Klaus Mertes SJ Kolumne

HIER SCHREIBT KLAUS MERTES

„Die Armen, schon wieder ein Fall!“

Die Gefahr, neuer Vertuschungstaktiken für Missbrauchsfälle

Ich war zu Gast in einer Klinik. Sie hat Mitte der 10er Jahre einen schwerwiegenden Fall von sexuellem Missbrauch aufgearbeitet. Der Chefarzt hatte über Jahre hinweg das Vertrauen von Patientinnen und Patienten für seine eigenen narzisstischen Bedürfnisse ausgebeutet, ganz brutal. Zur institutionellen Aufarbeitung hatte gehört, dass in der Klinik Beschwerdeverfahren eingeführt und Vertrauensleute benannt wurden. Seitdem gab es immer wieder Beschwerden über Grenzverletzungen und Übergriffe.

Man könnte also sagen: Die Verfahren funktionieren; die Institution hat sich im Interesse eines besseren Opferschutzes verbessert.

Doch stattdessen lautet die Reaktion in der Öffentlichkeit, bei benachbarten Kliniken und im sozialen Umfeld: „Kommen die denn nie zur Ruhe?“, oder „Hat das denn niemals ein Ende?“ Oder auch: „Die Armen, schon wieder ein Fall!“ Die so reagieren, merken gar nicht, dass sie mit dieser Reaktion Teil des Problems der Vertuschung sind. Aufarbeitung führt doch, wenn sie gelingt, dazu, dass Betroffene mehr Mut haben, sich zu melden, und größere Chancen, Gehör zu finden. Genau dies scheint doch in der besagten Klinik zu gelingen!

Unerleuchtete Versprechen für neue Vertuschungstaktiken

Der Zusammmenhang ist auch in den kirchlichen Institutionen gut bekannt: Da in der Aufarbeitung und Prävention viel gelungen ist, kommt „das Thema“ nicht zur Ruhe. Eigentlich ist das ein Erfolg. Doch auch innerkirchlich wird das nicht so gesehen.

Ich erinnere mich an Äußerungen von Verbandsvertretern, auch auf dem Synodalen Weg, die verkündeten: „Wir müssen Prävention so aufstellen, dass es niemals (!) mehr Missbrauch gibt.“ Oder an die Schulversammlung in einer Schule, deren Träger kürzlich zurückliegenden Missbrauch aus vergangenen Jahrzehnten untersucht hatte; vor den applaudierenden Eltern stand die Schulleiterin auf und verkündete: „Ich werde dafür sorgen, dass an unserer Schule so etwas nie wieder (!) passiert!“

Genau dies sind aber gerade die unerleuchteten Versprechen, die die Grundlage für neue Vertuschungdynamiken legen.

Die Generation derjenigen, die das Jahr 2010 in verantwortlicher Position erlebt hat, tritt langsam ab. Die Erschütterung, die die damaligen Akteure erlebten, lässt sich nicht auf die nächste Generation übertragen. Gerade deshalb bedarf es für die Verstetigung des Erreichten einer Aufmerksamkeit auf neu sich einschleichende Vertuschungsdynamiken. Eine davon lautet: „Es muss doch einmal ein Ende haben.“


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

Weiterlesen

Jana Sand

Wenn Gott das nicht regelt, gibt es ihn nicht

In der Krise wird gebetet, im Glück sich selbst gelobt. Warum nutzen wir Gott nur als letzten Ausweg? Eine persönliche Reflexion von Jana Sand.

weiter
Jana Sand

Das kann doch nicht so schwer sein …

Wir wollen Instagram für unter 14-Jährige verbieten – und schaffen es nicht einmal, beim Filmabend das eigene Handy wegzulegen. Was sagt das über uns aus?

weiter
Grillmeyer

Integration auf Sparflamme

Seit kurzem werden Zugänge zu Integrationskursen massiv eingeschränkt. Siegfried Grillmeyer fragt: Warum blockiert die Regierung genau das, was Arbeit, Bildung und Teilhabe erst ermöglicht?

weiter