Pierre Stutz

Zusammenleben  

»Unsere Welt kann anders werden«

Interview mit dem Autor und spirituellen Lehrer Pierre Stutz

Wie gelingt ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen über alle Grenzen von Weltanschauungen hinweg? Als Grundlage werden hier die Artikel der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen genannt. Leider geraten diese oft in Vergessenheit. Der spirituelle Autor Pierre Stutz – inspiriert vom Komponisten und Künstler Helge Burggrabe – ist in seinem neuem Buch „Menschlichkeit JETZT!“ der Frage nachgegangen: Was können die Artikel für den Einzelnen bedeuten? Wodurch entfalten die Menschenrechte ihre Kraft?

Pierre Stutz, wie kamen Sie auf die Spur, sich mit den Menschenrechten auseinanderzusetzen?

Die Menschenrechte inspirieren mich seit meiner Jugendzeit. Sie beeindrucken mich immer wieder, weil sie 1948 entworfen worden sind, nach der Grausamkeit des 2. Weltkrieges. Die Hoffnung war zerstört, das Vertrauen vergraben … mitten in diese Orientierungslosigkeit wird eine Vision entfaltet, in der die unantastbare Würde eines jeden Menschen in einem Plädoyer für mehr Menschlichkeit entfaltet wird. Sie sind für mich eine Hymne an die Liebe. Eine universelle Liebe, die glaubwürdig in die konkreten ökonomischen und gesellschaftspolitischen Aspekte unseres Zusammenseins hineinbuchstabiert wird.

Wir leben in einer modernen und global vernetzten Welt: Braucht es die Artikel der Menschenrechtserklärung überhaupt noch?

Auf jeden Fall, in unserer angstbesetzen und polarisierenden Welt bleiben sie hochaktuell. Jeden Tag werden sie brutal mit Füßen getreten und zugleich werden sie täglich durch Jung und Alt verwirklicht. Mehr denn je brauchen wir beherzte Menschen, die wachsam-kritisch und zugleich konstruktiv mit anderen aufzeigen, dass unsere Welt anders werden kann, zärtlicher und gerechter. Im Buch erwähne ich viele junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die wie Fridays-for-future mich kreativ-überzeugend bestärken, dass ein Bewusstseinswandel und ein einfacher Lebensstil möglich sind.

Pierre Stutz Buch Menschlichkeit JETZT!

Sie übertragen die Inhalte der Menschenrechte auf das Leben des Einzelnen. Was war der Impuls, dieser Idee nachzugehen?

Es gehört zu meiner spirituellen Grundeinstellung, dass Veränderung in uns selbst beginnt, ganz im Sinne von Mahatma Gandhi „Sei du selbst die Veränderung, die du dir für diese Welt wünscht.“ Wie ein roter Faden zieht sich diese Haltung durch die 13 Kapitel. Wer glaubwürdig und nachhaltig sich für die Menschenrechte ein- und aussetzen möchte, der darf in sich selbst beginnen. Ich bin ein „gebranntes Kind“, weil mit 38 Jahren in einem zweijährigen Burnout alles zusammenbrach, was ich mir mühsam aufgebaut habe. In meinem Engagement habe ich zu sehr im Außen, im Verändern von Strukturen gekämpft und dabei die Pflege meines Körpers und einer gesunden Balance vernachlässigt.

Die These des Buches besagt, erst wenn wir uns selbst gegenüber menschlich verhalten, bilden wir die Basis, anderen menschlich und im Sinne der Menschenrechte zu begegnen. In welchen Situationen fällt Ihnen das schwer, dies umzusetzen?

Selbstbewusst und mit Zivilcourage im Leben zu stehen, bleibt für mich eine alltägliche Herausforderung. Es bedeutet faire Konflikte wagen zu können, was für mich anspruchsvoll bleibt, weil mein Harmoniebedürfnis auch zu mir gehört. Angesicht der himmelschreienden Kriege, Korruptionen und Ungerechtigkeiten auf der Welt kann meine Empörung groß sein.

Um mich nicht darin zu verlieren, ist es wichtig, dass ich im Protest darauf achte nicht mit Pauschalisierungen und Sündenbockmechanismen zu argumentieren.

Deshalb plädiere ich im Buch, sich nicht nur für die Freiheit aller Menschen zu exponieren, sondern auch seine innere Freiheit zu stärken, im Einüben konstruktiv mit Kritik und Gegenwind umzugehen.

Existenzbedürfnisse, Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Liebe, Heimat und Schutz, Arbeit, Erholung, Kreativität sowie Gemeinschaft … Welches dieser Lebensthemen liegen Ihnen besonders am Herzen oder beschäftigt Sie gerade eines mehr als die anderen?

Die Frage nach Heimat ist mir sehr nahe. Ich bin mit zwei syrischen Familien befreundet in Osnabrück, die wegen dem Bürgerkrieg in Syrien alles verlassen mussten. Durch sie erfahre ich konkret, wie viele Menschen auf der Flucht sind, z.B. auf einer Insel monatelang warten müssen in unmenschlichen Lebensverhältnissen. Ich bin beeindruckt wie hoffnungsvoll diese Flüchtlinge bleiben und dadurch werde ich auch auf mein Lebensthema zurückgeworfen: Auch bei mir selber zu Hause sein dürfen im Entfalten meiner Talente und im Annehmen meiner Grenzen.

Das Buch ist aus dem internationalen „HUMAN Culture Project“ – www.human-project.net – hervorgegangen, ein Tanzprojekt, bei dem Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen und künstlerisch tätig sind. Tanz und Menschenrechte – das ist nun nicht die naheliegendste Kombination. Inwiefern hilft Tanzen uns dabei, Menschenrechte umzusetzen? Und: Tanzen Sie selbst?

Ja, das Buch ist durch eine Begegnung mit Helge Burggrabe entstanden, als er mir 2019 von seiner Idee erzählte, ein Orchesterwerk zu komponieren, damit junge Menschen in multikulturellen Begegnungen eine kreative Hommage an die Menschenrechte tanzen können. Bei seinem begeisterten Erzählen entfachte sich mein Schreibfeuer (feu sacré) und ich sah mit meinen inneren Augen schon das ganze Buch vor mir, etwas Wunderbares! Musik, wie alle Kunst, kann Menschen bewegen sich mit Lebensfreude und Einsatz zu engagieren.

Das Projekt zeigt exemplarisch auf, dass wir junge Menschen nicht nur durch Appelle zur Solidarität bewegen können, sondern durch gezielte, zeitbegrenzte Projekte.

So sind nun nicht nur Tanzaufführungen in Deutschland, Österreich, Schweiz geplant, sondern auch in Brüssel, Valencia, Chile und Bethlehem. Wir beide spenden unser ganzes Buchhonorar diesem Projekt: Alle, die ein Buch kaufen, unterstützen auch Jugendliche, damit sie und die Zuschauenden zu einer kämpferischen Gelassenheit ermutigt werden.

Ich tanze gerne … im Tanz erfahre ich – ganz im Sinne der Mystik – Momente in denen ich voll da bin und ganz weg. Interreligiös wird ja der Tanz als Symbol umschrieben, in dem Menschen in höchster Präsenz (und auch Übung) sich selbst vergessen. Der Jesuit und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin bringt es auf den Punkt: „Es macht den Wert und das Glück des Lebens aus, in etwas Größerem aufzugehen, als man selbst ist.“

Wenn Sie nochmal 20 sein dürften, wofür würden Sie sich einsetzen (anders als heute einsetzen)?

Ich würde vom Liebesappell Jesu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ intensiver den zweiten Aspekt „wie dich selbst“ in mein Leben integrieren, weil Selbstvertrauen, Nächsten- und Gottesliebe ein befreiender Dreiklang sind.

Fotos: © Stefan Weigand


Pierre Stutz Menschlichkeit jetzt

Menschlichkeit JETZT!

Wie gelingt ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen über alle Grenzen von Weltanschauungen hinweg? Helge Burggrabe und Pierre Stutz haben die Artikel der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen in 13 Schlüsselwörtern zusammengefasst. Die Grundbotschaft der Ermutigungen von Pierre Stutz lautet: Ein glaubwürdiges Engagement für die Menschenrechte beginnt bei dir selbst. 


Pierre Stutz Helge Burggrabe

Pierre Stutz

viele Jahre Jugendseelsorger in der Schweiz, ist einer der gefragtesten spirituellen Lehrer unserer Zeit. In Workshops, Vorträgen und Kursen inspiriert er im gesamten deutschsprachigen Raum Menschen zu einer geerdeten und befreienden Spiritualität. www.pierrestutz.de

Foto: © Jannick Mayntz

Helge Burggrabe

Helge Burggrabe

ist ein erfolgreicher Komponist, Künstler und Workshop-Leiter. Bei seinen internationalen Kulturprojekten verbindet er Musik mit Sprache, Malerei, Lichtkunst oder Tanz-Performances. Er ist Initiator von »HUMAN Culture Project«, das als Konzert, Bühnenchoreografie und Mu-sik-Tanz-Workshop die Idee der Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt. www.burggrabe.de

Foto: © Jannick Mayntz

Weiterlesen

3
15.09.2021 Versöhnung
Maren Wurster Buch Papa stirbt

Papa stirbt, Mama auch

Ist es ein tröstliches Buch? Als ich die letzten Seiten von „Papa stirbt, Mama auch“ gelesen hatte und das Buch schloss, habe ich mir diese Frage gestellt. Ich glaube, sie lässt sich nicht klar beantworten – und das macht das Buch von Maren Wurster so stark. Als ihr Vater auf der Intensivstation liegt und die demenzkranke Mutter im Pflegeheim betreut wird, geht die Autorin den Fragen nach, die auf einmal auf dem Tisch liegen.

weiter
13.09.2021 Versöhnung
Mertes Kirche Missbrauch Aufarbeitung

Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen

Seit 2010, als der Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg bekannt wurde, erleben die Beteiligten und die Öffentlichkeit eine Lawine gescheiterter Versuche der Aufarbeitung durch die Kirche. Nun ist auch noch der Synodale Weg in die Aufarbeitung eingestiegen. Um den Kreislauf des Scheiterns zu durchbrechen, sieht Klaus Mertes SJ nur eine Chance: Gerechtigkeit für die Betroffenen. Doch welcher Weg führt dorthin?

weiter
09.09.2021 Zusammenleben
Blase Kommunikation Gesellschaft

Raus aus der Blase

Kinder und Jugendliche wurden in der Corona-Pandemie kaum gehört. Zugleich verstärken sich die gesellschaftlichen Spaltungen; Blasen scheinen unüberwindbar. Bildungsorte wie die Schule bieten Chancen, neues Miteinander einzuüben – durch Ernstnehmen, Kommunikation und Partizipation.

weiter