Hier schreibt Klaus Mertes

»Du hast es doch selbst gewollt!«

Warum es keine »gemeinsame Aufarbeitung« von Missbrauchsfällen geben kann. Auch nicht in Köln.

Der Kölner Kardinal Woelki hat, wie die jüngsten Nachrichten zeigen (siehe FAZ, 14.11. und 20.11.), ein Riesenproblem: Er hat den Betroffenenbeirat seiner Diözese instrumentalisiert, um vor der Öffentlichkeit die Entscheidung zu begründen, dass er einen bereits vorliegenden Aufklärungsbericht nicht veröffentlichen wird. Die Betroffenen sind über den Tisch gezogen worden und haben das erst gemerkt, als es schon zu spät war. Der Kardinal hat sich die Autorität der Betroffenen zu eigen gemacht, um seiner eigenen Entscheidung Legitimation zu verschaffen – nebenbei: ein Zeichen seines schwachen Selbstverständnisses als Leitungsperson. Nun stehen er und auch der Betroffenenbeirat vor einem Scherbenhaufen.

Das ganze ist ein Lehrstück. Es greift zu kurz, wenn auch dieses Scheitern wiederum nur als das persönliche Versagen eines Kardinals oder anderer verantwortlicher Personen gesehen wird. Die Empörung gegenüber Personen ist verständlich, aber sie vernebelt auch den Blick für das dahinter liegende Konzeptionsproblem.

Es gibt keine „gemeinsame Aufarbeitung“ von Opferseite und Täterseite im Falle von Missbrauch in Institutionen. Die Aufarbeitung beginnt vielmehr mit der Konfrontation. Misstrauen, Hassgefühle, Zurückweisung von Verantwortung stehen der Opferseite von Anfang an und für die gesamte Dauer der Aufarbeitung zu.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Institution kann und darf zu keinem einzigen Zeitpunkt die Autorität der Opfer in Anspruch nehmen, um eigene Entscheidungen zu legitimieren.

Was sie tut und was sie entscheidet, muss sie deswegen tun und entscheiden, weil sie es selbst für richtig hält, und nicht etwa deswegen, weil Betroffene oder Betroffenenbeiräte es fordern – selbst wenn sie dann tatsächlich das tut oder entscheidet, was Betroffene tatsächlich auch fordern.

Denn es ist ja für die Qualität der Beziehung zwischen Opfern und Institution entscheidend, ob eine Entscheidung über – sagen wir: Veröffentlichung von Namen, Entschädigung oder Prävention von den Vertretern der Institution deswegen getroffen, weil sie selbst einsehen, dass es gut und richtig ist, so zu entscheiden, oder nur deswegen, weil sie sich Druck beugen.

Haarspalterei? Zu kompliziert? Nein. Wenn dieser feine, aber entscheidende Unterschied nicht respektiert wird, dann steht am Ende ein Kardinal vor den Opfern und sagt ihnen das, was diese in der Kirche (oder in Familien, Schulen, Sportvereinen etc.) vor Jahrzehnten als Jugendliche schon einmal aus dem Mund von Tätern und Verharmlosern hörten: „Du hast es doch selbst gewollt!“


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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