Wenn Schutzräume neue Gefahren schaffen
Strukturelle Prävention steht immer vor einem Dilemma: Wer den einen Risikoraum schließt, öffnet zugleich einen neuen Risikoraum. Beispiel Germanwings: Um das Cockpit im Falle von terroristischen Angriffen zu schützen, wurde beschlossen, die Tür vom Cockpit von innen her verschließbar zu machen, so dass sie von außen nicht mehr geöffnet werden kann. Diese Präventionsmaßnahme machte sich der suizidale Pilot zunutze, nachdem der Co-Pilot kurz das Cockpit verlassen hatte. Er schloss den Raum von innen ab und brachte die Maschine in den Alpenbergen zum Absturz. Der Co-Pilot konnte noch so viel von außen gegen die Tür hämmern, wie er wollte. Es half nicht mehr.
In diesen Tagen findet die letzte Vollversammlung des Synodalen Weges statt. Schon jetzt senken viele den Daumen. Die ursprünglichen Ziele seien verfehlt worden: „Laien und Geweihte sind nicht gleichberechtigt, Frauen und Männer auch nicht, der Pflichtzölibat besteht weiter, bei der Sexualmoral konnte man sich mit den Bischöfen nicht einmal auf eine gemeinsame Grundperspektive einigen, eine unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit gibt es weiterhin nicht“, obgleich diese Ziele „von der MHG-Studie her gut begründet“ waren, „um die Gefahr sexualisierter Gewalt in der Kirche zu verringern. Es verbietet sich, hier auf verbesserte Präventionsarbeit zu verweisen: Diese kann nicht ausreichend verhindern, was gefährliche Strukturen verursachen können.“ (Simon Linde, katholisch.de, 19.1.2025)
Missbrauch findet in jedem System Ritzen
Die MHG-Studie sprach von „begünstigenden“, nicht von „verursachenden“ Strukturen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Er bewahrt vor Illusionen. Denn das Präventionsdilemma gilt auch für die Prävention von sexualisierter Gewalt: Wenn der eine begünstigende Faktor abgeschafft wird, erhebt an anderer Stelle ein neuer begünstigender Faktor sein Haupt. Missbrauch findet in jedem System Ritzen. Wer den Eindruck erweckt, die Ritzen ließen sich zukalfatern, indem man die strukturellen „Ursachen“ für Missbrauch und Vertuschung beseitigt, hat den Unterschied nicht begriffen.
Es verbietet sich deswegen keineswegs, auf verbesserte Präventionsarbeit hinzuweisen. Sie ist im Übrigen meist vor Ort, nicht auf dem Synodalen Weg, geleistet worden. Tiefe Veränderungen in den unterschiedlichsten kirchlichen Institutionen haben stattgefunden, Kulturveränderungen. Vor Ort steht zurzeit eher die Verstetigung an. Eine neue Generation wächst nach, die die Dringlichkeit der 10er-Jahre nicht erlebt hat. Ein harter Verweigererkern ist auch geblieben.
Systemische Faktoren, die weiterhin unverändert bestehen, können an der Basis natürlich auch negativ durchschlagen.
Aber gerade deswegen lohnt ein Blick auf das, was der Synodale Weg positiv bewirkt hat: Selbst wenn er vor den selbstgestellten Zielen versagt hat, so geht er doch als Prozess und mit seinen Ergebnissen in einen weltweiten Veränderungsprozess ein, in dem viele Tabus aufgebrochen wurden.
Das hatte und hat eine fundamentale, befreiende Bedeutung auch für Präventionsarbeit: Sprache ist da. Sprechen in möglich geworden. Der Geist, der aus der Flasche ist, wird nicht mehr in sie zurückkehren. Dazu hat der Synodale Weg beigetragen.
Notwendigkeit einer differenzierten Bilanz
Eine kritische Relecture auf den Synodalen Weg verbietet sich ebenfalls nicht. Von Anfang an wurde zu wenig über Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und Reform kirchlicher Strukturen differenziert und reflektiert. Für diejenigen, die das bis heute immer noch nicht tun, ist es dann natürlich leicht, den Daumen zu senken.






