Klaus Mertes SJ Kolumne

Mertes’ Meinung

Wie gehen wir mit dem Hass um?

Schon seit einiger Zeit lässt mich die Sorge um das Gesprächsklima in unserer Gesellschaft nicht los. Eine der großen Fragen, die sich dabei aufdrängt, lautet: Woher kommt der Hass? Darüber kann man viel Kluges sagen. Aber genauso wichtig ist die Erkenntnis: Hass steckt an.

Ich bin in den letzten Jahren gelegentlich Ziel von Hassattacken geworden, von Verleumdungen, von Misstrauen, das sich in ehrverletzenden Unterstellungen äußert, und so weiter. Auch Medien, die als seriös gelten, machten mit. Das kann in der Reaktion auch zu Hass führen, sozusagen zu „Entgegnungs-Hass“, oder auch zu lähmendem Misstrauen, zu Radikalisierung der eigenen Sprache, zu Angst und Aggression.

Seit Hassgefühle mir selbst nicht unbekannt sind, schaue ich mit anderen Augen und höre ich mit anderen Ohren auf die öffentlichen Gespräche, Talkshows, Bundestagsdebatten bis hin zu den Satire-Sendungen hinein. Zu oft muss ich inzwischen ausschalten, weil ich mich von dem Ton nicht anstecken lassen will. Es muss ja irgendwann im Hass landen: Gegner verächtlich machen, Politikerinnen und Politiker als Trottel darstellen, Witze auf Kosten des guten Rufs Abwesender reißen, Porno-Sprache hoffähig machen, Faktenbehauptungen in die Welt setzen, immer alles besser wissen – ich beginne, mich nach einer Gesprächsatmosphäre zu sehnen, in der Menschen einander zuhören, nachfragen um besser zu verstehen, auch mal einen Moment Stille aushalten.

Dialog ist darauf angewiesen, dass die teilnehmenden Personen auf Distanz zur eigenen Meinung gehen, um sich dem Hören der anderen Meinung zu öffnen.

Mir scheint für den Kampf gegen den Hass die Frage nach den Ursachen des Hasses allein zu akademisch zu sein. Für die Praxis ist es wichtiger, ihn als Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, um zur nächsten Frage zu kommen: Wie gehen wir mit dem Hass um? Der Hass, das ist nicht der Hass der anderen, sondern auch mein eigener Hass – oder doch wenigstens mein eigener Hang zu Misstrauen, verstärkt durch das verstörende Gesprächsklima im Lande, zu Unterstellungen und Verdächtigungen. Lasst uns einmal darüber sprechen!


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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