Seele Endlichkeit Tod

Sinn  

Was ist die Seele?

Könnte ich mit einem anderen Körper, mit einem anderen Hirn oder in einer jenseitigen Welt ich selber bleiben?

Vielleicht haben Sie so eine Geschichte auch schon aus ihrem Umfeld berichtet bekommen. Jemand hat einen schweren Autounfall, mühsam wird sein Gehirn in der Neurochirurgie „geflickt“, nachher hat man es mit einem ganz anderen Menschen zu tun. Seine Partnerin kann es nicht mehr bei ihm aushalten, die Kinder sind ihm fremd. Sehr drastisch kann man sich fragen: Ist das noch dieselbe Person, die mir da begegnet?

Die alte Vorstellung, dass wir im Kern nicht unser Körper, sondern eine immaterielle oder „feinstoffliche“ Seele sind, kann hier weiterhelfen. Sie hilft in zweierlei Richtungen: Einerseits könnte die Geschichte vielleicht darauf hindeuten, dass die Seele bei dem Unfall von diesem Körper gewichen ist (mag sie irgendwo weiterexistieren oder aufgehört haben zu existieren). Andererseits könnte die Existenz einer Seele bedeuten, dass sich bei dem Unfall zwar Erinnerungen, Einstellungen und Charakter verändert haben, der Kern der Person aber derselbe geblieben ist.

Wie könnte ich über eine Reinkaration derselbe bleiben?

Eine solche Seelenverwandlung ähnelt dem, was bei Verstorbenen passieren würde, sollte es Reinkarnation geben. Angenommen, ich wäre die Reinkarnation einer Anna Mayr, die im 19. Jahrhundert gelebt hat. Ich kann mich nicht an dieses vorige Leben erinnern und habe offensichtlich einen anderen Körper. Könnte ich trotzdem mit ihr identisch sein? Was könnte der Kern der Person sein, der mich mit ihr verbindet?

Empirische Reinkarnationsforschung gibt mir einen Anhaltspunkt, das Modell zu vervollständigen. Von einem (vermeintlichen) vorherigen Leben erzählen oft schon Zwei- bis Vierjährige, die sich dann in späterer Zeit nicht mehr daran erinnern. Manchmal legt sich nahe, dass sie aus der Innenperspektive zu einer vergangenen Person Zugang haben, belegbar durch Wissen (z. B. Verstecke und Geheimnisse), Fähigkeiten (z. B. fremde Sprachen sprechen), und/oder Charakterzüge. Manchmal finden sich bei den Kindern Narben an den Stellen, wo ihre Vorfolge-Existenz schwer verwundet wurde. Solche Geschichte verstören mich. Ich prüfe aber ihren Ertrag für die Suche nach dem, warum ein Mensch über die Zeit mit sich identisch bleibt.

Mag ich also als Kleinkind noch ein wenig sensibel gewesen sein, hätte man mich nach meiner Vergangenheit als Anna Mayr gefragt, jetzt ist das weg. Was bleibt dann also mein Kern? Was könnte das sein, meine „unsterbliche Seele“? Nicht mein Körper, nicht meine Erinnerungen, nicht mein Denken, Wollen oder Empfinden von Vergangenem. Was ist dieses etwas, das selbst bei jemand mit neurologischem Schaden bleiben könnte?

Bin ich mein Urteil im jüngsten Gericht?

Vielleicht bleibt das Gewicht meiner guten und schlechten Werke – Verdienste oder Karma genannt. Andersons Märchen von der kleinen Meerjungfrau deutet an, wie es da einen tiefen Kontext des Geliebtwerdens und Antwortens darauf geben könnte. Dieser Vorschlag der Religionen und vieler Mythen scheint freilich so etwas wie Erinnerung, Empfinden und Verstehen vorauszusetzen. All das ist hinsichtlich meiner Prä-Existenz als Anna Mayr und der Existenz des Unfallopfers vor dem Hirnschaden nicht anzunehmen.

Was ist also die Seele? Oder was ist der seelische Prozess, der zwei unterschiedliche Existenzformen zusammenbindet?

Ich schwanke zwischen mindestens drei Antworten, die alle etwas für sich haben – ohne mich voll zufrieden zu stellen.

(1) Die Seele ist ein „höheres Selbst“, von dem aus man viel tiefer die Zusammenhänge versteht und die Bruchstellen, die durch körperliche Existenz im Sonnensystem gegeben sind, einordnen kann. Menschen mit einem Nahtoderlebnis berichten von so etwas.

(2) Die Seele ist ein Nichts, es gibt keine dauerhafte Seele. Theologen behaupten manchmal, dass Gott bei der Auferstehung einen neuen Menschen schaffe.
Aber steht so dieselbe Person von den Toten auf? Kann ich dann in irgendeinem sinnvollen Sinn identisch mit Anna Mayr sein?

(3) Die Seele ist eine bestimmte Art von Erwartung, die sich durch manches durchträgt.

Wenn ich entsprechend (1) ein höheres Selbst sein soll, wie habe ich dann einen Zugang zu dem Denken, Empfinden und Erinnern, das mir doch momentan fehlt? Meine Option (3) könnte eine Antwort auf diese Frage sein, auch wenn sie sich von außen nicht nachprüfen lässt. Tiefer als mein Körper, meine Erinnerungen, mein Charakter bin ich vielleicht doch als ein spezifisches Empfinden und Wollen. Eine individuelle Sehnsuchtshaltung, die Quell meiner Handlungen ist. Verschiedene Zeiten und verschiedene Existenzweisen verbindet vielleicht etwas, das, wenn es sich körperlich zeigt, als Flow, Weinen oder Unruhe empfunden wird.

Veranstaltungstipp:

Reinkarnation Rugel

Dr. Matthias Rugel SJ führt ab 19. Januar 2022 in einem zehnteiligen Online-Kurs in die Religionsphilosophie ein und vertieft die Themen Reinkarnation, Auferstehung und dauerhaftes Leben

Foto: © Momentpoesie/photocase.com


Matthias Rugel

Sucht den Sinn in Gesellschaft von alten und zeitgenössischen Philosophen und möchte in der Gesellschaft den Sinn für gemeinsames Leben mit Menschen aus aller Herren Länder stärken. Der Jesuitenbruder arbeitet als Bildungsreferent am Heinrich Pesch Haus. Der ehemalige Langzeit-Student, Jugendtheater- und Softwareentwickler organisiert auch in Corona-Zeiten ehrenamtlichen Sprachunterricht für Geflüchtete. Seine Ahnung ist, dass die Willkommenskultur bis heute mit dem Reich Gottes zu tun hat.

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