Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Ist Impfen gleich Nächstenliebe?

Impfpflicht oder nicht – das ist hier die Frage

Entweder man macht es so wie die Franzosen: Impfpflicht staatlich durchsetzen – für bestimmte Berufsgruppen oder für alle. Oder man belässt es bei der Freiwilligkeit. Was in Deutschland zurzeit geschieht, muss man hingegen wohl eher einen Mittelweg nennen.

Impflicht gebe es nicht, aber ein Impfgebot, meint der Bundesgesundheitsminister. Impfen sei eine „patriotische Pflicht“, wird der amerikanische Präsident zitiert. Die Impfwilligkeit jetzt entscheide darüber, „wie der Herbst und der Winter sein werden“, was im Umkehrschluss bedeutet: Wenn im Winter wieder ein Lockdown dran ist, ist die Schuldfrage schon mal geklärt. Auch der Druck auf die Stiko wird aufrechterhalten. Sie will bis jetzt (14.7.2021) keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ausgeben. Prof. Henn vom Deutschen Ethikrat macht sich für eine Impflicht für das Personal an Schulen und Kitas und findet starkes Medien-Echo. Mit Blick auf das anlaufende neue Schuljahr wird da das schulpolitische Dilemma sichtbar, das uns im Herbst sicherlich weiter begleiten wird.

Das Thema Impfen spaltet

Mein Problem mit dem Mittelweg ist die moralische Aufladung der ganzen Gesellschaft mit dem Thema Impfen, und zwar von oben, durch den Staat. „Impfen = Nächstenliebe“, so ist inzwischen auf Plakaten zu lesen. Das spaltet erneut bis in die privaten Beziehungen, übrigens auch in die Schulen, Kitas und Krankenhäuser hinein. Kaum ein Gespräch, das nicht mit der Frage beginnt: „Bist du schon geimpft?“, oder mit der – meist beruhigend gemeinten – Aussage: „Ich bin schon geimpft.“

Kann dieser Mittelweg wirklich funktionieren?

Kann dieser Mittelweg funktionieren? Ich persönlich befürworte im Falle von Corona die Freiwilligkeit. Im Unterschied etwa zur Masernimpfung befinden wir uns bei der Corona-Impfung faktisch in einer globalen Testphase. Und es ist im Falle der Corona-Impfung auch nicht geklärt, ob sie vor weiterer Ansteckung schützt. Ich glaube, dass man in einer solchen Situation Menschen nur gewinnt, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, frei zu entscheiden, ohne sie in eine Zerreißprobe zwischen Bedenken und moralischer Bewertung zu drücken. Aber wenn ich nur die Wahl hätte zwischen dem deutschen Mittelweg und dem französischen Weg, leuchtete mir am Letzterem jedenfalls ein: Er konzentriert den Konflikt tatsächlich auf das Verhältnis von Gesellschaft und Staat, statt von Staats wegen den Raum freizugeben für die Spaltung in der Gesellschaft an der hochmoralischen Frage: „Wer liebt den Nächsten mehr?“

Daraus folgt für mich: Entweder Freiwilligkeit oder Impflicht. Da muss man sich wohl entscheiden.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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