Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Ihr zerreißt die Pflegekräfte!

Warum niemand zum moralischen Hoheitsgebiet eingestampft werden darf

Markus Söder, Bodo Ramelow und andere gehen davon aus, dass Pflegekräfte einer besonderen moralischen Pflicht unterliegen, sich impfen zu lassen. Unterstützt werden sie von Äußerungen wie z.B. diesen im SPIEGEL (9.1.2021 – gleich auch noch unter dem Titel „Querdenker in Weiß“): Für Pflegende, die sich nicht impfen lassen wollen „gilt dasselbe wie für eine Soldatin, die nicht kämpfen möchte: Beruf verfehlt.“

Der Vergleich mit dem Soldatenberuf entlarvt die Hohlheit des Helden-Pathos, das zu Beginn der Pandemie anschwoll. Es ist bloß die Rückseite einer verlogenen Erwartungshaltung, die dem Pflegeberuf schon seit Jahren aus der Gesellschaft entgegenschlägt: „Setzt euer Leben ein, aber jammert nicht!“ Verlogen, weil: Schlechte Bezahlung, geringe Wertschätzung (siehe auf Youtube die Kampagne „Ehrenpflegas“ des Bundesgesundheitsministeriums für den Pflegeberuf), überlastete Schichtpläne, hoher Krankheitsstand, mentale Überforderung, und gerade auch bei weiblichen Pflegekräften: Wenig Schutz vor Übergriffen von Patienten und auch von Patientenangehörigen. Es ist wie mit Soldaten, die man in die Schlacht schickt, ohne sie angemessen auszurüsten. Hier stimmt der Vergleich mit dem Militär tatsächlich.

„Ihr habt doch bloß euren Job getan.“

Soldaten, die unter solchen Bedingungen in die Schlacht geschickt werden, kehren nicht nur körperlich, sondern auch seelisch verletzt daraus zurück – gerade auch wegen der mangelnden Wertschätzung durch die Gesellschaft, nach dem Motto: „Ihr habt doch bloß euren Job getan.“

Sie sind dann aus nachvollziehbarem Grund nicht mehr bereit, sich von der Gesellschaft hochmoralisch belehren zu lassen. Geht es den Pflegenden auch so? Ist das Nein vieler Pflegekräfte zur Impfung vielleicht nur der Vorbote zu einem (zunächst inneren und dann auch äußeren) Exodus aus dem Pflegeberuf – weil die Bereitschaft sinkt, sich dem Wechselspiel zwischen Heldenverehrung und geringer Wertschätzung weiter auszusetzen? Und verstärkt nicht genau das die Tendenz zur Abwanderung in eine Verweigerungshaltung, die empfänglich wird für die Lockrufe der „Anti-Gesellschaft“ im Netz?

Jedenfalls: Was Söder, SPIEGEL-Kommentatoren und viele andere da zur Zeit anrichten, ist tatsächlich ein Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

Weiterlesen

Klaus Mertes

Jungs-Union

Klaus Mertes befürwortet die von der CDU beschlossene Frauenquote: Denn sie setzt dem Jungen-Narzissmus in der Jungen Union etwas entgegen.

weiter
Klaus Mertes

Solidarität basiert auf Vertrauen

Weil viele Deutsche befürchten, dass es nicht genügend Gas diesen Winter geben wird, greifen sie zu irrationalen Lösungen. Klaus Mertes setzt nicht auf Panik, sondern auf Solidarität in der Krise.

weiter
Burkhard Hose Kommentar

Bischöflicher Gesichtsverlust

Bei der vierten Synodalversammlung haben die Bischöfe am 8. September 2022 das Papier zur Sexualmoral abgelehnt: Es erhielt nicht die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit aus dem Kreis der Bischöfe und ist damit gescheitert. Der Schaden scheint für den Synodalen Weg groß zu sein – dabei liegt er aber ganz woanders. Ein Kommentar von Burkhard Hose.

weiter