Klaus Mertes SJ Kolumne

Mertes’ Meinung

Solidarität basiert auf Vertrauen

Warum Panik in der Krise ein schlechter Ratgeber ist

Dass es im Winter genügend Gas zum Heizen gibt, ist nicht sicher. Viele Menschen kaufen sich deshalb jetzt Heizlüfter – das könnte jedoch alles noch schlimmer machen. Klaus Mertes meint, dass nicht irrationales Verhalten, sondern Solidarität hilft, durch die Krise zu kommen.

Am vergangenen Wochenende lautete die Schlagzeile in Berliner Medien: „Bundesnetzagentur warnt vor massenhafter Nutzung von Heizlüftern. Berlin rechnet mit Verdreifachung des Stromverbrauchs.“ (Tagesspiegel, 11.9.2022) Was geschieht da gerade in unserer Gesellschaft? Ganz einfach: Die Leute haben Angst, dass es im Winter kein Gas mehr gibt. Also kaufen sie massenhaft Heizlüfter und Radiatoren. Die kann man dann zu Hause an den Stecker anschließen, wenn das Gas knapp wird. Einige Haushalte planen sogar, ihre Backöfen für das Heizen der Räume einzuspannen. Ehrlich gesagt, ich gebe zu: Ich habe mich selbst schon in den letzten Wochen bei solchen Phantasien ertappt.

Irrationales Krisenmanagement

Heizlüfter und Radiatoren statt Gas – das ist natürlich irrationales Krisenmanagement. Selbst bei sehr hohen Gaspreisen ist Heizen mit Heizlüfter teurer als Heizen mit Gas. Die Überlastung des Stromnetzes kann zu flächendeckenden Stromausfällen führen. Dann wird präventiv in Städten für mehrere Stunden der Strom abgestellt werden müssen, und dann ist auch Schluss mit Heizen durch Heizungslüfter – und mit vielem anderen mehr.

Doch rationale Argumente sind schwach in Zeiten, wo wir Menschen Angst haben. Angst ist mächtig. Da sind wir versucht, zunächst an uns zu denken. Die Folgen meines Verhaltens für die Allgemeinwohl geraten aus meinem Blickfeld. Wir sind auch versucht, die Nase voll zu haben von der Überkomplexität der Zusammenhänge und stattdessen einfache Lösungen zu bevorzugen – zum Beispiel Heizungslüfter kaufen.

Das Problem ist nur: Die Zusammenhänge werden nicht weniger komplex, wenn wir einfache Lösungen wählen.

Vielmehr speisen wir unsere einfachen Lösungen in die komplexen Verhältnisse ein und machen die Verhältnisse dadurch noch komplexer.

Solidarität als Alternative

Die Alternative heißt Solidarität. Zum Ernstfall der Solidarität kommt es immer dann, wenn sie beginnt, weh zu tun. Solange der reiche Mann dem armen Lazarus ein paar Reste von seinem Überfluss abgibt (vgl. Lk 16,19–31), tut es dem reichen Mann noch nicht weh – und kann man deswegen nicht von Solidarität sprechen.

Aber auch schon der Verzicht auf unsolidarisches Handeln ist ein Gewinn für die Allgemeinheit, zumal ja auch der Verzicht etwas kosten kann.

Jedenfalls gilt: Wenn ich auf unsolidarisches Handeln verzichte, darf ich darauf hoffen, dass ich mich komplexitäts-angemessen verhalte, obwohl ich die ganze Komplexität der Verhältnisse nicht überblicke. Solidarität basiert auf Vertrauen. Panik hingegen de-solidarisiert.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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