7 Kapellen Maeckler

Sinn  

Wenn sich ein Stapel Holz als Kapelle entpuppt

7 moderne Kapellen als Wegmarken im schwäbischen Donautal

Der Baustoff: Holz, dazu ein Kreuz – das waren die einzigen Vorgaben an die Architekten. Das Ergebnis sind sieben moderne Kapellen entlang der Radwege im schwäbischen Donautal, die architektonische Landmarken setzen und damit den Bogen zu den traditionellen Wegkapellen schlagen.

Die „7 Kapellen“ sind eine private Initiative des Unternehmerehepaars Elfriede und Siegfried Denzel. Die beiden gründeten 2016 eine Stiftung, um den Kapellenbau zu ermöglichen. Für jede Kapelle stellte die Stiftung 100.000 Euro zur Verfügung und forderte zudem eine nachhaltige, reparaturfreundliche und pflegeleichte Bauweise.

Die sieben Kapellen sollen Natur und Architektur mit dem Glauben verbinden.

Peter Fassl, langjähriger Bezirksheimatpfleger und stellvertretender Vorsitzender der Denzel-Stiftung; hat das Projekt konzipiert und durchgeführt. Zusammen mit den Architekten hat er die Standorte für die neuen Landmarken in der schwäbischen Landschaft ausgesucht.

7 – eine vollkommene Zahl

Auch die Anzahl der Kapellen kommt nicht von ungefähr – mit den sieben Gebäuden beziehen sich die Initiatoren auf die besondere Bedeutung der Zahl im christlichen Kontext. Steht die Zahl 7 doch für Vollkommenheit und drückt Fülle und Ganzheit aus. Gott – symbolisiert durch die Zahl 3 – und die Welt (4) sind zu einem Ziel gekommen: der Schöpfung. Nicht umsonst kommt die Sieben an unzähligen Stellen in der Bibel vor: So dauerte die Schöpfung sieben Tage, – der 7. Tag ist der Sabbattag, sieben Bitten zählt das Vater Unser …

Zwischen 2018 und 2020 wurden die Wegkapellen errichtet und alle ökumenisch gesegnet. Seitdem laden sie ein zum Rasten, zum Gebet, zum Schutz und auch einfach nur zum Staunen. Denn es sind spannende Bauwerke entstanden – da gibt es einen Holzstapel, einen Holzstamm, eine offene, an einen Tempel erinnernde Konstruktion oder einen Turm mit unzähligen Lamellen.

Wie ein antiker Tempel

Es ist die erste der sieben Kapellen: das 2018 eröffnete Wegzeichen des Augsburger Architekten Hans Engel bei Gundelfingen. Zwölf runde Säulen aus Lärchenholz markieren den kreuzförmigen Grundriss und tragen ein flaches Dach. Fünf Meter hoch ist die Kapelle, die durch ihre offene Bauweise eher wie ein Pavillon denn ein Sakralbau wirkt. Auch einen antiken Tempel könnte man mit Blick auf die vielen Säulen assoziieren. Innenraum und Außenwelt gehen fließend ineinander über, begrenzt nur durch große Glastafeln, die mit Zitaten bedruckt sind. Vor der Kapelle und unter dem Dach laden Tische und Hocker zur Rast ein.

Fotos: Eckhart Matthäus © Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung

Ein Holzstapel

Da liegt ein Holzstoß am Waldrand. Oder doch nicht? Kommt man näher, erkennt man, dass es sich um eine der sieben Kapellen handelt, die sich harmonisch in die Umgebung einfügt. Entworfen hat sie der englische Architekt John Pawson. Er konzipierte die Kapelle als einen quaderförmigen Holzstapel aus Douglasienstämmen, der zehn Meter lang und drei Meter breit ist. Ein enger Durchgang führt ins Innere der Kapelle, das über sieben Meter hoch und fast neun Meter lang, dafür aber sehr schmal – und düster ist. Nur durch eine kleine Öffnung im oberen Teil der 2018 erbauten Kapelle gelangt etwas Licht hinein. So stechen die beiden anderen Lichtquellen besonders hervor: das Kreuz an der Wand, das bernsteinfarben leuchtet, und das kleine Fenster, das den Blick auf die Landschaft bei Unterliezheim eröffnet.

Fotos: Eckhart Matthäus © Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung

Zum Gebet gefaltet

Etwas Fantasie braucht man schon: Die Kapelle nahe der Ludwigschwaige bei Buttenwiesen von dem Meringer Architekten Alen Jasarevic erinnert an zwei zum Gebet gefaltete Hände. Die hoch aufragende Kapelle besteht nur aus einem Dach und hat die Form eines ansteigenden Zeltes. Eine Überraschung erwartet Besucher:innen im Innenraum: Die Tannenholztafeln tragen unendlich viele Kerben. Genauer gesagt rund zwei Millionen, die Bildhauer Josef Zankl mit seinem Schnitzeisen setzte. „Die Oberfläche scheint sich im Licht zu bewegen. Eine unendliche Tiefenstruktur öffnet sich“, beschreibt Peter Fassl die Wirkung.

Fotos: Eckhart Matthäus © Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung

Auf freiem Feld

Die Kapelle von Frank Lattke, Architekt in Augsburg, steht an einer Weggabelung auf freiem Feld bei Oberbechingen. Sie erinnert an einen Stadel und ragt spitz auf. Der Raum ist quadratisch und wird durch ein steiles, hohes Sparrendach überspannt. Die Kapelle ist etwa 7 Meter hoch, der Eingang liegt an der niedrigsten Stelle. Das obligatorische Kreuz steht in einer Ecke, schmale Aussparungen daneben lassen Licht in den Raum. „Die Kapelle ist ein Ort der Kontemplation in der Weite der Landschaft, die im Kontrast der Enge der Raumerfahrung deutlich wird“, sagt Frank Lattke. Durch ihre unterschiedlichen Fassaden und die Höhe des Dachfirstes scheine sie in Bewegung zu sein, ergänzt Peter Fassl.

Fotos: Eckhart Matthäus © Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung

Ganz schön blau

Sie erinnert an einen Baumstamm, der in den Himmel ragt: die 2018 fertig gestellte Kapelle Emersacker von dem Betzigauer Architekten Wilhelm Huber. Der zwölf Meter hohe asymmetrische Turm ist auf einer Seite mit Zinkblech gedeckt. Durch eine Schiebetür gelangt man ins Innere der Kapelle. Jetzt wird klar, warum die Kapelle auch „Blaue Kapelle“ heißt: Zahlreiche kleine Oberlichter aus mundgeblasenem Glas in verschiedenen Blautönen tauchen den Raum in ein bläuliches Licht. „Die Farbe Blau steht im Zusammenhang mit dem Wunsch nach der Verbindung mit dem Himmel und soll zugleich die göttliche Wahrheit symbolisieren“, erläutert Architekt Huber.

Fotos: Eckhart Matthäus © Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung

Wie ein Aussichtsturm

Die 14 Meter hohe Kapelle bei Kesselostheim ist wohl der spektakulärste Entwurf unter den sieben Kapellen. Der Berliner Architekt Volker Staab konzipierte sie als Turm aus Holzlamellen. Die einzelnen Lamellen „bilden eine durchlässige Raumhülle, durch die Sonnenlicht, Wind, Regen und Schnee ins Innere der Kapelle gelangen und den Innenraum in unmittelbarer Verbindung zur umgebenden Landschaft halte“, beschreibt der Architekt seinen Entwurf. Der Turm ist vier mal vier Meter groß und verbirgt das geforderte Kreuz in der offenen Dachkonstruktion.

Fotos: Eckhart Matthäus © Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung

Ein bisschen Blockhaus

Mit der Kapelle des Frankfurter Architekten Chrisoph Mäckler in Oberthürheim ist der Reigen der sieben Kapellen komplett. Die zwölf Meter hohe Blockhauskonstruktion wurde 2020 fertig gestellt. Das Gebäude kommt in seiner Formensprache den klassischen Wegkapellen am nähesten: Es misst acht auf drei Meter und hat einen Vorbau als Eingangsbereich. Peter Fassl fühlt sich durch das steile Dach an einen gotischen Kirchenbau erinnert. Um so überraschender – und moderner – ist dann der Innenraum: 172 quadratische und blau verglaste Öffnungen tauchen den Innenraum in ein bläuliches Licht.

Fotos: Eckhart Matthäus © Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung

Tourenempfehlung

Sieben Kapellen

Für einen Besuch der sieben Kapellen ist eine Radrundweg eingerichtet. Die Strecke beläuft sich auf ca. 130 Kilometer führt über bewährte Radstrecken.


Anette Konrad

Ohne Block und Stift geht sie nie aus dem Haus. Denn die Journalistin könnte ja unterwegs auf ein spannendes Thema stoßen. Die promovierte Historikerin und Slavistin schreibt gerne über geschichtliche Themen, porträtiert faszinierende Menschen, verfasst aber auch Unternehmensporträts und Reisereportagen. Dabei verbindet sie Berufliches mit ihrer großen Leidenschaft: dem Reisen. Seit sie einige Monate in Moskau studiert hat, zieht es sie immer wieder nach Osteuropa. Im Heinrich Pesch Haus verantwortet sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

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