Fastenzeitimpuls Sinnerfahrung

Sinnerfahrung

Ein Impuls von Klaus Mertes zur Fastenzeit (3)

Rachel Naomi Remen, Ärztin und Professorin für integrative Medizin in San Franzisko, erzählt die Geschichte von einem Notfallarzt namens Harry, der viele Jahre lang mit Geschick und Routine in Notsituationen erfolgreich entbunden hatte.

Eines Tages war es wieder so weit, doch diesmal passierte etwas Besonderes, schreibt Rachel: „Noch bevor die Nabelschnur durchtrennt war, nahm Harry das Baby auf seinen linken Arm. Mit der linken Hand hielt er seinen Kopf und reinigte mit einem Absauger Mund und Nase vom Schleim. Plötzlich öffnete das neugeborene Mädchen die Augen und schaute ihn direkt an. In diesem Moment fiel Harry gewissermaßen aus der Rolle: Er, der Techniker, wurde sich einer ganz einfachen Tatsache bewusst: Er was das erste menschliche Wesen, das dieses Mädchen sah. Voller Mitgefühl hieß er es im Namen aller Menschen willkommen, und Tränen stiegen ihm in die Augen.“

Ich nenne solche Momente „Sinn-Momente“. Wir gehen routiniert, professionell und engagiert bestimmten Tätigkeiten nach, doch plötzlich, in einem Moment erschließt sich uns der tiefere Sinn unserer Tätigkeit. Natürlich wusste Harry auch vor diesem Erlebnis, dass seine Tätigkeit als Notarzt sinnvoll ist. Aber erst der Blick des Säuglings rührte ihn zu Tränen. Der Sinn seiner Tätigkeit ergriff ihn in der Tiefe.

Solche Sinnerfahrungen sind Glückserfahrungen. Sie sind eine Kraftquelle für das Leben.

Sie leisten im Effekt mehr für die Motivation als alle Motivationsseminare und finanziellen Anreize zusammengenommen.

Sinnerfahrungen haben den Charakter eines Geschenks

Geschenke kann man nicht planen. Ich persönlich glaube, dass Sinnerfahrungen nicht bloß zufällig geschehen. Sie werden vom Himmel geschenkt. Bei Geschenken verhält es sich so: Je nachdem, wie ich mit einem Geschenk umgehe, drücke ich damit auch aus, was ich von der Person denke, die mir das Geschenk geschenkt hat. Dem Zufall kann ich nicht danken. Deswegen reagiere ich auf Sinnerfahrungen mit Dankbarkeit. Ich mache mir das Geschenk bewusst, danke dafür, und erzähle es auch weiter, wenn es dran ist und passt. Das ermutigt dann auch andere zu einem Leben in Fülle, das mehr ist als bloßes Funktionieren.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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