Wie Wunder entstehen, wenn Menschen anders miteinander umgehen
Wunder gibt es da, wo sich Menschen füreinander einsetzen. P. Markus Inama SJ berichtet vom Wunder (in) der Sozialarbeit.
Es mag Lebensbereiche geben, in denen sich Dinge genau planen lassen. Aber wenn es um Menschen oder um das Zusammenleben von Menschen geht, sind unserem Tun Grenzen gesetzt. Wenn ich mich in der Sozialarbeit dafür einsetze, Dinge zu verbessern, braucht es einen langen Atem, weil wir meistens mehrere Niederlagen einstecken müssen, bis sich Erfolge einstellen. Der zweite Teil des ignatianischen Leitsatzes „Handle, als hinge alles von Gott ab“ bewahrt mich davor, Dinge zu persönlich zu nehmen und zu schnell aufzugeben.
Das stimmt auch mit einem Vierstufenlernmodell zur Sozialarbeit überein, welches ich in Australien kennengelernt habe. Oft beginnen Menschen mit naiven Vorstellungen, sich sozialen Themen zu widmen. Das ist der Himmel (1). Es folgt die harte Konfrontation mit der Realität, die Hölle (2). Zum Beispiel der Versuch, Drogen konsumierenden Jugendlichen zu helfen. Die nächste Stufe, auf der sich die Sozialarbeit hauptsächlich abspielt, sind die kleinen Fortschritte. Zum Beispiel die Reintegration von Menschen, die auf der Straße gelebt haben (3 – harte Arbeit). Auf der vierten Stufe kann es passieren, dass wir „unbewusst kompetent agieren“. Das kann heißen, dass wir manchmal durch eine spontane Handlung unmittelbar etwas Positives bewirken können.
Ein Beispiel aus dem Sozialzentrum
Ob ich etwas als Wunder bezeichne, hängt auch vom Blickwinkel ab. Blumen oder ein Musikstück können Menschen unberührt lassen oder ein Grund zur Freude und zum Staunen sein. Ähnlich ist es mit dem Engagement im sozialen Bereich.
Dazu ein Beispiel aus den CONCORDIA-Sozialprojekten in Sofia, wo ich vier Jahre gelebt habe: In den ersten Jahren dieser Zeit hat Valia, eine junge Frau, in unserem Sozialzentrum gewohnt [der Name wurde geändert]. Danach führte sie über Jahre ein annähernd normales Leben. In den letzten Monaten hatte sie einen Rückfall und lebt seither wieder mehr oder weniger auf der Straße.
Stanimir, unser Landesleiter in Bulgarien, erzählte mir von folgender Begegnung: Vor Kurzem war er im Rahmen einer Feier in einem Restaurant in Sofia. Aus einem anderen Bereich des Lokals war Lärm zu hören. Offensichtlich gab es einen Streit. Stanimir wollte nachschauen, was der Grund für die Auseinandersetzung war und ob er helfen konnte. Als er näherkam, erkannte er Valia, die mit Sachen um sich warf. Er ging auf Valia zu und sprach sie mit ihrem Namen an. In dem Moment, als Valia ihren Namen hörte, drehte sie sich zu Stanimir um und begann zu weinen. Stanimir sprach mit Valia. Sie beruhigte sich. Danach verließ sie das Lokal. Im Anschluss kam die Besitzerin des Lokals zu Stanimir und fragte, wer er sei und ob er Wunderkräfte besitze.
Beim Namen nennen
Das Erlebnis mit Valia zeigt, welchen Unterschied unser Engagement für Menschen, die am Rand unserer Gesellschaft leben, macht. Ihnen einen Ort anzubieten, an dem sie willkommen sind, verändert unser Zusammenleben. Sie bekommen dadurch ein Gesicht und einen Namen. Manchmal geschieht ein Wunder, wenn wir Menschen mit ihrem Namen ansprechen.
Das Jesuiten-Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 4/2025 vom Jesuiten-Magazin. Das Heft steht unter dem Thema »Wunder« und berichtet über Wundererzählungen, Heilungen, Unvorhergesehenes und die Frage, was passiert, wenn ein Wunder ausbleibt.
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