Frauentag

Zusammenleben  

Über Brot und Rosen

Zum Auftakt der Akademie für Frauen im Heinrich Pesch Haus

Vor gut einem Jahr, rund um den Internationalen Tag der Frau, wurde im Ludwigshafener Heinrich Pesch Haus darüber nachgedacht, eine weitere Säule der Bildungsarbeit zu etablieren: eine Akademie für Frauen mit der Vision, Geschlechtergerechtigkeit in Beruf, Alltag und Gesellschaft zu fördern und zu fordern. Ein halbes Jahr später, im September, wurden die Weichen gestellt und ein Team gebildet. Die Aufbauarbeit begann und nach einem weiteren halben Jahr konnten wir, kurz vor dem diesjährigen Internationalen Tag der Frau, im Rahmen eines medialen Kick-offs unser Veranstaltungsprogramm versenden.

Von Anfang an wurde immer wieder eine Frage gestellt (auch wir stellten sie uns): Weshalb eine Akademie für Frauen?

Nur für Frauen? Ist es zeitgemäß Interessierte anderen Geschlechts auszuschließen? Kann so mehr Geschlechtergerechtigkeit erreicht werden?

Ja. Dies ist unsere eindeutige Antwort. Blicken wir kurz zurück auf Ursprung und Anliegen des Internationalen Tag der Frau.

Seit 1911 feiern wir den Internationalen Frauentag

1909 wurde als Folge eines großangelegten Streiks von Textilarbeiterinnen in den USA der Grundstein gelegt. Die Arbeiterinnen forderten mehr Lohn, kürzere Arbeitstage, bessere Arbeitsbedingungen, das Wahlrecht und die Abschaffung der Kinderarbeit. Schnell verbreiteten sich diese Anliegen international. Der erste Internationale Frauentag wurde 1911 gefeiert.

Das allgemeine Datum, der 8. März, wurde während des Ersten Weltkriegs festgelegt. Die UNO feierte und formalisierte den Tag im Jahr 1975. Sie entscheidet jedes Jahr über ein Motto, um ein bestimmtes Themenfeld anzusprechen und sich darauf zu konzentrieren. In diesem Jahr lautet es „Gender equality today for a sustainable tomorrow”, also „Gleichstellung jetzt – für eine nachhaltige Zukunft“. Der Tag dient dazu, den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fortschritt von Frauen zu feiern und die Schritte zu verdeutlichen, die noch unternommen werden müssen, um eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen.

Die Hymne des Frauentages ist noch heute die Vertonung des 1911 verfassten Gedichts von James Oppenheim Brot und Rosen.  Singend liefen die Frauen vor über 100 Jahren durch die Fabriken und Straßen und forderten mehr als das zum Überleben notwendige Brot. Mehr als dunkle Küchen und graue Werkhöfe. Sie sangen: Und wenn ein Leben mehr ist, als nur Arbeit Schweiß und Bauch, woll’n wir mehr, gebt uns das Leben, doch: gebt uns Rosen auch!

Brot für die Existenz – Rosen für das Leben!

Die Rose, diese edle und anmutige Königin der Blumen, ist ein weit verbreitetes Symbol unserer Kulturgeschichte. Rosen als Sinnbild für das Schöne im Leben und zugleich ein Mahnmal der Vergänglichkeit. Rosen begegnen uns immer wieder in Literatur, Bildender Kunst und im Liedgut. Bei Rilke beispielsweise können wir lesen, dass die Gabe einer Rose an die Bettlerin eine Gabe für ihr Herz sei – und auch diese sie einige Tage zu ernähren vermag. Rosen der Wertschätzung, der Umsicht und Nachsicht. In einem Kirchenlied, inspiriert durch das Rosenwunder der Elisabeth von Thüringen, heißt es „wenn das Brot das wir teilen, als Rose erblüht“.

Eingefallen ist mir diese Zeile, weil mich etwas an Brot und Rosen ganz besonders berührt, dass auch in diesem Kirchenlied erklingt. Es ist der Gedanke des Teilens. Es ist der gemeinsame Blick in die Zukunft, das gemeinsame Handeln. So beginnt Brot und Rosen mit der Zeile: Wenn wir zusammen gehen, geht mit uns ein neuer Tag und weiter beginnt plötzlich die Sonne unsere arme Welt zu kosen. Es ist das auch Positive, das berührt.

Die Abwesenheit der Klage zugunsten der Vision eines besseren Lebens. Die Frauen sangen und singen von einer möglichen Schönheit, die explizit alle einschließt.

Wenn wir zusammen gehen, kämpfen wir auch für den Mann, weil ohne Mutter kein Mensch auf die Erde kommen kann. Und hier schlage ich den Bogen zu dem Thema das die UNO für den diesjährigen Internationalen Tag der Frau wählte: „Gleichstellung jetzt – für eine nachhaltige Zukunft“. Die Begründung der UNO ist wichtig. An diesem Tag soll „der Beitrag von Frauen und Mädchen gewürdigt werden, die bei der Anpassung an den Klimawandel, der Eindämmung des Klimawandels und der Bekämpfung des Klimawandels eine führende Rolle spielen, um eine nachhaltigere Zukunft für alle aufzubauen“.

»Frauen stärken – und damit die Welt«

Auch hier der positive, wertschätzende, nicht klagende Blick mit der gemeinsamen Vision einer gelingenden ökologischen Transformation. „Frauen stärken und damit die Welt“ – so ist es bei der UNO nachzulesen. Die letzte Strophe von Brot und Rosen beginnt Wenn wir zusammen gehen, kommt mit uns ein bess’rer Tag. Die Frauen die sich wehren, wehren aller Menschen Plag.

Gehen wir zusammen. Frauen zu qualifizieren, Angebote für eine persönliche Weiterentwicklung, Raum für Austausch – all dies ist gelebte Geschlechtergerechtigkeit. Die Akademie für Frauen leistet einen Beitrag für alle – Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen.

Foto: © Tatyana Aksenova/photocase.com


Christine Stuck

Christine Stuck arbeitet als Bildungsreferentin Akademie für Frauen im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen. Sie lebte und arbeitete in verschiedenen Ländern und in unterschiedlichen Industrien und Organisationen. Lange Zeit beschäftigte sie sich mit soziokulturellem Wandel, nun vorrangig mit Themen der Geschlechtergerechtigkeit.

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