Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Neue Europabegeisterung

Warum uns der europäische Gedanke Hoffnung geben kann

Der Name Eugen Gerstenmaier ist heute nicht mehr vielen Menschen bekannt. Er war von 1954 bis 1969 Bundestagspräsident im Bonner Parlament. Wichtiger ist mir allerdings, dass er zusammen mit Alfred Delp und Helmuth James von Moltke in Tegel im Gefängnis saß, weil er im „Kreisauer Kreis“ mitwirkte. Mit seinen beiden Gefährten stand er Anfang Januar 1944 vor dem Volksgerichtshof, wurde dort allerdings nicht zum Tode, sondern „nur“ zu Zuchthaus verurteilt. So überlebte er die letzten Monate der Nazi-Diktatur.

Gerstenmaier beschrieb rückblickend den Kreisauer Kreis folgendermaßen. „Das Militärische war nicht ihr Fach. Sie waren weder Heerführer noch besaßen sie sonst organisierte Macht. Ihr Feld war der Gedanke. Ihre Aufgabe, der Entwurf einer neuen rechtsstaatlichen Ordnung. Ihr Wille, die Ideologie des totalen Staates zu überwältigen. Ihr Ziel, Deutschland im Geist des Christentums und der sozialen Gerechtigkeit wieder aufzubauen und in ein vereintes Europa einzufügen.“

Das „vereinte Europa“ gehörte also ins Herz der Vision der Männer und Frauen des Widerstandes. Warum? Heute verstehe ich es besser als noch vor einigen Monaten: Weil ein freiwilliger Zusammenschluss von Staaten die einzige ernst zu nehmende friedenspolitische Alternative zu Imperienbildung ist. Imperien sind Vielvölkerstaaten. Sie verstehen sich zwar auch als Friedensreiche (siehe pax romana), allerdings unter der Bedingung der Unterwerfung unter eine Zentralmacht. Imperien denken in geostrategischen Kategorien. Sie stellen Ansprüche auf Einflusszonen. Sie fürchten den Anspruch der Völker auf Selbstbestimmung.

Europa – ein Geschenk

Wenn man das bedenkt, so kann man nur staunen, wie recht die „Kreisauer“ hatten. Wir verdanken ihrer Inspiration und der Europäischen Union Jahrzehnte des Friedens ohne Unterwerfung unter eine Zentralmacht, jedenfalls für die Länder in der Europäischen Union. Bei allem, was man im Einzelnen bemängeln mag – das war das größte Geschenk der Nachkriegszeit, bis heute.

Vor diesem Hintergrund stimmt das Ergebnis der jüngsten Wahl in Frankreich sehr nachdenklich. Was passiert da gerade? Nur 46 % der Wahlberechtigten gingen zur Wahl. Zeichen für massiven Vertrauensverlust.

Wer Vertrauen verliert, vertraut nicht nicht, sondern vertraut anderen.

31,6 % von denen, die dann doch zu Wahl gegangen sind, vertrauen den Linkspopulisten (Jean Luc Mélanchon), 17,3 % den Rechtspopulisten. Beide wollen mal aus der Europäischen Union raus, mal dann wieder nicht. Beide schüren seit Jahren Ressentiments vor allem gegen Deutschland.

Was für ein Kontrast, wenn man an die versöhnlichen Gesten von de Gaulle, Robert Schuman und anderen französischen Politikern nach 1945 denkt. Durch sie wurde neues Vertrauen in Europa geschaffen! Wie ist es möglich, dass das (zu Recht so genannte) Wunder der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg so sehr verblasst! Alle wissen es ja: Diese deutsch-französische Aussöhnung ist das Herzstück des Friedens in Europa.

Und wir in Deutschland?

Sind wir noch so europabegeistert wie die Generation unserer (Groß-)Eltern nach 1945? Es stimmt: Die Zeit ist weitergegangen. Von den Kreisauer Gesprächen trennen uns 80 Jahre. Man kann nicht 80 Jahre lang begeistert sein. Aber man kann Grundeinsichten neu begreifen, angesichts neuer Herausforderungen.

Auch freiwillig zustande gekommene Bünde demokratischer Staaten können auseinanderbrechen. Das gibt zu denken, zumal in der gegenwärtigen Lage, wenn wir in den Osten Europas blicken. Die Herausforderungen, die heute sichtbar werden, weisen wieder auf Europa hin: Im friedlichen, freiwilligen Zusammenschluss der Staaten liegt die Alternative zu beidem, zum Imperialismus und zum Nationalismus. Europa ist eine Hoffnung mitten in der Bedrängnis.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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