Mehr als ein Kirchenführer
Das Buch „Gottes erstaunliche Häuser“ stellt außergewöhnliche Orte des Glaubens vor und macht mit persönlichem Blick Lust, Architektur, Spiritualität und die eigenen inneren Räume zu entdecken. Es ist ein Buch, das nicht erklärt, was man gesehen haben muss, sondern zeigt, warum man unbedingt selbst hinfahren will.
Stellen Sie sich vor: Sie stehen in einer Kapelle irgendwo in der Eifel. Der Boden ist roh, die Wände verbrannt schwarz, und durch eine kreisrunde Öffnung im Dach fällt ein einzelner Lichtkegel in den Raum – kein Fenster, kein Altar im üblichen Sinne, nur dieser eine Strahl, der sagt, was Worte nicht können. Das ist die Bruder-Klaus-Feldkapelle von Peter Zumthor. Stefan Weigand nimmt uns mit genauem Blick und plastischer Sprache so leibhaftig dorthin mit, dass ich fast meine, einen Geruch von Wald, Wasser und den verkohlten Wänden in der Nase zu haben.
Mein inneres Auge öffnet sich für ein sanftes Licht, das ab und an aufblitzt in den Glasperlen der Wand und aufstrahlt in dem Wasser, das sich am Boden gesammelt hat. Es entsteht vor meinem inneren Auge ein Ort, ansprechend für alle, die eine Leidenschaft haben für Architektur; ein Ort der Einkehr für Menschen, die gern mit allen Sinnen wahrnehmen; ein Platz, wo man den Himmel sehen kann. Warum bin ich nie auf die Idee gekommen, selbst einfach mal hinzufahren?


Außen- und Innenansicht der Bruder-Klaus-Kapelle von Peter Zumthor
Ein Buch, das Augen öffnet
Kirchen- und Architekturführer gibt es viele. Bücher, die einem erklären, was „man“ gesehen haben muss, die Künstler und Sehenswürdigkeiten aufzählen und erklären, aus welcher Stilepoche welches Tympanon ist. Dieses Buch dagegen macht mir einfach Lust, mich auf den Weg zu machen. Ich fühle mich sehr persönlich an die Hand genommen, um Orte, die sonst eher nicht in Reiseführern stehen, selbst zu entdecken. Es ist ein Buch, das die Augen öffnet. Denn Johanna Beck und Stefan Weigand haben den Mut, nicht nur Orte, sondern sich selbst zu zeigen. Das spricht mich als Leser dann manchmal direkt im Herz an. Und es ist seltener als ein stiller Moment im Kölner Dom.
33 außergewöhnliche Orte des Glaubens versammelt das Buch: moderne Kirchen mit kühner Architektur und alte Kapellen, die aus anderem Blickwinkel neu entdeckt werden. Was beide Autoren dabei auszeichnet, ist die Bereitschaft zur Nahaufnahme – und zwar nicht nur im Blick auf die Bauwerke, sondern auch, wenn sie sich selbst zeigen. Wenn z. B. Johanna Beck vor Werken ihres Urgroßvaters Augustin Kolb steht, eines Malers der Beuroner Schule, und darin vertraute Familienzüge wiedererkennt, dann ist das keine fromme Anekdote, sondern echter Erkenntnismoment.
Mir geht das oft vor gotischen Madonnen so: Der Himmel scheint da auf, wo Künstler sich tief einlassen auf Menschen aus Fleisch und Blut. So ist es auch bei diesem Buch: Plötzlich geht es nicht nur um „Kirchenkunst“ und ihr Inventar, sondern die Kirche wird zum persönlichen „Familienalbum“.
Darin zeigt sich nicht – wie so oft – eine abstrakte „Kirchen“-Geschichte, sondern eine der Geschichten unseres Glaubens. Und da möchte ich am liebsten die Nase ans Bild drücken.
Überhaupt, die Fotos … Sie sind ansprechend. Für die genauen Blicke, zu denen der Text einlädt, sind sie oft zu klein. Ein großzügigeres Format würde ihnen guttun. Aber dann wäre das Buch kein Ausflugsführer mehr. Vielleicht findet sich ja einmal eine Gelegenheit, einige der Bilder anders zu präsentieren.
Wir müssen selbst dahin
Nein, es bleibt nichts anderes: Wir müssen selbst dahin. Und so, handlich und aufrichtig, kann das Buch mit. Ein Buch für den Weg, für die Neugier, für die Seele, die zwischendurch einfach mal Heimat sucht.
Und es gibt sie: Gottes Häuser, die eigentlich Häuser für uns Menschen und unsere Seele sind.
Natürlich hat auch dieses Buch Schwächen: Gelegentlich treten die Theologin und der Theologe in den Vordergrund. Dann wird die Sprache etwas akademisch und abgehoben. Ich persönlich finde die inzwischen hoch ritualisierten Sprachstereotype der Institutionskritik anstrengend. Ja, alles richtig. Es gibt sie, die toxischen Gottesbilder. Aber bei diesen ganz „richtigen“ Exkursen verabschiedet sich zumindest bei mir leise der Zauber, der gerade im inneren Mit-Schauen da war, wie nach der Messe die Andacht, wenn an der Kirchentür der Tratsch über die Nachbarn wieder lautstark beginnt.
Sein eigenes inneres Gotteshaus errichten
Das Buch schließt mit der Einladung, sein eigenes inneres Gotteshaus zu errichten. Das ist reizvoll. Aber eine Kirche, die primär harmonisch und ein Wohlfühlort ist, weckt auch meinen Widerspruch: Für mich gehören zu Gotteshäusern reale Gemeinschaften, mit all ihren Widersprüchen, Brüchen und einer langen Geschichte, die mich auch zu Gottesbildern führt, an denen ich Anstoß nehmen kann.
Es ist wie mit den Lesungen des Stundengebets: Die schwierigen, an denen ich mich reibe, sind oft die, bei denen mir dann ein Licht aufgeht.
Darüber würde ich gern mit den beiden Autoren diskutieren. Und dass ich das möchte, ist ein Kompliment. Liebe Leserin, lieber Leser, lassen auch Sie sich von diesem Buch in ein Gespräch verwickeln über Architektur, das Aufatmen der Seele, Gemeinschaften, die offen sind für den Himmel, über Gott und die Welt.
Übrigens, eine Kirche fehlt mir
Übrigens, eine Kirche fehlt mir: St. Clara in Ulm, ein Werk des Künstlers Herbert Volz, hätte in dieses Buch gehört wie das Amen in die Kirche. Ihr Rundbau ist Versammlungsraum im besten Sinne: Er versammelt Menschen auf Augenhöhe. Ich habe dort getauft: Dieser Raum lässt Spiel für Bewegung – eine Wohltat. Und er verbindet Wärme mit Nüchternheit. St. Clara kommt ohne ein großsprecherisches, religiöse Pathos in seiner künstlerischen Sprache aus. Statt die üblichen Symbole in den Mittelpunkt zu stellen, gibt St. Clara dem Licht Raum und Bühne: ursprünglichstes aller Gottes- und Christussymbole, in reinen Farben, ohne Firlefanz. Wenn ich dort eine Weile sitze, bade ich förmlich im Licht. Und plötzlich ist für mich das Geheimnis wieder ganz und zum Einatmen nahe.







