Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Der dunkle Kult um die Keuschheitsgelübde

Gegen die Manipulation mit Reinheitsversprechen

Seit einiger Zeit wenden sich Menschen an mich, weil sie mit dem Thema Keuschheitsgelübde („Reinheitsversprechen“) vor der Ehe zu tun bekommen haben – Eltern, deren pubertierende Kinder auf kirchlichen Jugendtreffen von Veranstaltern zu solchen Versprechen angeregt und angeleitet wurden, bis dazu hin, in Gottesdiensten öffentlich „Kein Sex vor der Ehe“ zu versprechen; aber auch Pfarrer und seelsorgliches Personal in unterschiedlichen Diözesen, denen diese Praxis aufstößt. Auch Bischöfe sind informiert. Manche von ihnen haben Bedenken, meinen aber, nichts dagegen tun zu können. Andere scheinen gar keine Bedenken zu haben, zumal dann nicht, wenn die jungen Leute, denen solche Gelübde nahegelegt werden, schon volljährig sind. Was ist davon zu halten?

Das Thema ist angstbesetzt. Die sich mir anvertrauen, bitten um Diskretion. Es ist wie so oft: Charismatische Persönlichkeiten und sie umgebende Gruppierungen treiben die Praxis von „Reinheitsversprechen“ voran. Sie reagieren scharf, wenn man ihr Tun in Frage stellt. Um konkrete Vorgänge benennen zu können, muss ich also in meiner eigenen Erinnerung an übergriffige Muster von Sexualpädagogik kramen.

Als Schüler einer Jesuitenschule bin ich heute dankbar dafür, dass ich bei Exerzitien-Vorträgen, zu denen ich als pubertierenden Junge eingeladen wurde, einschlief. Dabei ging es stundenlang um das Thema Masturbation, die angebliche Ursünde hinter allen Sünden. Was daraus in einem Menschenleben werden kann, wenn man das als Jugendlicher ernst nimmt, kann man nachlesen bei Hilpert/Leimgruber u.a.  (Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Raum der Kirche, Freiburg 2020, S.126, Anm.8).

Keuschheitsgelübde und „Gebete um Reinheit“

Erstmals las ich dann in den 80er Jahren explizit von Keuschheitsgelübden vor der Ehe (vgl. Klaus Steigleder, Das Opus Dei – eine Innenansicht, Köln 1983). Weiteres anschauliches Material zu dem Thema entnahm ich kürzlich dem Erfahrungsbericht von Magdalena Fischer (in: Remenyi/Schärtl, nicht ausweichen – Theologie angesichts der Missbrauchskrise, Regensburg 2019, S.19–31). Es lohnt sich auch, unter „Jugendtreffen Pöllau“ zu googeln (vgl. dazu auch: katholisch.de, 19.6.2019). Da kann man die lockende Außenansicht solcher Veranstaltungen meditieren, bei denen dann auch gerne Beichtgelegenheiten nach Vorlage sehr detaillierter Beichtspiegel angeboten werden, samt Heiliger Messe „mit Gebet um Reinheit“.

Auch aus dem Augsburger Gebetshaus kommen junge Menschen, die im Rückblick den Eindruck haben, zu „Reinheitsversprechen“ o.ä. manipuliert worden zu sein, und die nun mit dem Schuldgefühl kämpfen, Gott ein Versprechen zu brechen, wenn sie allein schon in Gedanken erwägen, mit dem Freund oder der Freundin zusammenzuziehen.

Verwunderlich, nein: befremdlich, nein: alarmierend ist all dies, weil sich hier parallel zu den Aufarbeitungs- und Präventionsbemühungen in der katholischen Kirche eine Sonderwelt bildet und zugleich dezidiert abschottet. In ihr wird so getan, als sei nichts gewesen, und als hätten wir in den letzten Jahren nichts hinzugelernt über Täterstrategien und Risikofaktoren.

Kirche darf nicht wegschauen

Als Seelsorger oder Seelsorgerin in Besinnungstagen und Beichten auf Jugendliche und auf junge Menschen aktiv zugehen und ihnen nahelegen, sie sollten „Reinheitsversprechen“ ablegen, ist mehr als Katechese. Es ist ein Übergriff. Pastorale Programme, die solches Verhalten decken, öffnen den Vertrauensraum zwischen Seelsorger und Seele für das Eindringen von Tätern, wie dem exemplarischen Bericht von Magdalena Fischers (s.o.) zu entnehmen ist. Ein Typ von Seelsorgern wird angelockt, der bewusst oder unbewusst Gelegenheiten der Anbahnung sucht und nutzt.

Es ist absurd, wenn sich die Kirche einerseits darum bemüht, eine „Kultur der Achtsamkeit“ zu fördern, in der Anbahnungsgelegenheiten kritisch unter die Lupe genommen werden, dann aber angesichts solcher Praktiken wegschaut. Mit „Kultur der Achtsamkeit“ hat es nichts zu tun, wenn Seelsorger in der Beichte, im geistlichen Gespräch oder in der Predigt jungen Menschen vorschlagen oder sie gar drängen, Enthaltsamkeitsgelübde abzulegen.

Wenn „Freiwilligkeit“ eben gerade nicht freiwillig war

Wie genau bei dem Begriff der „Freiwilligkeit“, der dann immer gerne defensiv in Stellung gebracht wird („es ist ja nur freiwillig“) hinzuschauen ist, haben wir gerade in der Aufarbeitung von Missbrauch gelernt. In asymmetrischen Beziehungen muss das Machtgefälle mitgedacht werden. Heute liegen uns unzählige Berichte von Opfern vor, die nachträglich begreifen, dass die Zusage ihrer „Freiwilligkeit“ eben gerade nicht freiwillig war. Und es sind schließlich auch einige inhaltliche Fragen berührt, die einer Klarstellung bedürfen, zum Beispiel: Sich vorzunehmen, gemäß der kirchlichen Lehre vor der Ehe ohne Sex zu leben ist etwas anderes, als vor Gott ein „Reinheitsgelübde“ abzulegen.

„Reinheit“ mit sexueller Enthaltsamkeit zu vermengen ist keine „Theologie des Leibes“, sondern dummes Zeug.

Eheleute sind nicht „unrein“, und Sexualität macht nicht „unrein“. „Reinheit des Herzens“ (Mt 5,8), von der Jesus in Abgrenzung von den vielen äußerlichen Reinheitsgesetzen spricht, besteht in der Absichtslosigkeit des Blicks auf die andere Person. Die Manipulierer und Verführer sind die „Unreinen“.

Es ist an der Zeit, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Damit es jedenfalls klar ist: Auf junge Menschen zugehen und sie zu „Reinheitsversprechen“ und ähnlichem animieren geht gar nicht.


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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