Erzählen in der KITA

Sinn  

Mit Geschichten Brücken bauen

Wie Erzählen Vielfalt und Identität in der Kita stärkt

Es heißt nicht umsonst: „Die Welt trifft sich im Kindergarten.“ Kindertageseinrichtungen sind Begegnungsorte für Kinder und Familien unterschiedlichster sozialer, kultureller und religiöser Herkunft. Daraus erwächst die Chance, aber auch die Verantwortung, sie als Lern- und Erfahrungsräume zu gestalten, in denen Vielfalt wertgeschätzt und Identitätsbildung sowie Demokratieerziehung gefördert werden.

Bereits Kleinkinder setzen sich mit existenziellen Fragen auseinander: Wer bin ich? Wo finde ich Geborgenheit? Was ist Gut und Böse? Warum gibt es Leid? Warum glauben manche an Allah, andere an Gott oder Jesus? Doch oft fehlt es an einer diversitätssensiblen Begleitung, die ihnen Orientierung gibt und ihre Ausdrucks- und Kommunikationsfähigkeit in einer superdiversen, fragmentierten Gesellschaft unterstützt.

Narrative Ansätze als Brückenbauer

Erzählen kann schon im Vorschulalter nachhaltiges Erinnern, Kommunizieren und Reflektieren fördern. Mündliche Erzählungen und darauf aufbauende kreative Prozesse ermöglichen Kindern, sich selbst und andere besser zu verstehen.

Besonders in interkulturellen und interreligiösen Kontexten bietet das Erzählen eine wertvolle Ressource, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf eine zugängliche und emotionale Weise interaktiv zu entdecken. Eine religions- und kultursensible Erzähldidaktik, die die Vielfalt der Kinder und Familien aufgreift, eröffnet Zugänge zu religiösen, ethischen und existenziellen Themen.

Zum Beispiel können biblische Geschichten interreligiös erschlossen werden, indem man sie mit Texten und Traditionen verschiedener Glaubensgemeinschaften in Beziehung setzt. So kann über das diversitätssensible Erzählen ein tieferes Verständnis für eigene, andere und auch gemeinsame Werte, Überzeugungen, Traditionen und Bräuche entstehen.

Erzählen als Methode des Lernens

Das Erzählen ist eine der ältesten Formen des Wissenstransfers und der Sinnstiftung. Religionen und Kulturen sind von ihrem Ursprung her Erzählgemeinschaften, in denen Erfahrungen und Werte über Geschichten weitergegeben werden. Auch in der interreligiösen und interkulturellen Bildung ist das Erzählen eine besonders wirksame Methode. Erfahrungsorientierte narrative Ansätze knüpfen an die kindliche Lebenswelt an und eröffnen individuelle Zugänge sowie Reflexionsmöglichkeiten in der Präsenz von Vielfalt.

Erzählen eignet sich darüber hinaus zur Kommunikations- und Sprachförderung. In einer digitalisierten Lebenswelt, in der direkte Gespräche oft zurückgehen, ermöglichen und fördern Erzählungen sprachlichen Ausdruck und ein Verständnis für narrative Strukturen. Erzählfähigkeit ist eine der Schlüsselkompetenzen in einer zunehmend ausdifferenzierten Welt, die nicht nur im interkulturellen und interreligiösen Lernen, sondern auch in der politischen Bildung in Bezug auf gesellschaftliche Teilhabe und Demokratiebildung eine zentrale Rolle spielt.

Mut und Hoffnung durch Geschichten

Über Erzählungen lernen Kinder, sich in andere hineinzuversetzen und den eigenen Horizont zu erweitern. Geschichten fördern Toleranz und Empathiefähigkeit. Sie helfen, Erfahrungen zu ordnen und Strukturen zu erkennen. Sie können
bestehende soziale Normen hinterfragen und neue Perspektiven aufzeigen.

Besonders Märchen, aber auch lang tradierte Geschichten aus den Religionen und Kulturen bieten Kindern Mutmach-Erlebnisse: Heldinnen und Helden meistern Herausforderungen und wachsen daran. Die Kinder erfahren: Auch schwierige, ausweglos erscheinende Situationen können bewältigt werden.

So bergen zum Beispiel auch die Erzähltraditionen der abrahamitischen Religionen einen reichen Schatz: Die Propheten-Geschichten von Noah (Nūh), Mose (Mūsā) oder Jona (Yūnus) bieten vielfältige Anknüpfungen für interreligiöses Lernen. Sie regen dazu an, sich mit Fragen des Zusammenlebens, mit Hoffnungsbildern, Ängsten oder dem nachhaltigen Umgang mit der Natur auseinanderzusetzen.

Fazit: Erzählen als Brücke der Vielfalt

Über Erzählungen können bereits Kinder im Kita-Alter kulturelle und religiöse Vielfalt erleben und ihre eigene Identität in der Begegnung mit anderen Traditionen reflektieren. Sie lernen, Gemeinsamkeiten zu erkennen, Unterschiede zu akzeptieren und Empathie zu entwickeln. So kann das diversitätssensible Erzählen in der frühen Bildung einen wertvollen Beitrag zu einer offenen, toleranten und dialogischen Gesellschaft leisten.


Katrin Petri

ist ausgebildete und praktizierende Grundschullehrerin. Derzeit promoviert sie extern an der TU-Dortmund zum Thema: Religionssensible Bildung in Kindertageseinrichtungen über narrative Zugänge – Elementarisierte Erzählangebote zur Förderung (inter)religiöser Bildungsprozesse im Vorschulalter.

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