Shchyrba Ukraine

Sinn  

Über Melone, Hoffnung und Prosciutto

Was Geschmack mit Hoffnung zu tun hat

Gestern habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Melone mit Prosciutto gegessen! Sie fragen sich vielleicht, warum das mit Hoffnung zu tun hat. Weil Hoffnung für mich schon immer »süß« schmeckte, nämlich so süß wie eine Melone. Wenn ich die Süße der Hoffnung in mir spürte, wusste ich: Alles wird gut!

Aber heute hat meine Hoffnung den herben Beigeschmack von Prosciutto erhalten:

  • Ich hoffe, dass die Tausenden von Kindern, die Arme und Beine verloren haben, die vergewaltigt wurden, die Waisen geworden sind und den Tod ihrer Eltern miterlebt haben, zu Gott finden und in ihm Kraft finden, alle psychologischen Traumata zu überleben, und so ihre Berufung finden können.
  • Ich hoffe, dass all jene, die gefoltert, erschossen und von Minen und Bomben in Stücke gerissen wurden, nun in Frieden ruhen. Ich hoffe, dass Gott sie trotz all ihrer Sünden als liebender Vater angenommen hat. Denn: „Es gibt keine größere Liebe, als sein Leben für seine Freunde hinzugeben“.
  • Ich hoffe, dass alle, die geliebte Menschen, Haus, Eigentum und Gesundheit verloren haben, sich wieder freuen können. Und ich möchte hoffen, dass sie den Glauben nicht verloren haben. Denn, wie meine Erfahrung im Umgang mit Menschen zeigt, können Menschen in Zeiten großer Prüfungen, wie in einem Krieg, Gott entweder näher kommen, indem sie ihn um Hilfe bitten, oder sie verzweifeln, weil „es keinen Gott geben kann, wenn er solches Leid zulässt.“

Wut und Hoffnung auf die Gerechtigkeit Gottes

Und, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, meine menschliche Natur ist wütend, voller Schmerz und Unverständnis: Wie können Russen absichtlich Bomben auf Kinderkrankenhäuser und Entbindungsheime werfen, wie können sie Kinder, einschließlich Babys, vergewaltigen, wie können sie Zivilisten zum Spaß töten, um zu stehlen und stolz auf all dieses unmenschliche Verhalten sein?

Deshalb hat Hoffnung, die für mich immer süß wie eine Melone war und sich ganz auf Gottes Barmherzigkeit verließ, jetzt den herben Beigeschmack von Prosciutto.

So hoffe ich auf die GERECHTIGKEIT Gottes. Denn das ist der einzige Weg, um Zorn und Rachegelüste loszulassen. Denn Du, oh Gott, siehst tiefer.

Lesetipp: das Jesuiten-Magazin

Jesuiten Magazin Hoffnung

Möchten Sie mehr über das Thema Hoffnung erfahren? In der Ausgabe 3/2022 des Jesuiten-Magazins nähern sich zahlreiche Autor*innen aus verschiedenen Perspektiven diesem aktuellen Thema. Sie können das Magazin online lesen oder kostenlos abonnieren.


Anastasiya Shchyrba

ist Dirigentin und Chorleiterin in der Ukraine. Bis zum Krieg unterrichtete sie Chorgesang am Priesterseminar Lviv in der Westukraine. Nach ihrer Flucht in die Schweiz begann sie ein Nachdiplomstudium an der Zürcher Hochschule der Künste.

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