Sinn  

»Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mütter«

Gedanken zum Muttertag

„Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mütter.“ – Dieses arabische Sprichwort hing viele Jahrzehnte auf einer Postkarte an meiner Pinnwand. Und das schon zu Zeiten, wo ich selbst noch keine Mutter war. Ich brauche heute die Postkarte nicht mehr; das Zitat habe ich präsent.

Aber den Muttertag groß gefeiert haben wir nie. Also so mit Frühstück für die Mutter, Mittagessen im Restaurant, Blumen oder anderen Geschenken. Aber trotzdem gibt es Unternehmungen, die ich mit dem Muttertag in Verbindung bringe. Mein Vater, Jahrgang 1931, fuhr mit uns lange Jahre am oder um den Muttertag an das Grab seiner Mutter 100 Kilometer entfernt. Und ich selbst nehme seit 25 Jahren am Samstag nach Muttertag an einer Zeremonie der US-Militärgemeinde und des Deutsch-Amerikanischen Frauenclubs Kaiserslautern zur Erinnerung an über 500 Kinder, die in der Nachkriegszeit in der Westpfalz beerdigt wurden, stellvertretend für die US-Familien teil.

Besondere Momente des Innehaltens und des Gebets – und nicht nur Kommerz

War der ursprüngliche Gedanke, einen besonderen Gedenktag für Mütter zu schaffen, in den USA des 19. Jahrhunderts ehrenwert, so war bereits die Übernahme des Muttertages im Deutschland der zwanziger Jahre eine rein kommerzielle: Die Floristen übernahmen die Idee und warben für Blumengebinde als Geschenke für die Mütter. Ich weiß nicht, wie hoch der Umsatz in Deutschland zum Muttertag ist, in den USA soll er nur noch von Weihnachten übertroffen werden. Aber wir wissen ja, welche Bedeutung für die Konjunktur der private Konsum in den USA hat.

Für uns Katholiken ist der Monat Mai, in dem der Muttertag im Kalender steht, ohne ein Feiertag zu sein, die Zeit, in der wir unserer Verehrung für die Mutter Gottes Ausdruck verleihen. So habe ich es in meiner süddeutschen Heimat gelernt: üppig mit Blumen geschmückte Marienaltäre, Maiandacht und Rosenkranzgebete den ganzen Monat. Wenn man Kontakt hat zu italienischen, polnischen, portugiesischen oder kroatischen Gemeinde, dann kann man eine Ahnung von der Marienverehrung in den dortigen Heimatländern bekommen. Die Lieder zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau oder der Muttergottes von Fatima in großer Gemeinschaft zu singen, sorgt für Gänsehaut oder andere Emotionen, je nachdem, was einen selbst gerade beschäftigt.

Der Kreis schließt sich

Und dann schließt sich doch wieder der Kreis: Wir alle sind ein Kind, jedenfalls solange wir Eltern, eine Mutter oder einen Vater haben. Und wir sind selbst Eltern, Mutter oder Vater.

So denkt man an solchen Gedenktagen an all das Schöne, aber auch das Schwere, das Familie bedeuten kann, genau wie es Maria gegangen ist: Sie hat die Aufgabe, die der Engel ihr überbracht hatte, angenommen und dann den Tod des Sohnes mit angesehen.

Deswegen glauben wir zu Recht, dass sie Fürsprecherin für uns in unseren ganz individuellen Nöten sein kann. Und es tröstet eben auch, Dinge auszusprechen im Gebet oder in Gedanken. Oder einfach das Gotteslob aufzuschlagen und eines unserer Marienlieder zu lesen oder singen.

Zum Schluss doch noch etwas vom Muttertag: Nicht weit weg von mir steckt ein Holzspieß mit einem Papierherz: „Ich hab dich lieb!“, hat mein Sohn vor 25 Jahren in der Grundschule für mich gemalt und geschrieben. Und ich habe es bis heute in Ehren gehalten.

Foto © Sofya/photocase.com


Marlies Kohnle-Gros

im Heimatdorf engagiert in der katholischen Jugendarbeit, Abitur in St. Hildegard,  privat-katholisches Mädchengymnasium in Ulm. Studium der Rechtswissenschaften in Mannheim. 30 Jahre CDU- Abgeordnete des rheinland-pfälzischen Landtags. Vorsitzende des Beirats der Bischöflichen Stiftung für Mutter und Kind in der Diözese Speyer, Mitglied im Familienbund, bei Kolping, beim SKFM Kaiserslautern, in der Diözesanversammlung. Mitgliedschaft in Aufsichts-und Verwaltungsräten der Lebenshilfe, des Ökumenischen Gemeinschaftswerkes, des Studierendenwerkes Kaiserslautern, des Jugendherbergswerkes Rheinland-Pfalz/Saarland.

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