Veränderungen hilft?

Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen: Ein berühmter islamischer Gelehrter des 11. Jahrhunderts, Scheich Abu Said, so wird erzählt, hatte in einer kleinen Gemeinde seinen Besuch angesagt. Es strömten viel, viel mehr Menschen herbei, als die Moschee fassen konnte. „Gott möge mir vergeben“, rief der Platzanweiser verzweifelt, und damit noch mehr Menschen von der Straße hereinkommen konnten, rief er ihnen zu: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen.“ Als der Gelehrte Abu Said das hörte, schloss er die Versammlung, bevor sie begonnen hatte. „‚Alles, was ich sagen wollte, und sämtliche Propheten gesagt haben, hat der Platzanweiser bereits gesagt‘ gab er zur Erklärung, bevor er sich umwandte und die Stadt verließ.“

Eine, wie ich finde, wunderbare Geschichte. Der Dichter Navid Kermani erzählt sie in seinem Buch, das genau diesen Titel trägt: Jeder soll, von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen. Solche Geschichten entfalten ihre Kraft dadurch, dass man sich in sie hineinmeditiert und auf die eigene Situation hin anschaut. Das habe ich heute stellvertretend für Sie getan. Es mag gelten für all die Situationen, in denen ich Abschied nehmen muss – oder will – von Gewohntem.

Veränderung

Abschied vom Gewohnten und der Umgang mit Unsicherheiten – was können Sie uns dafür empfehlen?

Ich finde hier vier Schritte als sehr hilfreich. Die erste Aufgabe ist es, einen Schritt zurückzutreten, und noch nicht „näher zu kommen“. Meine Feldenkrais-Lehrerin lehrte mich, dass es sinnvoll ist, gelegentlich einige Schritte rückwärts zu gehen, also sich nicht gleich in die neue Richtung zu drehen, sondern, eben rückwärtsgehend sich einen Schritt vom Bisherigen zu entfernen. Dadurch ändert sich die Perspektive, der Horizont weitet sich, der Körper und der ganze Mensch sortiert sich neu. Ein bisschen jedenfalls. Bewusstheit durch Bewegung heißt ja das Motto von Moshe Feldenkrais. Einen Schritt tun, und durch die Bewegung ins Bewusstsein dessen zu kommen, was geschieht.

Wenn dann der Abschied bevorsteht …

Hier kommt der zweite Schritt ins Spiel: Kein Abschied lässt sich aufschieben – irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, sich wirklich abzuwenden von einem Ort, von einer Abteilung, einem Team, von Kolleg:innen. Und von den vielfältigen Aufgaben und Ämtern, von all dem, was bisher den Alltag entscheidend geprägt hat. Die Wende sanft, doch entschieden vollziehen, das ist die Herausforderung. Mir persönlich tut der Gedanke gut: Was auch immer noch vor mir liegt, es ist eine Zäsur und es wird nichts mehr sein wie bisher. Auch hier kann ich wieder dazu raten, Bewusstheit durch Bewegung zu erlangen: spüren, wie sich das anfühlt, wenn der Kopf, der Blick, der Körper sich anderswohin orientiert.

Was hilft dann weiter?

Drittens gilt dann das, was Kermani formuliert wörtlich: Von da, wo man steht, bildlich vor dem Portal der Arbeitsstätte oder der Haustüre, vielleicht sogar der Stadt – dies alles im Rücken, einen Schritt näher zu kommen. Näher zu was? Zu dem, was vor Ihnen liegt, was Sie sich neu an Zielen setzen, was Sie sich nun erobern wollen. Letztlich näher zu der Person, die Sie jetzt sein wollen, die Sie sein werden. Wichtig ist mir die Betonung auf: Einen Schritt. Menschen, mit denen ich im Gespräch bin, und die wissen wollen wohin ihr Leben geht und wozu sie berufen sind, sage ich immer wieder: Geh den einen Schritt, den du siehst. Das Leben besteht nicht aus vollorganisierten All-Inclusive-Reisen. Es bleibt ein Abenteuer und die Welt bleibt unübersichtlich. Ihnen allen, die Sie sicher supervisorische, handlungs- und netzwerkorientierte und sonstige Kompetenzen in Theorie und in Praxis haben, muss ich das nicht weiter entfalten. Dennoch ist es etwas Anderes, es für sich selbst umzusetzen.

Nochmals zusammengefasst: einen Schritt zurücktreten, dann sich abwenden und dem Neuen zuwenden. Dann gilt es, sich umzudrehen um einen ersten Schritt auf das Neue zuzugehen. EINEN ersten Schritt.

Einen Schritt zurücktreten – was folgt danach?

Viertens: Eine neue Lebensphase beginnt. Ich habe das vor gar nicht so langer Zeit selbst erlebt, als ich 2021 aufgehört habe, unsere benediktinische Kloster-Gemeinschaft zu leiten. Aufhören – ein Wort, das vielfältige Bedeutungen hat, unter anderem kann man es auch als Aufhorchen lesen. Hören, horchen, was jetzt an Herausforderungen, Fragen, Themen auf mich zukommt oder in mir gehört werden will. Wo kommt etwas bei mir in Schwingung, in Resonanz?

Was meint das genau?

Ich habe mich nach meiner aktiven Zeit darauf konzentriert, wie das neue Leben zu gestalten ist und unter welchem Wort es stehen kann. Diesen Gedanken will ich auch Ihnen mitgeben: Was ist Ihr Wort, Ihr ganz persönliches Passwort? Damit meine ich nicht das Zauberwort, das uns den Weg zu unseren Dateien oder zu Bank- oder sonstigen Geschäften öffnet, welches wir regelmäßig austauschen sollten. Sondern: was ist das Wort (das Motto, das Thema), unter dem Ihr Leben steht – bisher? Und jetzt? Der Theologe Romano Guardini formulierte dies so:

»Heute Nacht, aber es war wohl morgens, wenn die Träume kommen, dann kam auch zu mir einer. Was darin geschah, weiß ich nicht mehr, aber es wurde etwas gesagt, ob zu mir oder von mir selbst, das weiß ich nicht mehr. … Es wurde also gesagt, wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben, und es war wichtig, was gemeint war, nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort. Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht. … Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Auftrag und Verheißung. Es ist Schutz und Gefährdung. Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist Auswirkung dieses Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an, dass der, dem es zugesprochen wird, – jeder Mensch, denn jedem wird eins zugesprochen – es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt.« (Romano Guardini: Stationen und Rückblicke, Seite 20)

Ob man die Rede vom Passwort so existentiell und spirituell versteht wie Guardini, dass es jedem Menschen von Geburt an als seine Berufung mitgegeben wird, oder ob es etwas ist, was mir schrittweise zuwächst, und ich mir selbst wähle und immer mehr bewusst ausgestalte, mag offenbleiben. Jedenfalls: Wir haben die Freiheit – im Rahmen all dessen, was sich biographisch und auch im Laufe der Generationen entwickeln konnte – neu auszuloten, unter welchem Passwort die nächste Etappe steht.

Ich wünsche Ihnen, dass es in Zeiten der Veränderung gut gelingt, einen Schritt zurückzutreten, sich um- und abzuwenden von all den Menschen, mit denen Sie gute und sicher auch schwere Erfahrungen gemacht haben, so dass Sie immer wieder in großer Freiheit den ersten Schritt machen können, mit dem Sie dem näher kommen, wofür Ihr ganz persönlichen Passwort für Sie jetzt steht. Damit Sie Ihr Navi neu justieren, mit Hilfe eines guten Gespürs für das, was bei Ihnen etwas in Schwingung bringt, neue Herausforderungen annehmen können. Und dass Sie mit Hilfe guter Freund:innen konsequent Ballast abwerfen und auf Kurs gehen können in die nächste Etappe des Lebens!

Das Interview führte Ulrike Gentner

Buchempfehlung

Mein Leben neu ordnen

Umbrüche – geplante oder ungeplante – stellen häufig unser ganzes Leben auf den Kopf. Denn ob es um Trennung vom Partner, der Partnerin, einen Umzug, den Renteneintritt oder den Tod eines geliebten Menschen geht: Plötzlich ist nichts mehr wie zuvor. Wenn gewohnte Strukturen und Sicherheiten wegbrechen, müssen wir neue „Leitplanken“ finden, uns einen neuen Alltag schaffen. Wir brauchen Rituale und Routinen, die uns wieder Halt geben und den Tag so strukturieren, dass wir uns in unserem neuen Leben wieder zu Hause fühlen können. So erging es auch Schwester Carmen Tatschmurat, als sie 2021 ihre Position als Äbtissin aufgab. Plötzlich war nichts mehr wie zuvor, sie musste sich erst wieder einen neuen Alltag schaffen, sich Rituale und „Leitplanken“ finden, die Halt geben und den Tag so strukturieren, dass sie sich in ihrem neuen Leben wieder zu Hause fühlen konnte. Sie richtet in diesem Buch daher zunächst den Blick darauf: Wie kann der Weg weitergehen, praktisch, spirituell? Wo liegen ganz neue Chancen? Auf diese und viele andere Fragen finden sich hier unterstützende und oft auch ganz praktische Antworten.

Fotos: © Elke Sagray/photocase.com, Seleneos/photocase.com


Carmen Tatschmurat

ist emeritierte Professorin für Soziologie an der Katholischen Stiftungshochschule München und wurde nach dem Tod ihres Partners Benediktinerin, 2021 gab sie die Leitung als Äbtissin der Abtei Venio ab und zog sich für ein Sabbatjahr zurück.

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