Anmerkungen eines Fußballfernen zu Sport in Nachrichtensendungen im Allgemeinen und zur WM im Besonderen
Sport interessiert mich nicht. Aber die Sportberichte in den Fernsehnachrichten sehe ich gerne. Immer wieder gibt es da die großen Gefühle. Menschen in der Stunde ihres Triumphs stehen vor der Kamera, geben erste Interviews. Ins Bild kommen auch die, die gerade gescheitert sind, auf großer Bühne gescheitert. Sieg und Niederlage entfalten ihre elementare Wucht.
Schaue ich etwa die ZDF-Nachrichten um 19:00 Uhr („heute“), erfahre ich zunächst etwas von der aktuellen Lage auf den Kriegsschauplätzen, von den Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft, von den mühsamen Bemühungen der Regierung, von der Bedrohung der demokratischen Ordnung, von neuen Erkenntnissen über das Klima, von Betriebsschließungen und fehlenden Fachkräften, von steigenden Kosten und fehlenden Geldern, von Schieflagen im sozialen Bereich und Mängeln in der Infrastruktur, von Korruption, von Waldbränden und Überflutungen, von Eisenbahn- und Flugzeugunglücken. Probleme über Probleme, Katastrophen über Katastrophen. Nachrichten in den Medien sind schlechte Nachrichten, meist (aber das ist ein anderes Thema).
Kurz vor dem Ende der Sendung kommt der Schnitt. Nun geht es um Hand- oder Fußball, Hockey oder Eishockey, Laufen, Springen oder Werfen, Reiten, Rudern oder Rodeln. Ich kann aufatmen (wenn ich die Schreckensmeldungen vorher an mich heranließ). Die Sendung folgt der Dramaturgie von Anspannung und Entspannung. Auch beim Sport kann es schlechte Neuigkeiten geben. Aber die sind von überschaubarer Bedeutung, nichts, was Leid und Unglück über Städte und Länder bringen könnte.
Gewinnen oder verlieren, Macht oder Ohnmacht
Beruhigend wirkt auch die Klarheit des Entweder–Oder. Letztlich geht es beim Sport um Sieg oder Niederlage. In der Politik gibt es die divergierenden Interessen der verschiedenen Gruppen und die unterschiedlichen Dimensionen eines Themas. Zuwanderung, Klima, Rente: alles komplex und unübersichtlich. Die Eindeutigkeit von Sieg oder Niederlage gibt es in der Demokratie bei Wahlen. Im Weltgeschehen kennen wir sonst vor allem die Eindeutigkeit im Negativen: bei Krieg und Vertreibung sind die leidenden Opfer (eindeutig) die Verlierer.
Sport ist keine heile Welt. Kommerzialisierung, politische Instrumentalisierung, Korruption, Gesundheitsschäden und Doping gehören zur dunklen Seite. Was den Sport schön macht, sind die Regeln. Diese besitzen weithin Gültigkeit. Gewiss gibt es Sportler, die sich regelwidrig Vorteile verschaffen wollen. Aber den eindeutigen Regelverstoß von Spielern oder Athleten würde doch wohl niemand akzeptieren.
Ob die Intervention des US-Präsidenten zugunsten der Mannschaft seines Landes und die Umgehung der geltenden Regeln bei der Fußball-WM zum Präzedenzfall werden, muss man freilich abwarten (immerhin hat Trump das Ausscheiden der US-Mannschaft bei der WM nicht mehr angefochten). Im Weltgeschehen gibt es dagegen ein grundsätzlich anderes Muster. Wer skrupellos ist und die Macht hat, kann nach seinen eigenen Regeln spielen. Die Regeln des Völkerrechts etwa sind dann wirkungslos.
Neben dem Entsetzen: der Spaß
Das Nebeneinander von bombardierten Städten und Kunstturnen in den Fernsehnachrichten suggeriert die Gleichrangigkeit der Ereignisse. Vermutlich wird durch diese Zusammenstellung die tatsächliche Interessenlage vieler Menschen abgebildet, der sich die Sendeanstalten nicht einfach verschließen können. Nachrichten in den Medien müssen das Weltgeschehen in das Bewusstsein des einzelnen Menschen überführen.
Auch wenn ich den Unterhaltungswert von Sportmeldungen zu schätzen weiß, halte ich die Gleichstellung von Kämpfen im Krieg und Kämpfen auf dem Fußballfeld für unangemessen.
Dabei ist mir bewusst, dass das Nebeneinander in den Nachrichtensendungen nur das Nebeneinander in der Wirklichkeit wiedergibt. Sportvergnügen finden statt, obwohl gleichzeitig Kinder sterben. Auch jedes andere Vergnügen ist ein Vergnügen-obwohl-gleichzeitig. Denkbar wäre deshalb, auf Sport oder andere Vergnügen zu verzichten. Aber was wäre das für ein Leben? Die Alternative wäre, Unrecht, Gewalt und Leid ein für alle mal zu besiegen.
Daran kann man arbeiten.






