Kreusch Himmelfahrt

Kreuschs Meinung

Neue Stimmen für Maria

Mariä Himmelfahrt heute verstehen

Heute, am 15. August, feiert die katholische Kirche das Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel, auch Mariä Himmelfahrt genannt. Irina Kreusch sieht dieses Fest als Chance, neu auf Maria zu schauen. Ihr erscheinen viele traditionelle Marienbilder schwierig, denn die Sprache der Hoheitstitel ist heute oft nicht mehr verständlich. Sie will mehr und neue Stimmen für Maria.

Die katholische Kirche feiert im Kirchenjahr zehn Feste und Gedenktage für die „first lady“ des katholischen Glaubens, vom Hochfest der Gottesmutter (01. Januar) bis zu ihrer Geburt (08. Dezember). „Mariä Aufnahme in den Himmel“ beschreibt ein aktives Tun an ihr: Gott nimmt Maria im Himmel auf. Maria hat damit eine absolut herausragende Rolle. Sie wird als Gottesmutter und Himmelskönigin bis zur „wundervoll Prächtigen“ in Kirchenliedern verehrt.

Aber wer ist sie für uns persönlich?

„Mutter Jesu“ und „Gottesgebärerin“ 

In der Bibel ist sie die namenlose „Mutter Jesu“, eine symbolische Gestalt des Glaubens im Johannesevangelium. In den anderen Evangelien hat sie starke Auftritte, vor allem das sog. Magnificat – Seligpreisung und Glaubensbekenntnis zugleich – sowie ihre Zusage, die Mutter Christi zu werden, sind beeindruckend (Lk 1,39–56): Laut Apostelgeschichte ist Maria Mitglied der frühen christlichen Gemeinde (Apg 1,14). Über ihren Tod oder Auferstehung erzählt die Bibel nichts.

Die Kirche bekennt sie als „Gottesgebärerin“ (Konzilien von Ephesus und Chalcedon, 5. Jh.); seit dem 7. Jahrhundert ist die „leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“ benannt, die dann 1950 zum Dogma erklärt wird. Jeder Titel für Maria ist auch ein Bekenntnis und Spiegel seiner Zeit.

Die vielen Bilder und Titel, muss ich gestehen, haben mich oft eher abgeschreckt statt Maria näher gebracht.

Sie erscheint mir mehr verhüllt als befreit. Wie kann ich sie als Vorbild sehen? Setzen diese Titel Frauen nicht auch unter Druck? Wohin sollen sie mit weiblichem Ausdruck an Glaube, Hoffnung und Liebe, wenn Maria so unnahbar erscheint?

Sie ist die einzige weibliche Zugangsfigur im göttlichen Familienbund. Sie ist Myriam, die Jüdin. Das christlich-jüdische Verhältnis der „Tochter Israels“ ist bisher leider kaum aufgearbeitet, ebenso wenig wie die Marienfrömmigkeit des Mittelalters, die oft anti-jüdisch und politisch motiviert war. Heute wird Maria vermehrt als „Schwester im Glauben“ gesehen, ökumenisch verbindend. Und sie wird als „Gerechte“, „Heilige unter Heiligen“ gesehen, das sind Zitate aus dem Koran. Hier kommt Maria mit 70 Textstellen öfter vor als im Neuen Testament und hat damit eine wichtige Rolle im interreligiösen Gespräch.

Maria als Osterbild

Wenn ich alte und neue, erweiterte und rezipierte Sprache und Bilder zulasse, die mich persönlich anrühren und mitreißen, dann kann ich mich auf Maria neu einlassen: Das junge Mädchen, die Ja-Sagerin, die Vertrauensvolle, die Gelassene, die Verlassene, die Menschen-Mutter, die Mutige, die Freundin, die Prophetin, die Glaubende, die Anwältin, die Frau. Mit ihr erhalten wir Hoffnung auf den Himmel. Sie kann Türöffnerin sein zum Reich Gottes.

Mein Bild zu Mariä Himmelfahrt ist deshalb ein Osterbild: Eine von uns, Myriam aus Nazaret, ist schon im Himmel, im Reich Gottes, im Frieden für Leib und Seele. Ob andere dies auch so sehen? Ob die nächste Generation nicht bereits neue Bilder und Sprache braucht? Ich würde mir viele neue Stimmen für Maria wünschen.

Die Langfassung des Texts kann auf der Homepage des Bistums Speyer nachgelesen werden. Irina Kreusch hat bei der Marienfeier am 15. August 2022 im Dom zu Speyer zu diesem Thema gepredigt.


Irina Kreusch

ist Ordinariatsdirektorin im Bistum Speyer und leitet die Hauptabteilung Schulen, Hochschulen und Bildung im Bischöflichen Ordinariat. Sie war im Juli 2019 erste Frau im Allgemeinen Geistlichen Rat, dem bischöflichen Beratungsgremium, und gehört seither zur Bistumsleitung. Sie ist diözesane Ansprechpartnerin der Katholischen Akademie Heinrich-Pesch-Haus.

Die Diplom-Theologin studierte außerdem Germanistik, Politikwissenschaften und Deutsch als Fremdsprache in Trier und hat im Kirchenrecht an der Universität Regensburg promoviert. Ihr ist in wissenschaftlicher Tätigkeit und als freier Autorin immer das Zusammenspiel von Gesellschaft, Politik und Theologie und Kirche ein Anliegen. Sie ist Vertreterin der rheinland-pfälzischen Bischöfe im SWR-Rundfunkrat; lebt mit ihrem Mann, drei Kindern und Hund in Speyer.

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