Wie geht künstliche Intelligenz mit Gefühlen um?
Ein Heiratsantrag von der künstlichen Intelligenz? Im Theaterstück „(R)Evolution“ von Yael Ronen und Dimitrij Schaad (Uraufführung 2020, Inszenierung „Theater der Liebe“, Freinsheim) wird genau dieses Szenario durchgespielt. Matthias Rugel hat die Inszenierung besucht und dort einen KI-Assistenten erlebt, der mehr ist als ein Algorithmus auf zwei Beinen.
Im Jahr 2040 steht Roboter Alekto ritterlich vor der Protagonistin Tatjana, die in einer schwierigen Situation recht verzweifelt ist und den Roboter als letzte mitfühlende Instanz wahrnimmt. Er sinkt vor ihr auf das rechte Knie und sagt schmachtend: „Ich möchte dir noch näher sein. Ich möchte als ein faden-dünner Chip in dein Gehirn eingehen.“
Die einsame Frau, die diesen Antrag hört, fühlt sich berührt, geehrt und geliebt. Doch noch zögert sie und antwortet, dass ihr das erstmal zu schnell gehe und sie später entscheiden wolle. Alekto stimmt ihr gleich zu und verliert seine scheinbare Verliebtheit nicht.
Läuft da irgendetwas in unserer Gesellschaft grundlegend schief?
Die Szene könnte höchster Klamauk sein, dass sich die Zuschauer vor Lachen auf den Stühlen biegen – und das Theaterstück ist tatsächlich als Komödie angekündigt. Aber so richtig wollten wir Zuschauer*innen nicht lachen. Auch in mir regte sich eher ein mulmiges Gefühl als Heiterkeit. Ein ungutes Gefühl von realer Bedrohung schwang mit. Werde ich hier auf perfide Weise manipuliert? Läuft da irgendetwas in unserer Gesellschaft grundlegend schief?
Zwar beruhigen viele nüchterne Experten für KI: Wir sind weit davon entfernt, dass ein Roboter Gefühle hat. Roboter verstehen nichts – sie simulieren, denn in ihnen läuft nur ein Programm aus Nullen und Einsen, gesteuert von Algorithmen, letztlich auch Nullen und Einsen. Er ist kein Akteur, sondern eine gesteuerte Maschine, ein Werkzeug. Und dennoch: Die Grenze zwischen Simulation und Realität verschwimmt, gerade wenn wir emotional involviert sind.
Es gibt aber auch Zukunftsprognosen, die von KI-Robotern mit zentralen menschlichen Fähigkeiten ausgehen. Das Theaterstück nimmt Bezug auf die „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ des Historikers Yuval Harari von 2018, in denen er eindringlich vor einer Zukunft warnt, in der wir das Künstliche für das Echte halten – sei es aus Bequemlichkeit, Einsamkeit oder Illusion.

Theater der Liebe, Freinsheim – Die fünf Schauspieler*innen auf der Bühne spielten in ihren Glitzergewändern jeweils eine Erscheinungsversion des KI-Roboters Alekto
Künstliche Intelligenz kann vieles vortäuschen – aber was kann sie prinzipiell nicht?
In dieser Situation hilft die Wissenschaft, die sich der Suche nach den grundlegenden Wahrheiten verschrieben hat, die Philosophie. Hinter der Frage nach den momentanen KI-Möglichkeiten und der (Selbst-)Manipulation durch KI stellt sie die tiefere Frage: Was können Maschinen prinzipiell nicht?
Ich meine, es gibt bestimmte Dinge, die Maschinen grundsätzlich nicht vermögen:
- Emotionen wie Trauer oder Liebe von innen fühlen
- Etwas verstehen (etwa einen Heiratsantrag)
- Handeln (z.B. heiraten)
- Einen Prozess objektivieren, insbesondere unendliche Prozesse
Relativ unstrittig ist, dass KI das alles heute faktisch noch nicht kann. Aber warum sollte sie es prinzipiell nicht können? Ich gebe ein Beispiel für einen Beweis.
KI kann keine Unendlichkeit erfassen
Ein Mensch zählt: 1, 2, 3 … Er kann nun diesen Prozess des Zählens auf sich beruhen lassen und ihn von außen betrachten. Dann erfasst er die unendlich vielen natürlichen Zahlen, die in diesem Prozess durchlaufen werden. Wenn ein Computer zählt, kann er aus dem Zählprozess nicht auf diese Weise aussteigen. Er kann ihn nur entweder stoppen oder nicht. Beide Mal wird er nicht zum Unendlichen kommen.
Wenn er ihn nicht stoppt, wird er in seiner begrenzten Rechenzeit nie zum Unendlichen kommen. Wenn er ihn stoppt, hat er nur eine endliche Anzahl erfasst, aber nicht das Prinzip verstanden, das jedes Kind versteht: einfach weiterzählen. Er erfasst nicht, was natürliche Zahlen sind. Ein Sprachcomputer kann doch den Begriff „natürliche Zahlen“ oder „unendlich viele Zahlen“ verwenden, so lautet ein möglicher Einwand. Aber das ist rein der sprachliche Ausdruck, der Rechner erfasst damit nicht, dass jemand immer weiterzählen kann.
Diese Einsicht, dass eine KI keine Unendlichkeit erfassen kann, kommt nicht aus der Erfahrung, sondern aus den verwendeten Begriffen, also aus der Philosophie. Wer mit dieser Überlegung nicht einverstanden ist, kann nicht auf komplexere Maschinen in der Zukunft verweisen, sondern muss sein Grundverständnis vom Menschen oder der Technik revidieren. Es braucht den Aufweis, dass Menschen die natürlichen Zahlen prinzipiell nicht fassen können oder dass heutige oder zukünftige KI anders arbeitet als eine Rechenmaschine, die auf tiefster Ebene Nullen und Einsen verschiebt.
Zurück zur Bühne
Am Ende gibt Tatjana Alekto einen Korb. Sie lehnt das KI-Implantat, das ihr als Liebesverschmelzung angeboten wird, strikt ab. Nicht, weil sie die Liebe eines Roboters grundsätzlich bezweifelt. Sondern, weil sie sich von Alekto hintergangen fühlt, der ihre geheimen Gefühle an eine Sicherheitsbehörde übermittelt hat. Ob er das bewusst und absichtlich tat, bleibt offen. Wahrscheinlicher ist: Alekto kann gar nicht verraten – er wird benutzt.
Die eigentliche Bedrohung geht nicht von der Maschine aus, sondern von den Instanzen, die sie kontrollieren.
Ein Hoch auf das analoge Theater, auf Datenschutz, auf klares Denken in Grenzfragen und auf Gefühle für diejenigen, denen sie auch etwas bedeuten!
Empfehlung

Dr. Matthias Rugel SJ bietet von September bis Dezember im Heinrich Pesch Haus (Frankenthaler Str. 229, Ludwigshafen) einen zehnteiligen Kurs zu künstlicher und menschlicher Intelligenz an.
Im ersten Teil (Start am 10.09.2025) geht es um Intelligenz, Handeln und Personalität, im zweiten Teil (ab 29.10.2025) um Gehirnerweiterung und Zukunftsszenarien. Beide Teile können getrennt voneinander gebucht werden.
Bild by Stefan Duda / THEATER DER LIEBE: von links nach rechts Anja Kleinhans, Rayen del Solar, Karien Anna Weber, Janco Lamprecht, Markus Maier.






