Wahl Trump USA

Versöhnung  

Staatsstreich im Grundkurs

Von den Sorgen eines Humanisten im Zeitalter des Trumpismus

20. November 2020. Mein Herz schlägt viel zu schnell, obwohl ich mich gar nicht vom Fleck bewege. Ich schwitze, obwohl ich nicht beim Sport bin. Als jemand, der es mit dem Herz hat, müsste ich aufhorchen. Denn die körperlichen Alarmsignale stellen sich beim einfachen Zeitungslesen ein. Die morgendliche Lektüre genieße ich eigentlich. Zum Ritual gehört auch die gute Tasse Kaffee. Aber heute geht mir die Lektüre der New York Times richtig nahe. Der Aufmacher betrifft meinen Heimatstaat: „Trump Targeting Michigan in Ploy to Subvert Vote.“ Trump schießt sich in seinem Versuch, das Wahlergebnis auszuhebeln, auf Michigan ein.

Der Beitrag von David Sanger kommt sofort zur Sache: „WASHINGTON. Nie zuvor in der amerikanischen Geschichte hat ein Präsident so unverfroren versucht, ein Wahlergebnis zu annullieren. Donald Trumps politischer Gewaltmarsch ins Weiße Haus ist noch kruder als jener Tag nach dem Bürgerkrieg, an dem Rutherford B. Hayes durch eine Abstimmung im Kongress zum Präsidenten wurde.“

Wann haben wir je etwas Ähnliches durchgemacht, frage ich mich beim Lesen und Wiederlesen. Ich bin allein zu Hause, aber ich muss mit jemandem reden, und so rufe ich meinen ältesten Freund an, der inzwischen Bundesrichter in Michigan ist. Halb aus Spaß und halb verzweifelt frage ich ihn, ob er mir versichern kann, dass sich das dortige Landesparlament einem versuchten Staatsstreich widersetzen wird. (Denn ohne dessen Zutun würde Trumps jüngster Plan, wie er die Präsidentschaft doch noch an sich reißen könnte, nicht aufgehen.)

Mein Freund ist ein unverbesserlicher Optimist – was mich sonst manchmal nervt, was aber diesmal wohl der Grund ist, warum ich ihn überhaupt angerufen habe. Doch selbst er ist unsicher. Er würde mir gern helfen, sagt er, aber auch er macht sich Sorgen. Dann formuliert er, sehr sorgfältig, noch eine ominöse Einschränkung: Auch wenn Trump damit durchkommt, heißt das noch nicht, dass das Militär mitspielt.

Wie bitte? Uns beiden wird klar, dass wir allen Ernstes von der Möglichkeit einer Machtübernahme der Armee sprechen. Ohne jede Ironie und Übertreibung. Wir sprechen vom Ende der Demokratie. Damit muss ich wirklich erst einmal klarkommen – und auch damit, dass diese Gedanken inzwischen so weit verbreitet sind.

Werden sie sich an solche Schreckensszenarien gewöhnen?

Wenn dieser Text erscheint, mag die akute Gefahr schon überwunden sein. Schön wäre es. Bald liegt hoffentlich ein amtliches Endergebnis vor, und dann sehen Trumps Schritte vielleicht eher kläglich als bedrohlich aus.

Das Grundproblem bleibt aber bestehen. Die Schockwellen wird man untergründig noch lange spüren und nachverfolgen können. Meine Kinder und meine Studentinnen und Studenten werden damit leben müssen, auch wenn es ihnen vielleicht nicht immer bewusst sein wird. Es wird ihre Welt und ihre Erwartungen an die Welt prägen.

Um sie mache ich mir die meisten Sorgen. Sie sind in Trumps Amtszeit aufgewachsen. Werden sie sich an solche Schreckensszenarien gewöhnen? Werden sie es für normal halten, dass ein Präsident versucht, die Ergebnisse einer Wahl zunichte zu machen? Werden sie ihrer Demokratie misstrauen, sie verachten? Oder sich an die meiner Meinung nach gefährlich naive Vorstellung klammern, dass die amerikanische Demokratie das alles einfach wegstecken kann? Ist ihnen – und uns – überhaupt bewusst, wie uns diese Umbruchszeiten verändern?

Noch bevor Trump seinen Kreuzzug gegen das Wahlergebnis startete, schrieb Timothy Egan, dass sich Amerika bei dieser Wahl seine Sterblichkeit vor Augen führte. Sehen wir und sehen junge Leute das vielleicht einfach wie einen Hollywoodfilm, an dessen Ende natürlich ein glorreicher Sieg stehen wird und bei dem uns alles, was uns nicht umbringt, stärker macht?

Ich fürchte, das wird sich nur allzu bald herausstellen.

USA

Nächstes Semester geben meine Kollegin Melissa Miller und ich hier an der University of Notre Dame einen neuen Grundkurs mit dem klangvollen Titel „Confronting Racism, Authoritarianism, and Anti-Democratic Forces: Lessons From Russia, Germany, and Eastern Europe“. Unser Ziel scheint mir nun, da ich die Vorlesungen schreibe, vielleicht etwas zu hoch gesteckt. Im Sommer ließen wir uns wohl von jenem Idealismus inspirieren, dessen Quelle und Ausdruck die weltweiten Proteste und Diskussionen nach dem Mord an George Floyd waren. Wir wollten – und wollen – wenigstens für ein bisschen Veränderung sorgen. Uns mit aktuellen Entwicklungen befassen, statt einfach immer dasselbe zu lehren.

Doch was können wir als Nicht-Amerikanisten tun?

Meine Kollegin und ich beschäftigen uns in unserer Forschung mit der russischen bzw. deutschen Kultur und Politik. Wie können wir damit den Gemeinsinn der jungen amerikanischen Studentinnen und Studenten schärfen, mit denen wir es in der Lehre hauptsächlich zu tun haben? Lohnt es sich überhaupt, den Blick nach außen, in ein für die meisten fernes und fremdes Ausland zu lenken, wenn der Beweggrund des Kurses der Rassismus hier in den USA ist?

Wollen wir die Schuld bei anderen suchen und von uns ablenken, wo doch in unserem eigenen Land ein so großer Handlungsbedarf besteht? Könnte der ganze Kurs zu einem sinnlosen Umweg werden? Um ehrlich zu sein, wir wissen es selbst nicht.

Dieses Dilemma erinnert mich an den alten Vorwurf, den amerikanische Germanisten (wie ich)  sich mitunter haben anhören müssen, wenn sie sich mit dem Holocaust beschäftigen. Nur unter der Hand, natürlich, und nach ein paar Drinks hört man ihn in seiner ganzen Dramatik, aber letztlich lautet er: Die Amerikaner widmen sich den Nazis und dem Holocaust mit so viel Nachdruck, weil sie dadurch von ihren eigenen Verbrechen ablenken können. Sie müssen sich dann nicht mit dem Völkermord an den Ureinwohnern Amerikas, mit der langen Geschichte der Sklaverei und der noch längeren Geschichte der Rassentrennung beschäftigen.

Das lässt sich natürlich nicht beweisen. Zumindest theoretisch schließt das eine ja auch das andere nicht aus. Doch der Vorwurf ist auch nicht einfach von der Hand zu weisen. Und er kommt mir jetzt wieder zu Bewusstsein, da ich mich Europa zuwende, um etwas zu untersuchen, was in den USA mindestens genauso weit verbreitet ist, wenn nicht noch weiter.

Allerdings kann man diese nur scheinbar gegenstrebigen Tendenzen auch anders, nämlich konstruktiver angehen. Könnten nicht diejenigen, die sich sorgfältig mit dem einen, dem Holocaust, beschäftigt haben, den Blick auch für das andere schärfen, für den Völkermord an den Ureinwohnern und die Versklavung der Schwarzen? Kann beides nicht miteinander einhergehen? Warum sollte, um es mit Freuds hydraulischer Metapher zu sagen, das eine das andere verdrängen? Und bedeutet eine gewisse Distanz nicht manchmal auch einen pädagogischen Gewinn?

»Manchmal erkennen wir erst, dass uns etwas betrifft, wenn es uns befremdet hat.«

Jener letzte Punkt hat uns im Rahmen der Kursplanung besonders überzeugt. Denn nicht selten sind Studentinnen und Studenten eher bereit, sich mit einem brisanten Thema auseinanderzusetzen, wenn es über Bande oder aus einer gewissen Entfernung angespielt wird. Daher können wir offenere Gespräche über Sexualität, Beziehungen und tiefste Überzeugungen führen, wenn wir sie uns mit Hilfe von Literatur oder Filmen vor Augen führen. Ich würde meine Studentinnen und Studenten nie nach ihrem Beziehungsleben fragen, aber ich frage sie nach sehr ähnlichen Beziehungen in Büchern oder Filmen. Automatisch sprechen wir dann auch von uns selbst, denn wir geben etwas von uns preis, wenn wir etwas beurteilen – aber wir tun das aus sicherer Entfernung. Das Risiko ist begrenzt. Das ist des Pudels Kern, wenn es um indirekte Lehrpläne geht.

Freud erkannte, dass das auch in unseren Träumen passiert: Unangenehme Wahrheiten scheinen auf und werden zugleich umgestaltet. Deshalb sind Träume deutungsbedürftig. Daher sind Entfernung und Vertrautheit für Freud keine Gegensätze, sondern Teil eines fruchtbaren Spannungsverhältnisses. Man denke an das paradoxe Paar „heimlich/unheimlich“. Manchmal erkennen wir erst, dass uns etwas betrifft, wenn es uns befremdet hat.

Lässt sich diese Dynamik auch pädagogisch nutzen? Wir können natürlich nicht ausschließen, dass unser Kurs zum Fluchtversuch wird. Aber wir hoffen, dass die Konzentration auf Rassismus, autoritäre Strukturen und demokratiefeindliche Kräfte in Deutschland und Russland dazu führen wird, dass unsere Studentinnen und Studenten diese Gegebenheiten erst einmal aus sicherer Distanz analysieren und sich nicht gleich in innenpolitische Kämpfe verhakeln. Doch letztlich geht es uns darum, unsere Arbeitsergebnisse auch auf die Heimatfront zu beziehen. Wir wollen sehen, ob wir etwas von anderen lernen können, das sich dann hier umsetzen lässt.

Der Kurs ist als gemeinsames Forschungsprojekt geplant, und am Ende werden wir natürlich nicht alle Antworten haben. Aber einige Schlussfolgerungen werden wir sicher ziehen können. Putins Russland ist zweifellos das Paradebeispiel für die Beseitigung der Demokratie durch ein autoritäres Regime. Die Lage in Deutschland ist komplexer: auf der einen Seite die AfD, auf der anderen die vielgelobte Erinnerungskultur, der Aufbau und die Pflege demokratischer Institutionen in Gesellschaft und Politik nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Neukonzeption der Polizeiarbeit, die trotz jüngster Enthüllungen über Brutalität im Einsatz und Verstrickungen mit rechtsextremen Terrorgruppen beispielhaft ist. Mit anderen Worten: Im Rahmen der Förderung einer demokratischen und antirassistischen Kultur benutzen wir Europa nicht einfach als Deckmantel für eigene Verfehlungen. Im Gegenteil. Wir plündern die europäische Zeitgeschichte – was einige Kollegen nicht „akademisch“ genug finden – auf der Suche nach guten Beispielen und abschreckenden Warnungen, die uns dabei helfen, uns selbst besser zu verstehen.

Wir müssen der Sache ins Auge sehen: All dies ist nun erst recht unser Thema

All das war bis vor ein paar Wochen plausibel. Die USA galten (neben dem Südafrika der Apartheid) viel zu lange schon als klassischer Fall einer Gesellschaft, in der der schwarzenfeindliche Rassismus endemisch ist. Doch die beiden anderen Spukgebilde unseres Kurstitels (autoritäre Strukturen und demokratiefeindliche Kräfte) wurden weit weniger häufig mit den Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht.

Bei genauerem Hinsehen gab es sie aber natürlich. McCarthys Schreckensregime liegt noch gar nicht so lange zurück. Doch die Bildwelt der Gegenwartskultur hat es zur Ausnahmeerscheinung erklärt. Zum amerikanischen Weltbild gehörte, dass Diktatur und Diktatoren immer irgendwo anders zu finden sind – da draußen irgendwo. Wir hielten uns für die Lösung, nicht das Problem. Für den Helden der Gleichberechtigung und Befreiung, nicht den demagogischen Übeltäter.

Fuck Trump

Doch schon heute können wir über keines dieser Themen sprechen, ohne auch gleich über Trump und den Trumpismus zu reden. Zahllose Artikel und Aufsätze handeln von Trumps Versuchen, die Wahl zu delegitimieren und Bürgerinnen und Bürger vom Wählen abzuhalten. Wir müssen der Sache ins Auge sehen: All dies ist nun erst recht unser Thema. 73 Millionen Menschen stimmten für Trump, und so wird er auch dann noch durch die amerikanische Politik geistern, wenn Joe Biden im Januar ins Weiße Haus einzieht. Die vielen Trumpwähler verschwinden nicht einfach. Auch in unserer Studentenschaft und unserem Lehrkörper sind sie, meiner Einschätzung nach, recht zahlreich vertreten.

Unsere ganze Indirektheitsstrategie ist also im Eimer. Wir hätten uns im Großen und Ganzen darauf verlassen können, dass die Studentenschaft (bei allem Streit darüber, was das in der Praxis bedeutet) antirassistisch eingestellt ist. Das gehört sogar zum durch die Öffentlichkeitsarbeit intensiv gepflegten Image der Universität, im Rahmen dessen fast ritualhaft ein Foto des legendären ehemaligen Universitäts-Präsidenten Theodore Hesburg verbreitet wird. Es zeigt den „zweiten Gründer“ der Universität neben Martin Luther King, Jr.

Martin Luther King

Aber ob nun Trump als autoritär und antidemokratisch zu gelten hat, darüber besteht in der Studierendenschaft bestimmt keine Einigkeit. Streit ist vorprogrammiert. Und so ist es unrealistisch, dass wir diese beiden Themen in Ruhe mit Bezug auf ferne Länder ansprechen können, um sie dann erst nach und nach auf die USA zu beziehen.

Das elegante „Heimlich/unheimlich“-Modell bricht in sich zusammen

Die parteipolitische Spaltung der Gesellschaft macht uns das Unterrichten noch schwerer, denn indem wir Trumps Versuche, das Wahlergebnis in Frage zu stellen, als solche ansprechen, werden meine Kollegin und ich den Vorwurf auf uns ziehen, dass wir nicht nur einen von manchen bewunderten Ex-Präsidenten angreifen, sondern auch Studentinnen und Studenten selbst. Das elegante „Heimlich/unheimlich“-Modell bricht in sich zusammen, sobald Trump uns als Feinde unserer eigenen Studierendenschaft darstellt. Eigentlich sollte das nicht weiter überraschen. Denn warum sollten gerade unsere Seminarräume von der landesweiten politischen Polarisierung verschont bleiben? Das war vielleicht von vornherein ein naiver Wunschtraum.

Trotzdem stellen wir uns nun der Herausforderung, einen Kurs durchzuführen, der Menschen im Interesse sozialer Gerechtigkeit miteinander ins Gespräch bringen und im kleinen Rahmen einige Gräben zuschütten will. Ob uns das gelingt, ohne dass wir unwillkürlich diese Gräben vertiefen, bleibt abzuwarten. Drücken Sie uns die Daumen. Wir melden uns.

Aus dem Amerikanisch-englischen von Christophe Fricker

Fotos: © Patrick Lienin/photocase.com, © CaulfieldDo/photocase.com, © Femme Curieuse/photocase.com, © Terlina/photocase.com, © Hauninho/photocase.com, © Alpenfux/photocase.com, © Maciej Bledowski/photocase.com


William Collins Donahue

William Collins Donahue

William Collins Donahue ist der Rev. John J. Cavanaugh, C.S.C., Professor of the Humanities im College of Arts and Letters und Professor für Europäische Studien und Leiter der „Initiative for Global Europe“ in der Keough School of Global Affairs an der University of Notre Dame (Indiana, USA).

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