Schule Digitale Bildung

Sinn  

»Technik ist zu wenig«

Warum die Vermittlung von digitalen Kompetenzen in der Schule nicht ausreicht

Viel wird über die Ausstattung von Schulen mit digitalen Medien wie Tablets gesprochen. Vergessen dabei wird oftmals, dass dazu die Lehrkräfte auch fortgebildet werden müssen und dass es aber auch bei digitaler Bildung um Sinn- und Wertefragen geht.

Mit den Schulschließungen der letzten Monate ist auch die Diskussion wiederaufgekommen, ob digitales Lernen ein angemessenes Angebot und eine gute Alternative für den Präsenzunterricht sei. Dabei wurden verschiedene Modelle diskutiert, die von einer Erweiterung des Präsenzlernens durch digitale Angebote sprachen, über eine Ergänzung bis hin zu einem möglichen virtuellen Ersatz. Vor allem der Begriff des Hybridlernens versuchte die verschiedenen Modelle unter einen Hut zu bringen. All dies geschieht im Kontext des vermehrten Einsatzes digitaler Medien in Schule und Unterricht. Vor allem Tablets spielen dabei eine besondere Rolle, da ihnen ein günstiger Preis, eine einfache Bedienung, eine häufig problemlose Einbindung in die mediale Infrastruktur der Schule sowie ein umfangreiches Angebot an pädagogisch sinnvolle Anwendungen zugesprochen wird.

Digitalisierung von Schule ist nicht nur Technik

Dies ist jedoch nur die technische Seite der Digitalisierung in Schulen. Selbstverständlich müssen auch die Lehrkräfte auf das angemessene Unterrichten mit digitalen Medien gut vorbereitet werden. Dabei spielt nicht nur die Ausbildung an lehrerbildenden Hochschulen eine besondere Rolle, sondern auch der Vorbereitungsdienst sowie die Weiterbildung. Denn es bringt wenig, jene zukünftige Lehrkräfte auf das Unterrichten mit Tablets vorzubereiten, wenn sie erst in ein paar Jahren in die Schule kommen.  Vor allem die Weiterbildung ist der zentrale Angelpunkt einer vernünftigen und fachdidaktisch gut begründeten Einbindung digitaler Medien. Dazu bekommen die jeweiligen Lehrkräfte so etwas wie eine medienpädagogische oder digitale Kompetenz vermittelt.

Digitale Bildung als Aufgabe von Schule

Aber reicht das eigentlich alles aus? Die Herausforderung der Digitalisierung in unserer Gesellschaft dürfen nämlich nicht nur im Bereich der Technik gesehen werden, sondern es geht auch um den sozial verantwortlichen Umgang mit digitalen Meddien als auch die Fähigkeit, sich in einem gesellschaftlichen Diskurs um die Sinnhaftigkeit der Digitalisierung beteiligen zu können. Es geht also auch um Bildung, genauer gesagt um digitale Bildung, wenn wir über die Ausstattung von Schulen mit digitalen Medien sprechen. Digitale Bildung soll verstanden werden als die Fähigkeit, souverän mit digitalen Medien umgehen und sie soziale verantwortlich einsetzen zu können.

Darüber hinaus sollte zur digitalen Bildung auch zählen, sich für eine Gesellschaft einsetzen zu können, in der trotz Digitalisierung Menschen in Würde leben können. Dies bedeutet, dass niemand wegen des Einsatzes digitaler Anwendungen in seinen Lebensbereich ausgeschlossen werden kann. Damit bekommt eine digitale Bildung auch eine Sinn- und Wertedimension, die sich an universalistischen Prinzipien der Menschenwürde orientiert.  Und es geht um allgemeine Bildung und Moral bzw. Gerechtigkeit. Genau an diesem Punkt kommt auf Schulen und Lehrkräfte eine besondere Herausforderung zu. Dies besteht darin, sich auf der einen Seite mit den digitalen Medien in Bildungsprozessen gut auszukennen, auf der anderen Seite aber auch, deren individuellen und gesellschaftlichen Folgen reflektieren zu können.

„Digitale Bildung muss auch befähigen, für eine digitale Gesellschaft einzutreten, in der alle Menschen in Würde leben können“

Digitale Bildung in der Lehrerbildung als große Herausforderung

Bereiten wir aber auch unsere Lehrkräfte auf diese Aufgaben entsprechend vor? Und wenn ja, kommt dies auch bei ihren Schülerinnen und Schüler an? Da ist in den Bildungsinstitutionen noch viel zu tun, den ganz so weit sind wir noch nicht. Zuwenig wird in der Lehrerbildung das Thema digitale Bildung angesprochen. Mode ist momentan dagegen, über ‚data literacy‘ oder ‚künstliche Intelligenz‘ zu sprechen. Beides wichtige Themen, ohne Frage. Aber beides auch Entwicklungen, die extrem unsere Gesellschaft und die Art des Kommunizierens und Kooperierens beeinflussen und noch stärker beeinträchtigen werden. Wollen wir das?

Dazu müssen wir befähigt werden, Stellung nehmen zu können und dies ist genau der Ansatzpunkt einer digitalen Bildung, die eben nicht nur auf die Vermittlung des Umgangs mit digitalen Medien fokussiert, sondern auch fragt, welche Persönlichkeit benötigt eine digitale Gesellschaft. Schule ist der zentrale Ort der Gesellschaft, in dem nicht nur Traditionen und Kultur an die jüngere Generation weitergebenen werden, sondern diese auch auf die Zukunft vorbereitet wird. Und dies kann nur geschehen, wenn gesellschaftliche Entwicklung durch und mit Digitalisierung angemessen reflektiert wird. Dazu zählt die Thematisierung von Werte- und Sinnfragen und die Förderung von Persönlichkeit, für eine gerechte Welt einzutreten. Dies ist aber mehr als nur die Vermittlung digitaler Kompetenzen, sondern Bildung, nämlich digitale Bildung!


Stefan Aufenanger

Senior-Forschungsprofessor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Bis 2018 war er Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an derselben Universität und davor elf Jahre in der gleichen Funktion an der Universität Hamburg. Er forscht zu Fragen der Digitalisierung in Familie, Kindergarten, Schule und Hochschule sowie zur moralischen Entwicklung von Kindern. Darüber hinaus ist er in der Fortbildung von Erzieherinnen und Lehrkräften als auch in der Beratung von Kitas und Schulen tätig.
www.aufenanger.de

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