Klaus Mertes SJ Kolumne

HIER SCHREIBT KLAUS MERTES

Ethikrat und Corona-Pandemie

Warum viel Vertrauen verloren gegangen ist

Ziemlich lange ist es schon her, da veröffentlichte der Ethikrat am 28. November 2022 eine ad-hoc-Empfehlung zum Thema „Pandemie und psychische Gesundheit“. Darin gestand das Gremium ein, man habe sich zwar während der Corona-Zeit in einer Stellungnahme zu den Belastungen für Kinder und Jugendliche angenommen, „nach rückblickender Einschätzung allerdings zu spät“ und zu wenig.

„Das Schließen von Kitas ist definitiv medizinisch nicht angemessen und wäre auch in dem Umfang, wie wir es damals gemacht haben, nach heutigem Wissen nicht nötig gewesen“, sagte tags zuvor der Bundesgesundheitsminister Lauterbach. Der Ethikrat ergänzte seine späte Einsicht mit einem bemerkenswert banalen Forderungskatalog: flächendeckende schulpsychologische und schulsozialarbeiterische Angebote müssten nun her, Verstärkung des therapeutischen Personals, „evidenzbasierte“ Verbesserung von Beratung, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation – muss man wirklich über Ethik-Expertise verfügen, um so etwas zu fordern?

Wie auch immer: Anlass für diese und vergleichbare Äußerungen war der Abschlussbericht der CORONA-KITA-Studie, in der das Robert Koch-Institut (RKI) mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) mehr als zwei Jahre lang die Bedeutung der Kitas für die Verbreitung des Corona-Virus untersucht hat.

Erwähnenswert ist auch die COPSY-Längsschnittstudie, die von der Forschungsabteilung Child-Public-Health am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt und Mitte dieses Jahres veröffentlicht wurde. Sie untersucht die Auswirkungen und Folgen der COVID-19 Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland: anhaltende Depressionen, Angststörungen, Süchte, Adipositas, Essprobleme und so weiter.

Erschütternde Befunde

Nach den erschütternden Befunden gerade auch der COPSY-Studie und auch nach den ersten Eingeständnissen von Politik und Wissenschaft ist es erstaunlich ruhig geblieben. Das ist auch wieder erschütternd. Bohrt man ein wenig nach, so sind Sprüche zu hören wie: „Nachträglich ist man immer klüger“, oder: „Nach damaligem Wissensstand waren die Kita- und Schulschließungen richtig.“

Das ist mehrfach falsch.

Schon nach damaligem Wissensstand waren die Schließungen, um das mindeste zu sagen, mit ebenfalls „evidenzbasierten“ Gegenargumenten umstritten. Schon damals wusste man auch, dass Gewalt in den Familien explodieren würde, wenn man Kitas und Schulen schließt. Schon damals konnte man auch wissen – dazu braucht man nicht einmal Expertise –, dass Depressionen und Angststörungen andauern würden, wenn die Pandemie beendet ist. Das Leiden der Kinder und Jugendlichen geht jedenfalls weiter.

Wer nach den Gründen der Vertrauenskrise in die staatlichen Institutionen und in die Leitmedien fragt, der muss solche halbherzigen späten Eingeständnisse einschließlich des dröhnenden Schweigens bedenken, das sie begleitet. Dem Ethikrat ist zu empfehlen, seine Rolle während der letzten beiden Jahre kritischer zu bedenken, als er es bisher getan hat – und nicht nur ihm. Es ist einfach zu viel Vertrauen kaputtgegangen.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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