Otl Olympia 1972 München

Versöhnung  

50 Jahre Olympia in München – 100 Jahre Otl Aicher

Wie einer der Designer der Münchner Spiele den Geist des Widerstands gegen Bevormundung lebte

Was für ein Typ Mensch muss jemand sein, der durch seine Person das Erbe der Geschwister Scholl weitergeben kann? Drei Typen von Menschen kommen dafür infrage:

  • Da sind natürlich die Einfühlsamen, die andere anleiten, Fans der Weißen Rose zu werden: Inge Aicher-Scholl, die eine Volkshochschule aufbaut, Bücher über ihre Geschwister schreibt und öffentlich von ihnen erzählt.
  • Es gibt diejenigen, die einfach gute Menschen werden: Traute Lafrenz zieht es nach dem Krieg in die USA, sie wird ohne großen Namen einfach Ärztin für gehandicapte Menschen.
  • Und es gibt diejenigen, welche die junge Bundesrepublik durch etwas ganz Eigenes, Neues geprägt haben: Otl Aicher hatte seit Kriegsbeginn mit 17 Jahren für den Kreis um die Geschwister Scholl das politisch-theologische Leseprogramm vorgegeben. 33 Jahre später entwickelte er in einem Team das gestalterische Konzept der olympischen Spiele von München vor 50 Jahren – ein Gegenprogramm zum martialischen Flair der Spiele von 1936 in Berlin.

Ein Spaziergang heute im Münchner Olympiapark

Ohne groß zu denken geht es mir gut auf dem Olympiagelände. Die Farben der Spielstätten drängen sich nicht auf. Es ist nicht so eindeutig, dass es hier um Sport geht. Eher geht es überhaupt um Schwung, Lebensschwung. Einerseits ist es ein Park wie manch anderer. In gewisser Weise harmloser, weil ich nicht an schönen alten Bäumen oder an Blumenrabatten hängenbleibe. Andererseits ist für mich der Park ein Zeichen: Hier herrscht niemand, und es ist doch Ordnung. Hier wirst du nicht überrollt, und doch ist viel los. Hier ist die Mildheit der Pastelltöne nicht nur im Gras und im Himmel, sondern auch in den Gebäuden, den Wegeschildern. Einfach kein Ort, an dem man „Deutschland, Deutschland“ singen will, sondern kleine individuelle Lieder.

Wie stelle ich mir diesen Otl Aicher vor, der mit manchen Anderen dieses Design aus dem Geist des Widerstehens entwickelt hat?

Wer ihm begegnete, spürte einen Anspruch. Unter einem gewissen intellektuellen und moralischen Niveau geht es nicht. Mit gewissen Themen gibt Otl Aicher sich nicht ab, mit gewissen Leuten hat er nichts zu tun. Sophie Scholl räsonierte im Tagebuch, ob ihr Brief klug genug zur Kommunikation mit ihm sei. Derweil war Otl Aicher ein Jahr jünger als sie, auch sie war eine ernste Person. Sie hat schon Situationen erlebt, wo er sie links liegen gelassen hat.

Design als Kommunikation

In diesem Menschen, der manchmal wie eine verschlossene Kapsel erscheint, ist der große Wunsch: Ich will leben, ich will gestalten – ich will, dass die Menschen sich verstehen. Ich schaffe eine Sprache, die jeder Mensch versteht ohne sie zu lernen. Ich betrachte einen Industriebetrieb als Dienstleister der Menschen und drücke den Geist einer Firma über „visuelle Kommunikation“ aus, ohne dass ich etwas erklären muss, und dass doch ein Dialog entsteht. Ohne dass ich eine Werbebotschaft sende, ohne dass ich sagen muss, wie toll ich bin, ohne dass ich etwas vorgebe, das ich nicht einlösen kann. Ohne dass ich mein Gegenüber in eine Erklärungsnot bringe.

Otl Olympia 1972 München
„Waldi“ war das erste offizielle Maskottchen der Olympischen Spiele und eine Erfindung Otls.

Widerstand, aber passiv

In Otl Aicher war das große Nein: Ich lasse mich nicht von Hitler beeinflussen. Ich trete nicht der Hitlerjugend (HJ) bei, ja mehr noch: Ich habe keine Gemeinsamkeit mit denen, welche die Kluft der nationalsozialistischen Jugend tragen. Ich nehme keine militärische Beförderung an, ich sehe ja, wie das meine Altersgenossen kirre macht, wie sie sich vom System kaufen lassen. Ich schalte auf Durchzug, wenn sie mich erniedrigen und Spießrutenlaufen lassen. Ich mache mich „hart wie einen Kiesel“, wie es vom großen Dulder bei Jesaja heißt.

In Otl Aicher war auch ein zweites großes Nein: Umbringen soll er mich nicht, der Faschismus. Bei all meiner Weigerung mitzutun, ich werde nicht auf Angriff umschalten. Ich weiß, dass darauf das Gefängnis steht, das Konzentrationslager, die Folter, der Tod. Oft noch schlimmer: das Verraten der Freunde. Es ist nicht das meine, das zu tun, was Sophie und Hans getan haben, politische Agitation und dafür zu sterben.

Ich leide darunter, dass ich es nicht tun konnte. Ich leide darunter, dass ich es auch wohl jetzt nicht tun könnte. Vielleicht leide ich mehr als sie, wenn ich um den Verlust traure, wenn ich meine Tochter, die gerade Abitur gemacht hat, bei einem Autounfall verliere.

Hans Scholl rief unter dem Fallbeil: Es lebe die Freiheit

Und doch, in Otl Aicher ist auch das große Ja. Die Freiheit, von der Hans Scholl in seiner Todesstunde geträumt hat, kann er sehen, wenn er die Dinge ansieht. In seiner Irritation über sich selber geht er zur bilderlosen Taufkapelle in St. Johann Baptist in Ulm, mindestens einmal die Woche „in einem raum, der mich gehalten und getragen hat wie nichts mehr, wenn es nicht mehr weiterging“. Er hat Begegnungen, die sind ihm ein „unsinkbares floß“. Er versteht, wie Sophie Scholl mit Gott gerungen hat. Er deutet an, dass er sich ihm auf eine Weise gezeigt hat, so dass es nur er und Gott wie eine Geheimsprache verstehen. War es im Umkreis der Demütigung, als der junge Rekrut von seinem Vorgesetzten bösartig gequält wurde?

Otl Aicher berichtet von einem Gespräch, das er als unbeförderter Soldat der Reichswehr mit der Reichsarbeitsdienstlerin Sophie Scholl im März 1941 führte. Darin äußert er Sätze, die mir ans Herz gewachsen sind:

„kennst du den kleinen gott, frage ich? den gott, der nicht die geschichte lenkt, der nicht zu ge­richt sitzt, der nicht seinen fuß auf seine feinde setzt? es gibt ihn. er kümmert sich nicht um die könige und mächtigen der erde, nicht um kaiser und päpste, nicht um die siege der natio­nen, sondern um arme, hungrige, verlassene, einsame und leidende, all die kleinen, die von der geschichtsschreibung auf den kompost geworfen werden. ‚der ganze erdball kann nicht in einer größeren not sein als die seele. und dieser gott ist bei den leidenden seelen am abgrund des nichts.‘
was ich durchmache, kann ich nicht einmal mitteilen, es ist so inwendig und geheim, dass nur ein gott es verstehen kann, der sich klein genug machen kann, in meinem inwendigsten platz zu finden. das ist nicht der gott der hohenpriester. du lernst ihn kennen, wenn du den evange­listen markus in einem zug durchliest.“

O. Aicher (1985), innenseiten des kriegs, Frankfurt a.M.

Ich höre in diesem Text ein stahlfreies Fundament, auf dem unsere Nachkriegs-Bundesrepublik bis heute ruhen und leben kann, wenn sie es möchte.

Otl Aicher, der sein Leben mit dem „kleinen gott“ gelebt hat, wäre am 13. Mai 2022 100 Jahre alt geworden.


Möchten Sie mehr über Otl Aicher und seine Beziehung zu den Geschwistern Scholl erfahren? Der Deutschlandfunk hat am 8. Mai einen Beitrag zu Otl Aicher mit Beiträgen von Matthias Rugel gesendet.

Fotos Headerbild © CanY71/istock.com, © public domain


Matthias Rugel

Sucht den Sinn in Gesellschaft von alten und zeitgenössischen Philosophen und möchte in der Gesellschaft den Sinn für gemeinsames Leben mit Menschen aus aller Herren Länder stärken. Der Jesuitenbruder arbeitet als Bildungsreferent am Heinrich Pesch Haus. Der ehemalige Langzeit-Student, Jugendtheater- und Softwareentwickler organisiert auch in Corona-Zeiten ehrenamtlichen Sprachunterricht für Geflüchtete. Seine Ahnung ist, dass die Willkommenskultur bis heute mit dem Reich Gottes zu tun hat.

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