Markschläger Meinung

Galinas Meinung

Macht mich der russische Angriffskrieg heimatlos?

Was es aktuell bedeutet, aus Russland zu stammen

Ich bin aufgewachsen in St. Petersburg – meiner Überzeugung nach der schönsten Stadt der Welt. Anstatt ins Kino bin ich als Teenager an den Wochenenden mit Freunden ins Theater gegangen: Bulgakow, Gogol, Gontscharow, Tschechow – ich liebte sie alle, auch wenn sich die wahre Bedeutung der „Toten Seelen“ mir auch nach mehreren Besuchen nicht erschließen wollte und ich nicht dahinterkam, was Oblomow daran hinderte, seine Willenslosigkeit zu überwinden.

Nach meinem russischen Schulabschluss kam ich nach Deutschland – temporär, wie ich dachte. Oft fühlte ich mich fremd und unterlegen, teilweise meiner Individualität beraubt und durch meine Herkunftskultur-Zugehörigkeit in eine Schublade gesteckt. Mit der Zeit erlaubte ich mir, anzukommen und angenommen zu werden; ich habe Deutschland aufrichtig lieben gelernt. Und ich erlaubte mir, die Definition meiner individuellen Kultur-Zugehörigkeit ausschließlich mir selbst zu überlassen.

Seit dem 24. Februar führt Russland einen brutalen, sinnlosen, unsäglichen Krieg gegen sein Brudervolk Ukraine. All diese Adjektive erscheinen mir zu schwach, um die gegenwärtige Katastrophe zu beschreiben. Jede Minute, in der ich wach bin, träume ich vom Ende dieses Krieges. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass, auch wenn der Krieg morgen vorbei sein sollte, uns die Katastrophe, die sich seit ungefähr 150 Tagen in Europa ereignet, noch viele Jahrzehnte begleiten wird.

Keine einfache Frage

Ich frage mich, was es in der heutigen Zeit bedeutet, aus Russland zu stammen. Für viele ist es seit dem 24. Februar keine einfache Frage mehr. In der Vergangenheit musste ich nie darüber nachdenken, außer vielleicht, wenn ich ein Visum beantragen musste – ich liebte mein Geburtsland, ohne jemals patriotisch gewesen zu sein, ich liebte die Menschen, die Kultur, die Musik. Ich habe daran geglaubt, dass es Russland gelingen wird, an den rechtsstaatlichen Defiziten zu arbeiten und dass die Gesellschaft nach und nach den Weg aus ihrer politischen Passivität finden wird.

Heute frage ich mich, ob es für uns in absehbarer Zeit überhaupt noch möglich sein wird, russische Literatur zu lesen, russische Filme zu sehen – mit dem Wissen, dass sie alle eine schreckliche Neuinterpretation ab dem 24. Februar 2022 erhalten werden? Soll ich noch mit meinen Kindern Russisch auf der Straße sprechen oder sollte ich mich schämen? Macht der russische Angriffskrieg mich heimatlos? Was bedeutet der Krieg für die russische Kultur und die russische Sprache?

Auf Russisch kann man überall die Wahrheit sagen, nur nicht in Russland …

Pauschale Diffamierung alles Russischen

Mit Sorge beobachte ich die pauschale Diffamierung alles Russischen. Wie gelingt uns wieder ein differenzierterer Blick? Menschen wie ich fühlen uns oft gefangen in einem Rechtfertigungsmodus. Ich möchte etwas tun, das aktiv zu einer Neugestaltung des deutsch-russischen Verhältnisses beiträgt, etwas, das dem aktuellen schuldorientierten Diskurs entgegenwirkt. Ich wünsche mir, wir könnten schon jetzt die Zukunft nach diesem schrecklichen Krieg und nach dem derzeitigen politischen Regime gestalten. Aber ich vermute, dafür ist es noch zu früh.

Das Ausmaß an Gewalt, Ungerechtigkeit und zerbrochenen Leben, das durch diesen Krieg entsteht, ist noch nicht absehbar. Wir erleben eine dramatische moralische Katastrophe. Trotzdem erlaube ich mir zu hoffen, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft in der Lage sein werden, eine friedliche Nachkriegskultur aufzubauen, in der die Traumata unserer jüngsten Geschichte aufgearbeitet werden dürfen. Doch als Erstes muss dieser schreckliche Krieg beendet werden.


Galina

Die gebürtige Russin lebt und arbeitet schon seit vielen Jahren in Deutschland. Um sie und ihre Familie zu schützen, nennen wir hier nur Ihren Namen. Der Redaktion ist der vollständige Name und die Adresse der Autorin bekannt.

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