Die Gefahr, neuer Vertuschungstaktiken für Missbrauchsfälle
Ich war zu Gast in einer Klinik. Sie hat Mitte der 10er Jahre einen schwerwiegenden Fall von sexuellem Missbrauch aufgearbeitet. Der Chefarzt hatte über Jahre hinweg das Vertrauen von Patientinnen und Patienten für seine eigenen narzisstischen Bedürfnisse ausgebeutet, ganz brutal. Zur institutionellen Aufarbeitung hatte gehört, dass in der Klinik Beschwerdeverfahren eingeführt und Vertrauensleute benannt wurden. Seitdem gab es immer wieder Beschwerden über Grenzverletzungen und Übergriffe.
Man könnte also sagen: Die Verfahren funktionieren; die Institution hat sich im Interesse eines besseren Opferschutzes verbessert.
Doch stattdessen lautet die Reaktion in der Öffentlichkeit, bei benachbarten Kliniken und im sozialen Umfeld: „Kommen die denn nie zur Ruhe?“, oder „Hat das denn niemals ein Ende?“ Oder auch: „Die Armen, schon wieder ein Fall!“ Die so reagieren, merken gar nicht, dass sie mit dieser Reaktion Teil des Problems der Vertuschung sind. Aufarbeitung führt doch, wenn sie gelingt, dazu, dass Betroffene mehr Mut haben, sich zu melden, und größere Chancen, Gehör zu finden. Genau dies scheint doch in der besagten Klinik zu gelingen!
Unerleuchtete Versprechen für neue Vertuschungstaktiken
Der Zusammmenhang ist auch in den kirchlichen Institutionen gut bekannt: Da in der Aufarbeitung und Prävention viel gelungen ist, kommt „das Thema“ nicht zur Ruhe. Eigentlich ist das ein Erfolg. Doch auch innerkirchlich wird das nicht so gesehen.
Ich erinnere mich an Äußerungen von Verbandsvertretern, auch auf dem Synodalen Weg, die verkündeten: „Wir müssen Prävention so aufstellen, dass es niemals (!) mehr Missbrauch gibt.“ Oder an die Schulversammlung in einer Schule, deren Träger kürzlich zurückliegenden Missbrauch aus vergangenen Jahrzehnten untersucht hatte; vor den applaudierenden Eltern stand die Schulleiterin auf und verkündete: „Ich werde dafür sorgen, dass an unserer Schule so etwas nie wieder (!) passiert!“
Genau dies sind aber gerade die unerleuchteten Versprechen, die die Grundlage für neue Vertuschungdynamiken legen.
Die Generation derjenigen, die das Jahr 2010 in verantwortlicher Position erlebt hat, tritt langsam ab. Die Erschütterung, die die damaligen Akteure erlebten, lässt sich nicht auf die nächste Generation übertragen. Gerade deshalb bedarf es für die Verstetigung des Erreichten einer Aufmerksamkeit auf neu sich einschleichende Vertuschungsdynamiken. Eine davon lautet: „Es muss doch einmal ein Ende haben.“





