Schaufenster-Mannequins Peter Mager

Zusammenleben  

Nenn sie niemals Puppe!

Schaufensterfiguren als Ikonen des Zeitgeists und Seismograph der Gesellschaft

Sie heißen Lydia und Lulu, Emma und Erika. Auch Friedhelm und Arthur gehören zu der Riege von mittlerweile 50 Vollfiguren, die der Sammler Wolfgang Knapp im Laufe der Jahre zusammengetragen hat. „Es war üblich, den Figuren Namen zu geben“, sagt er. Schon dieses Detail zeige, dass die stummen „Dienerinnen der Mode“ viel mehr als bloße Kleiderständer seien.

Es ist die Verbindung zwischen Kunst und Mensch, die Wolfgang Knapp an den Schaufensterfiguren besonders fasziniert. Gleichzeitig hat ihre Geschichte viele Facetten, ist ein Spiegel der Entwicklung von Mode und Schönheit, von Werbung und Kommunikation, von Kunst und Design und auch von Wirtschafts- und Sozialgeschichte. „Die Figuren ziehen die Menschen an, weil es menschliche Abbilder sind“, weiß der Kulturwissenschaftler um die besondere Ausstrahlung der stummen „Dienerinnen der Mode“.

Unnahbar und anziehend zugleich

Nur selten haben die „Ikonen der Schönheit“ etwas mit der Realität zu tun. Sie wirken unnahbar, wenn sie hinter Glas stehen, vielmehr posieren. Mal den Betrachter anschauend, mal sinnierend in die Ferne guckend. Mal mit dunklem Bubikopf, mal mit hellblonder Flechtfrisur. Immer aber sind sie Spiegel des Modegeschmacks ihrer Zeit und damit ein Seismograph der Gesellschaft. Sie verkörpern das Idealbild von Körpern und lassen so Träume Realität werden. Auch Modeträume selbstverständlich, denn diese führen sie schließlich vor.

Rudolf Belling Schaufenstermuseum
Mehr als „nur“ eine Schaufensterpuppe: Modenplastik von Rudolf Belling

Spricht man mit Wolfgang Knapp, sollte man die Schaufensterfiguren übrigens niemals als Puppen bezeichnen. Denn ihre Designer wie zum Beispiel der Bildhauer Rudolf Belling verstanden sich als Künstler und ihre Figuren als Werke Angewandter Kunst. Erinnern die Modeschönheiten doch in ihrer Vollkommenheit an Statuen in Museen. Aus diesem Selbstverständnis hat sich auch die Bezeichnung Schaufensterfiguren entwickelt.

Der Begriff „Puppen“ ist zu banal und respektlos. Er erinnert an Spielzeug.

Die fragilen Objekte unterliegen dem schnell wechselnden Modegeschmack. Die Folge: Sie haben zumeist eine nur kurze Lebenszeit. Haben sie ihren Dienst getan, werden sie „brutal in Müllcontainern entsorgt“ oder – bestenfalls – von spezialisierten Firmen aufgefrischt und wieder dem Modezirkus zugeführt. „Daher ist es auch so schwierig, an authentische Modelle aus früheren Zeiten zu kommen“, bedauert der Sammler.

Maria als Vorbild

Trotzdem ist es dem 56-Jährigen bereits gelungen, eine ansehnliche Sammlung zusammenzutragen. Darunter sogar einen ganzen Karton voller Hände, gerettet aus dem Sperrmüll. Das älteste Stück seiner Sammlung ist ein Kopf aus dem Jahre 1880, der aus Paris stammt.

Mit seinen gesammelten Objekten kann der Kulturwissenschaftler die gesamte Entwicklungsgeschichte der Schaufensterfiguren nachzeichnen: Die Modebotschafter haben sich aus sakralen Figuren entwickelt. So hat Knapp den Kopf einer Schaufensterfigur mit madonnenhaften Zügen in seinem Fundus, die – wie viele Mariendarstellungen auch – mit gesenkten Augen zu Boden schaut. Genau wie so manche Heiligen- oder Krippenfiguren früher aus Wachs hergestellt wurden, benutzte man dieses leicht formbare Material auch für die frühen Schaufensterfiguren. Auch in Sakralfiguren aus Holz sieht Wolfgang Knapp Vorläufer der Schaufensterfiguren. Denn da gab es nicht nur geschnitzte Madonnen- und Heiligenfiguren, sondern auch Prozessionsfiguren, die bewegliche Arme und Köpfe hatten und zudem bekleidet waren. Hier verwischt für ihn die Grenze zwischen sakraler und profaner Figur.

Kopf Schaufensterfigur Knapp
Kopf einer Schaufensterfigur mit gesenktem Blick – Vorbild waren Marienfiguren.
Kulturgut Wolfgang Knapp
Offen und der Welt zugewandt: Gilbert und Giselle, zwei Figuren aus den 1970er Jahren (Bild: Peter Mager)

Mit und ohne Kopf

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus diesen Vorläufern dann ein sehr heterogenes Gemisch, um Mode herzustellen und später auch zu präsentieren. Da gab es Weidegeflecht-Puppen aus Draht oder Köpfe aus Wachs für Perückenmacher und Hutmacher. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nutzten die Modemacher Schneiderbüsten, zunächst noch ohne Kopf.

Schaufenster-Mannequins in der noch heute üblichen Form kamen in der Kaiserzeit auf. Denn mit dem Aufschwung der Textilindustrie wurde es immer wichtiger, Mode auch zu präsentieren. „Eine Zeit, aus der es fast gar nichts gibt“, bedauert Knapp. Kein Wunder, waren diese ersten, aus Wachs gefertigten Figuren doch äußerst zerbrechlich und vor allem hitzeempfindlich.

Ein möglichst realitätsnahes Abbild des Menschen

Ihre Herstellung war äußerst aufwändig: Die fragilen Schönheiten hatten echte Haare und Augenbrauen, so genanntes „eingestochenes Haar“, zudem Glasaugen und Porzellanzähne. Schon damals wollte man eine möglichst realitätsnahe Abbildung des Menschen bzw. vielmehr eine idealisierte Abbildung des Menschen erzielen. In den beiden Modemetropolen Paris und Berlin etablierten sich Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Ateliers und Werkstätten, die die begehrten stummen Mannequins in aufwändiger Handarbeit herstellten.

Richtig zur Geltung kamen die Figuren, als es mit dem Aufkommen der großen Kaufhäuser um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert erstmals große Schaufenster gab – eine ideale Bühne für die lebensgroßen Figuren, um Mode(-träume) dekorativ in Szene zu setzen.

Die Schaufenster der „Kathedralen des Konsums“ wurden zur Bühne für die fragilen Schönheiten und die von ihnen präsentierte Mode.

Marlene Schaufensterfigur 198
Mondän 1928: Schaufensterfigur Marlene
Mannequin Helene 1938
Idealbild einer Frau 1938: Schaufenster-Mannequin Helene (Bild: Peter Haag-Kirchner)
Wolfgang Knapp Schaufensterfigurenmuseum
Die ideale Frau hat 1955 eine Wespentaille: Modell Erika.
Mannequin Petra 1970 Knapp
Und so sollte frau 1970 aussehen: Mannequin Petra.

Ihre „große Blütezeit“, so Knapp, erlebten die Figuren dann in der Weimarer Republik. Die Modelle wurden vereinfacht: Haare wurden modelliert, Augen aufgemalt. Möglich wurde dies durch ein neues Material, der stuckähnlichen Hartmasse. Die NS-Zeit wirkte sich wenig auf die Figuren aus, denn die Hersteller waren resistent und legten mehr Wert auf Mode als auf Volksideologie.

In den 50er Jahren wurden die Figuren dann immer mehr aus Kunststoff, aber immer noch in Handarbeit, gefertigt. In den 60er Jahren setzte sich die maschinelle Fabrikation von Kunststoff-Figuren durch. Und heute werden die stummen Modeständer oft aus Fiberglas und in Billiglohnländern gefertigt.

Doch sie sind sie nicht schlechter, sondern einfach anders und sagen viel über die Befindlichkeit der Gesellschaft aus.

Vielleicht denkt er dabei an die Figuren mit eingebauter Kamera, die sogenannten „EyeSee-Mannequins“. Diese können über eine eingebaute Kamera im Auge ihre Betrachter filmen und über eine Software zur Gesichtserkennung Daten über das Kundenverhalten gewinnen. Eine Neuerung, die sich – noch – nicht durchsetzen konnte.


Wolfgang Knapp Schaufensterfiguren
Wolfgang Knapp mit zwei Büsten aus seiner Sammlung.

Wolfgang Knapps Sammlung ist im Historischen Museum der Pfalz in Speyer als Studiensammlung deponiert und kann nach Voranmeldung im Rahmen einer Führung besichtigt werden. „Es ist eine Zwischenstufe“, kommentiert Knapp, denn eigentlich ist es sein großer Wunsch, ein eigenes Schaufensterfiguren-Museum aufzubauen. Es wäre deutschlandweit das erste seiner Art. Doch dazu fehlen sowohl ein geeigneter Raum wie auch Sponsoren. Seine Figuren, Köpfe und Büsten hat der Sammler jedoch schon für so manche Ausstellung zur Verfügung gestellt oder die für immer jungen und schönen Modelle als Requisite für Dreharbeiten ausgeliehen.

Noch mehr als die Objekte interessieren ihn mittlerweile historische Dokumente wie Werbefotografien, Modezeitschriften, Kataloge und Prospekte von Herstellern. Alles wichtige Quellen, um die Figuren bestimmen zu können. „Das sind Ephemera, also sich verflüchtigende Kulturgüter“, sagt er. Dinge, die man wegwirft und die sich in der Regel nicht erhalten. Gerne möchte er seine Sammlung verwenden, um daraus ein Bestimmungsbuch für Schaufensterfiguren zu erstellen.

Im Hauptberuf betreut er mit seinem Mannheimer Büro für Kulturwissenschaften „KulturGut“ Aufträge und Projekte für Museen und andere Kultureinrichtungen.

Mehr Infos zu Wolfgang Knapps Sammlung gibt es hier: www.schaufensterfigurenmuseum.de


Anette Konrad

Ohne Block und Stift geht sie nie aus dem Haus. Denn die Journalistin könnte ja unterwegs auf ein spannendes Thema stoßen. Die promovierte Historikerin und Slavistin schreibt gerne über geschichtliche Themen, porträtiert faszinierende Menschen, verfasst aber auch Unternehmensporträts und Reisereportagen. Dabei verbindet sie Berufliches mit ihrer großen Leidenschaft: dem Reisen. Seit sie einige Monate in Moskau studiert hat, zieht es sie immer wieder nach Osteuropa. Im Heinrich Pesch Haus verantwortet sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.


Bildnachweis Header: Peter Mager

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