Ukraine Hilfe LU can help

Sinn  

Es ist gar nicht so einfach zu helfen …

Ehrenamtliche organisieren einen Hilfstransport in die Ukraine – Ein Erfahrungsbericht

Jeden Mittwochnachmittag ist Willkommenscafé in im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim. Matthias Rugel SJ ist einer der Koordinatoren des örtlichen Arbeitskreises Flüchtlinge und bei der Initiative LU can help. Er erzählt, welche Hürden der AK zu nehmen hatte, um einen Hilfstransport in die Ukraine schicken zu können.

Ich komme etwas spät an jenem Mittwoch Anfang Juni. Man bittet mich schnell in eine Sitzgruppe etwas am Rand. Einer unserer Ehrenamtlichen weiht mich in den Anlass des Spontan-Meetings ein: „Matthias, was hältst du davon, wir schicken als AK einen Hilfstransport medizinischer Güter in die Ukraine?“ „Super!“, sage ich. Ich weiß, wie viel Erfahrung dieser Ehrenamtliche in solchen Dingen hat. Und ich schätze es so, wenn der Bevölkerung hier eine Chance gegeben wird, ihrer großen Hilfsbereitschaft wirksam Ausdruck zu verleihen. Außerdem koordiniere ich bei meinem Arbeitgeber, dem Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen, die Initiative „LU can help“ (LU steht für Ludwigshafen), welche ehrenamtliches Engagement in der Ukraine-Hilfe zusammenbringt.

Schnell sind wir uns in unserer Sitzecke einig. Ein Transporttermin wird ins Auge gefasst. Wir klären die Orte, wo die Materialien gesammelt werden können – insbesondere im Kolpinghaus, wo das Café stattfindet. Wir schlucken, dass medizinische Güter immer über die ukrainische Armee geliefert werden müssen und dass wir das öffentlich kommunizieren sollten. Vieles anderes hat der ehrenamtliche Hilfstransport-Spezialist schon im Blick: den Fahrer und sein Fahrzeug. Wohin die Dinge gehen könnten. Was in der Ukraine gebraucht wird. Da staune ich vor einer Kompetenz, die ich nicht habe.

Lager im Kolpinghaus Ludwigshafen

Hürden auf dem Weg

So einfach läuft die Sache dann doch nicht. Berichte über die geplante Aktion landen bei Facebook, bevor die Pressemitteilung abgestimmt ist. Knatsch, ob man sich aufeinander verlassen kann. Außerdem sind wir zu dritt im Koordinationsteam und einer von uns hat in der Sitzecke gefehlt. Es kommen Bedenken: Wird nicht überall geraten, man solle für die Ukraine Geld spenden? Sind nicht solche Privataktionen aufs Ganze gesehen dysfunktional und ineffizient? Sollte nicht eine große Organisation solche Transporte koordinieren, damit ankommende Güter auch gerecht verteilt werden und kein Neid entsteht?

Wir holen Kolping International mit ins Boot, schließlich ist auch das Café Welcome in den Räumen des Oggersheimer Kolpingvereins. Schon lange vor dem Krieg gab es ein Netzwerk von Kolpingzentren in der Ukraine, das jetzt genutzt werden kann und dafür einsteht, dass die Hilfe auch bei einfachen Leuten ankommt.

Wir bekommen eine Mehrheitsentscheidung im Koordinationsteam hin, mit der sich alle identifizieren können. Gemeinsam sind wir besser, auch wenn die Auseinandersetzung vorher manchmal anstrengend war. Und dann hat jemand noch die Idee, die Verladeaktion mit einem Grillfest abzuschließen.

Hilfen auf dem Weg

Mir half in der Auseinandersetzung ein Leitwort von Goethe, das ich aus meiner ersten Philosophie-Vorlesung in Erinnerung behalten habe und das aus dem unendlichen Erwägen der Vor- und Nachteile einer Handlung herausführt. Goethes Sprichwort formuliert, dass es sinnvoll ist, etwas Gutes zu tun, auch wenn die Konsequenzen nicht eindeutig absehbar sind:

Tu nur das Rechte in deinen Sachen;
Das andre wird sich von selber machen.

Wir haben „das andere“ gesehen. Die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, über 100 große Kisten sind zusammengekommen, ein voller LKW! Die Freude der ukrainischen Schutzsuchenden hier, als sie beim Verladen da waren. Das Grillfest bei der großen Hitze: Türkische Geflüchtete, die wir vom Café Welcome kennen, übernehmen den Grilldienst. Wie schön, dort einen jungen Mann zu treffen, den ich bei seiner Ankunft in Deutschland vor zwei oder drei Jahren kennengelernt habe, und der jetzt in den Sommerferien ein Begabtenprogramm besuchen kann. Bald will er Medizin studieren. Sein Vater, einer der Grillmeister, ist stolz auf ihn – und ebenso stolz, dass er die Solidarität, die er hier erfahren hat, an andere Schutzsuchende weitergeben kann.

Alle helfen beim Verladen der Hilfsgüter.

Zwei Tage später kommen auf Facebook die Fotos, dass alle unsere Güter angekommen sind. In Lwiw bei Kolping dient eine Kirche als Abstellraum für die Sachen, ein Krankenhaus in Kiew wurde beliefert, vieles kommt – auch in Absprache mit den Schutzsuchenden in Oggersheim – in Richtung der besetzten Gebiete im Osten.

Alle Bilder: © Daniel Lessinger


Matthias Rugel

Sucht den Sinn in Gesellschaft von alten und zeitgenössischen Philosophen und möchte in der Gesellschaft den Sinn für gemeinsames Leben mit Menschen aus aller Herren Länder stärken. Der Jesuitenbruder arbeitet als Bildungsreferent am Heinrich Pesch Haus. Der ehemalige Langzeit-Student, Jugendtheater- und Softwareentwickler organisiert auch in Corona-Zeiten ehrenamtlichen Sprachunterricht für Geflüchtete. Seine Ahnung ist, dass die Willkommenskultur bis heute mit dem Reich Gottes zu tun hat.

Weiterlesen

22.04.2026 Sinn
Cover von "Gottes erstaunliche Häuser"

Spaziergänge für Augen und Seele

Johanna Beck und Stefan Weigand nehmen uns in ihrem neuen Buch „Gottes erstaunliche Häuser“ mit zu kleinen, intimen Entdeckungsreisen der besonderen Art ein. Sie führen uns zu 33 sehr unterschiedlichen Gotteshäusern, die unsere inneren Sinne öffnen können. Eine Buchempfehlung nicht nur für eingefleischte Kirchgänger.

weiter
17.04.2026 Sinn
LU can learn HPH Ludwigshafen Jugend.hafen

„Deutsch ist wie ein Meer – es ist nie zu Ende“

Knapp acht Prozent der jungen Menschen verlassen die Schule ohne Abschluss. In Ludwigshafen können sie ihn in einem Ehrenamtlichen-Projekt nachholen. In kleinen Gruppen, mit Geduld und Verständnis. Für manche ist das eine Lebenschance.

weiter
10.04.2026 Zusammenleben
St. Anton Schweinfurt

Entdeckt die­ Kirchen neu

„Braucht es diese ­Kirche oder jene Kapelle überhaupt noch?“ Die Sparzwänge, aus denen heraus ­Bistümer ­handeln müssen, machen aus dieser Frage ein ernstes Thema. Kirchen­schließungen sind keine exotischen Vorgänge mehr, sondern auf der Tagesordnung pastoraler Prozesse. Die Gefahr ist dabei, dass wir Kirchen gar nicht mehr als heilige Räume wahrnehmen – sondern auf finanzielle ­Verhandlungsmasse und Baulasten reduzieren.

weiter