Schwangerschaft warten

Sinn  

Nein, noch nicht!

Warum Warten in unserer Gesellschaft ungewöhnlich ist

Auch in der 42. Woche ist das Baby noch nicht geboren. Und alle sind nervös. Während sich die Tage schwül und heiß durch den Sommer ziehen, wird die Frage immer lauter: Warum ist dieses Warten so schwer? Und was hat das mit unserer Leistungsgesellschaft zu tun? Ein Beitrag mit ganz persönlicher Note von Regina Laudage-Kleeberg

„Darf man schon gratulieren?“ – „Nein, noch nicht!!“ Als mein Mann am ersten Tag nach den Ferien die Kinder in die Kita bringt, ist er genervt. Ungefähr jede Mutter und jede Erzieherin fragt das Gleiche. Und er schüttelt bedauernd den Kopf: Nein, das Baby ist IMMER noch nicht geboren.

Zur Ehrenrettung der anderen muss ich sagen: Auch wir dachten, es sei jetzt schon längst auf der Welt. Aber das Kleine lässt sich Zeit und paddelt weiter fröhlich mit immer längeren Armen und Beinen in meinem Bauch herum. Inzwischen dauert die Schwangerschaft 290 Tage, fast 42 Wochen, durchschnittlich sind es ungefähr 280 Tage, also 40 Wochen.

Von außen betrachtet wirkt der Unterschied gar nicht so krass, aber jede Familie und vor allem Mütter kennen diese Frage: „Wann ist denn so weit?“

Das ist für mich die zweitnervigste Frage in Schwangerschaften. Nerviger ist nur die Frage nach dem Geschlecht.

Vier Prozent

Für alle, die Schwangerschaften aus dem eigenen Nahbereich nicht so kennen: Nur vier Prozent der Kinder werden am errechneten Termin (ET) geboren, fast alle übrigen kommen in den zwei Wochen vor oder nach Termin. Von Ärzt:innen wird den Frauen trotzdem oft geraten, einige Tage nach dem „ET“ die Geburt einleiten zu lassen.

In einigen Fällen ist das sinnvoll, in vielen Fällen aber auch unnötig. Sich nicht in diesen Prozess zu begeben, sondern darauf zu vertrauen, dass das Kind sich im Bauch noch irgendetwas holen möchte, ist heute ungewöhnlich. Die Angst vor Risiken, Komplikationen ist immens. Wir bekommen nicht mehr so selbstverständlich und nicht mehr so viele Kinder. Und da muss dann schon alles stimmen, oder?

Oder liegt dieses Nicht-Mehr-Warten-Können auch an etwas anderem? Nämlich an unserer Kultur, in der Termineinhaltung eine Tugend ist? An unserer Gesellschaft, in der wir durch Leistung Achtung und Status erhalten?

In afrikanischen Ländern, in denen die medizinische Versorgung auf dem Land rudimentär und für viele Familien zu teuer ist, kommt ein Kind, wann es kommt. In Deutschland, in denen erwerbsarbeitende Frauen bezahlten Mutterschutz genießen und die medizinischen Kontrollen engmaschig und hochwertig sind, dürfte das eigentlich auch so sein.

Denn in den meisten Schwangerschaften gibt es keinen Grund, Druck zu machen. Das medizinische System arbeitet aber nicht gut mit dieser Unplanbarkeit, mit diesen natürlichen Abläufen, mit Vertrauen und Ruhe. Dafür mache ich den überlasteten Menschen im System keinen Vorwurf.

Leistungsleben

Warum durchziehen Leistung und Termine unser ganzes Leben? Selbst diesen natürlichsten Prozess des Lebensanfangs berührt mein Leistungsdenken und ich fragte mich zwischendurch: Warum „schaffst“ du das immer noch nicht?

Ein verrücktes Denken, denn auch Gras wächst ja nicht schneller, weil ich dran ziehe. Zugleich ist mir klar, wie ich geprägt bin. Sowohl familiär als auch gesellschaftlich spielen Leistung und das Liefernkönnen eine große Rolle. Die Absurdität dieses Drucks zeigt sich in den vielzähligen Spagaten, die Menschen in Deutschland versuchen: Sich krank zur Arbeit zu schleppen, um eine Frist zu halten. Erwerbsarbeit mit notwendigen Nebenjobs zu erweitern, um den eigenen Lebensstandard bezahlen zu können, weil die Löhne nicht reichen. 12 Wochen Schulferien mit sechs Wochen Urlaubsanspruch abzudecken. Angehörige zu pflegen und weiter regulär berufstätig zu sein. All das und vieles weitere versuchen Menschen durch individuelle Leistungskraft auszugleichen.

Irritation

Deshalb wundert es mich auch nicht, dass diese Terminüberschreitung bei der Geburt so viel Irritation auslöst. Wir sind es nicht mehr gewohnt, den Dingen ihren Lauf zu lassen, sondern wir gestalten selbst die unrealistischsten Bedingungen so, als ob wir sie beherrschen könnten. Und da kommt eine Geburt in ihrer Natürlichkeit, mit ihrer eigenen Zeitlogik wie ein Relikt aus dem Früher daher. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, dass das Baby noch immer nicht da ist.

Früher geboren werden, wäre ja okay: Denn früher eine Leistung fertig haben, ist positiv konnotiert. Aber länger brauchen?

Ein verrückter Gedanke!

An Tag 11 nach Termin sitze ich abends im Gottesdienst. Es geht um Aufträge: welche, die wir bekommen oder welche, die wir uns selbst geben. Und um Mose, der sich seinem Auftrag nicht gewachsen fühlt und ihn gern an seinen eloquenten Bruder abtreten will.

Ich kann ihn gut verstehen, ich würde dieses Warten gern an jemand Geduldigeres abtreten. Und dann sagt der feinsinnige Priester: Das geht aber nicht. Denn wir sind als Originale geschaffen, und als wunderbar einzigartige Wesen. Vor mir liegt dieser Auftrag: Die Unverfügbarkeit von Tod und eben auch von Leben anzuerkennen.

Fotos: © kastoimages/photocase.com


Regina Laudage-Kleeberg

Sie liebt das Anders-Sein und das Anders-Werden von Menschen, Systemen und Organisationen. Das Anders-Sein hat sie geprägt: als Rheinländerin in Franken, als Deutsche in Istanbul. Sie ist das vierte von sechs Geschwistern und hat selbst drei Kinder. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Münster, arbeitet mit Begeisterung im Change Management und schreibt für ihr Leben gern. Zuletzt erschienen ist das Buch »obdachlos katholisch«.

Foto: © Melisa Balderi

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