Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Kein Grund zur Panik

Gar nicht so einfach: Was sind Fakten? Was ist eine Meinung?

„Weniger als die Hälfte der 15 Jahre alten Schüler in Deutschland ist in der Lage, in Texten Meinungen von Fakten zu unterscheiden“, stellt eine Sonderauswertung der PISA-Studie 2018 fest, die in diesen Tagen Schlagzeilen macht. Nun macht sich die Öffentlichkeit Sorgen um die Verführbarkeit von Jugendlichen durch Ideologen und Populisten. Hmm.

Es ist immer erfreulich, wenn wissenschaftliche Studien Ergebnisse hervorbringen, die man aus jahrelanger pädagogischer Praxis spontan bestätigen kann. Ja, es ist für Jugendliche nicht leicht, Fakten von Meinungen zu unterscheiden. Das ist auch ganz normal.

Bildung hat ja den Zweck, ein kritisches Bewusstsein überhaupt erst zu wecken.

Das aber ist eine sehr komplexe Aufgabe, wie schon Sokrates wusste, der mit einer ganzen Stadt darum ringen musste, ob sie die kritische Frage („Woher weiß ich eigentlich, dass ich das, was ich meine, sicher zu wissen, sicher weiß?“) überhaupt an sich heranlässt.

Eine Meinung ist kein Argument

Zum Beispiel: Eine Schülerin schreibt in einer Klausur: „Ich bin gegen die Argumente der Befürworter der Todesstrafe, weil ich sowieso der Meinung bin, dass Todesstrafe schlecht ist.“ Dann schreibe ich daneben: „Eine Meinung ist kein Argument. Klar: Aus deiner Meinung folgt logisch, dass du die andere Meinung nicht zugleich auch haben kannst, aber du müsstest mindesten einen Grund angeben, warum du deine Meinung hast, damit du nicht bloß auf dem Niveau der Meinungsäußerung stehen bleibst.“

Ähnlich ist es auch mit der Behauptung von Fakten. „Fakt ist …“ So formulieren Jugendliche inzwischen gerne. Im Fall der Fälle schreibe ich daneben: „Woher weißt du, dass das ein Fakt ist? Weil du es auf Telegram gelesen hast – oder im Faktencheck der SZ?“

Woher weiß ich das, was ich meine zu wissen?

Es ist eine der vornehmsten Pflichten von Bildungseinrichtungen, Jugendliche in die erkenntniskritische Frage einzuführen: Woher weiß ich das, was ich meine zu wissen? Deswegen ist es für mich auch gar nicht beunruhigend, wenn 15-Jährige die Unterscheidung zwischen „Fakten“ und „Meinungen“ noch nicht genau beschreiben können. Das geht nämlich nicht einfach so, ist sogar ziemlich kompliziert. Es bedarf dazu des geduldigen Hebammen-Dienstes, wie Sokrates das Lehren an anderer Stelle beschrieb. Also: kein Grund zur Panik – aber vielleicht dafür: mehr philosophische Fragestellungen in die Schulen!


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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