Klaus Mertes SJ Kolumne

HIER SCHREIBT KLAUS MERTES

Prävention und Schulkultur

Was wirklich gegen Jugendgewalt hilft

Nach den Gewaltexzessen während der Silvesternacht gegen Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen läuft die mediale Aufarbeitung. Journalisten besuchen Schulen in betroffenen Brennpunktvierteln. Vor laufenden Kameras werden Jugendliche – man sieht ihnen den Migrationshintergrund an – interviewt. Sie distanzieren sich entschieden von den Taten. Im Kommentar folgen Forderungen nach mehr Prävention an den Schulen.

Ich stelle mir nach solchen Berichten aus pädagogischer Perspektive immer mindestens zwei Fragen: 1. Was sollen denn die vor laufenden Kameras befragten Jugendlichen anderes von sich geben als eine klare Distanzierung von den Taten und den Tätern? 2. Warum ist Prävention gegen Gewaltexzesse in der Schule notwendig, wenn alle Jugendlichen in der Schule sich einig sind, dass sie gegen solche Gewalttaten sind?

Es muss etwas getan werden

Irgendwie laufen solche gut gemeinten Berichte ins Leere. Gut gemeint an ihnen ist: 1. Die Statements und Bilder machen deutlich, dass die Jugendgewalt auf der Straße von Migration zu unterscheiden ist. „Die ethnische Herkunft erklärt das Verhalten nicht, entscheidend ist die desolate soziale Lebenslage.“ (Klaus Hurrelmann, Tagesspiegel, 6.1.2023) Dem kann man ja nur voll und ganz zustimmen. 2. Die Forderungen machen deutlich, dass etwas getan werden muss. Also: Prävention in den Schulen.

Aus schulischer Perspektive kann ich folgende Erfahrungen beisteuern: 1. Gewalt ist feige. Sie versteckt sich, wenn sie angesprochen wird. Zugleich bedroht sie aus der Tiefe des Schweigens alle, die sie aufdecken könnten. Deswegen hilft es auch nicht, Gruppen als Gruppen anzusprechen, wenn es innerhalb einer Gruppe einen Gewaltvorfall gegeben hat. Alle distanzieren sich von der Gewalt, und es ändert sich nichts. 2. Präventionsmaßnahmen lösen bei der großen Mehrheit der Jugendlichen, die nichts mit Gewalt am Hut hat, Aggression aus, weil ihnen eine Minderheit von Gewalttätigen ein Thema aufzwingt, und zwar indem sie das Thema der Institution aufzwingt.

Die Gewalt führt die Schule am Nasenring in der Manege vor.

So erleben es jedenfalls viele Jugendliche.

Dass Gewalt gegen Polizei, Feuerwehr und Krankentransporte nicht in Ordnung ist, wissen alle, auch die Gewalttäter. Das eigentliche Problem besteht aber in der Erfahrung vieler Jugendlicher, dass die Institution es nicht schafft, der Gewalt Grenzen zu setzen. Es ist ja in der Tat auch eine höchst komplexe Aufgabe, auf eine solche Weise gegen Gewalt vorzugehen, dass die Gewalt im Ergebnis nicht kontraproduktiv verstärkt wird. Aber das alles ist eine Frage an die Institution, an das verantwortliche Personal, an die pädagogische Kompetenz, nicht an die Jugendlichen selbst.

Entscheidende Rolle einer positiven Schulkultur

Schule ist nach und neben Familie die entscheidende Sozialisationsinstanz in einer Gesellschaft. Problemfokussierte Präventionsmaßnahmen prägen Schulkultur nicht, sofern sie vor allem Verhinderung im Blick haben. Viel wichtiger ist die positive Gestalt der Schulkultur mit ihren friedensstiftenden Kollateraleffekten. Beispiel: Kultur des gemeinsamen Musizierens und Singens. Oder: Einübung von resonanzoffenem Hören im Unterrichtsgespräch. Oder: gemeinsame Sprache durch Begriffsklärungen (z. B.: Wie unterscheiden wir „Grenzverletzung“, „Übergriff“ und „Missbrauch“, oder auch „Petzen“ und „Beschwerde“ und so weiter). Oder: Feiern bei Anlässen wie z. B. Aufnahme oder Abschied. Oder: Gute Rahmenbedingungen (z. B: funktionierende Heizungen, ansprechende Lernräume, saubere Toiletten). Und vieles andere mehr.

Präventionsmaßnahmen können dann als ein kleiner Beitrag hinzukommen. Die grassierende Jugendgewalt ist aber ein Zeichen dafür, dass mehr als Prävention nötig ist. Deswegen gebührt den pädagogischen Schlüsselaufgaben mehr Aufmerksamkeit, als sie derzeit in der öffentlichen Bildungsdebatte haben.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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