Klaus Mertes SJ über junge Wähler und politische Ränder
Mehr als die Hälfte der 16- bis 24-Jährigen hat in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern die LINKE oder AfD gewählt. Beide Parteien werfen einander Extremismus vor und lenken damit von Problemen in den eigenen Reihen ab. Die politische Mitte dringt in dieser Auseinandersetzung kaum noch durch. Umso wichtiger ist ein Ort, an dem junge Menschen kritisch über sich selbst nachdenken können – und das kann die Schule sein.
In Berlin konnte die LINKE die meisten jungen Stimmen auf sich vereinen (16- bis 24-Jährige: 43 Prozent), die AfD folgt an zweiter Stelle zusammen mit den Grünen (12 Prozent). In Mecklenburg-Vorpommern verhält es sich umgekehrt. Hier konnte die AfD die meisten jungen Stimmen auf sich vereinen (34 Prozent), die LINKE an zweiter Stelle (22 Prozent). Rechnet man die Stimmen der radikalen Parteien rechts und links zusammen, kommt man auf deutliche Mehrheiten: in Berlin 55 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern 56 Prozent. Ich nenne das den geschichtspädagogischen PISA-Schock.
„Haltet den Dieb“
Die LINKE labelt alles, was rechts von ihrer sehr links platzierten Brandmauer steht, als „faschistisch“. Die AfD heuchelt sich umgekehrt über die Neonazis in ihren eigenen Reihen hinweg, indem sie den Israel-bezogenen Antisemitismus der LINKEN anprangert. So kooperieren linksextrem und rechtsextrem miteinander, um sich nach der Methode „Haltet den Dieb!“ davor zu schützen, vor der eigenen Haustüre kehren zu müssen. Die Mitte kann sich in dieser Diskurslage kaum noch vernehmbar äußern, denn Schlammschlacht, Hassgebrüll und Prügelei passt nicht zur Mitte, zieht sie vielmehr mit hinein in die Extreme.
Vom Mitläufer zum Widerstand
Was für ein geschichtspädagogischer Ansatz könnte Jugendlichen in dieser Situation helfen? Ganz konkret: Die Hinwendung zu Biographien des Widerstandes gegen Diktaturen, und zwar besonders zu Biographien von denjenigen Personen, die sich anfangs von der Begeisterung für die Nazidiktatur mitreißen ließen, aber dann nach und nach begriffen, dass sie sich direkt oder indirekt an einem verbrecherischen System beteiligten.
Schule als Raum für Selbsterkenntnis
Extremismus kann nur überwunden werden, wenn es zu kritischer Selbsterkenntnis kommt.
Dafür gibt es aber in der Schlammschlacht zwischen linken und rechten Antisemiten zurzeit keinen Raum. Aber Schule muss diesen Raum bieten. Jugendliche brauchen die Begegnung mit Vorbildern, die durch Irrtümer und Anfechtungen hindurch zum Umdenken gefunden haben. Solche Vorbilder sind es, die ein Leben lang helfen können, sich dem Sog jeglichen Extremismus entziehen, zu dem auch der Antisemitismus gehört.







