Klaus Mertes SJ Kolumne

WDR und Penny

Wo endet Berichterstattung und wo beginnt Meinungsmache?

Der Discounter PENNY hat mit einer Aktion namens „Wahre Preise“ in dieser Woche Aufsehen erregt. Vorübergehend erhöhte er die Preise für neun Produkte, indem er die Kosten einberechnen ließ, die sich bei der Produktion durch die Umweltbelastung ergeben. Von Käse bis zu Wiener Würstchen stiegen die Preise bis zu 94 Prozent. Die Mehreinnahmen will die Handlungskette, die zur REWE-Gruppe gehört, für ein Projekt zum Klimaschutz und zum Erhalt familiengeführter Bauernhöfe im Alpenraum spenden.

Für mich hat es immer ein Geschmäckle, wenn PR-Aktionen dieser Art mit politisch und moralisch hochbesetzten Themen verknüpft werden. Da vermischen sich Diskurse, die zu unterscheiden sind. Aber erst der WDR verschaffte der Aktion einen echten PR-Erfolg. Er berichtete über sie in der TAGESSCHAU vom 1. August 2023. Dabei wurde zunächst eine ältere Kundin interviewt. Sie äußerte, dass sie die Lebensmittel mit Preisaufschlag nicht kaufen werde, sondern lieber warten wolle bis die Preise wieder gefallen seien.

Danach folgte eine jüngere Kundin. Sie kommentierte, dass sie die Aktion gut finde. „Weil es zum Nachdenken anregt. Normalerweise denkt man nicht darüber nach, dass Fleisch so und so viel Aufschlag hat“.

Doch die interviewte Frau war keine Kundin, sondern WDR-Mitarbeiterin.

Da vermischen sich Diskurse

Als wäre das alles nicht peinlich genug, legte der WDR-Chefredakteur Stefan Brandenburg tags drauf nach: Der für den Beitrag zuständige Reporter habe nicht verstanden, dass die angebliche Kundin eine Kollegin sei. Das sei „auf die vielen Nebengeräusche im Supermarkt zurückzuführen.“ Wusste die Kollegin selbst nicht, dass sie Kollegin ist? Hatte jemand es dem Reporter zugerufen, aber er hatte es nicht gehört? Wie auch immer: Nun macht der Beitrag die Runde im Netz, zum PR-Nutzen von PENNY, zum Hohn und Spott für den WDR.

Es geht bei diesem Vorgang um mehr als die Lust am Spott, der nun zum Schaden hinzukommt. So etwas kann passieren. Man muss es dann ertragen. Der Vorgang triggert aber Erfahrungen an, die viele Menschen, auch ich selbst, mit schlecht gemachter oder gar bewusst manipulierter Berichterstattung gemacht haben, auch in den öffentlich-rechtlichen Medien – und zwar mit einem Journalismus, der mehr Meinung machen als berichten will, und der meint, mit Steinen werfen zu dürfen, weil er selbst unangreifbar ist.

Dabei müssten sich gerade die öffentlich-rechtlichen Medien einem besonders hohen Qualitätsanspruch stellen. Sie haben den besonderen Status und sind entsprechend finanziert.

Die WDR-PENNY-Posse ist ein weiterer Tropfen in ein inzwischen reichlich gefülltes Fass. Das erklärt die starke Reaktion im Netz. Sie ist nachvollziehbar.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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