Zimmermann Meinung

Zimmermanns Meinung

Auf Treu und Unglauben

Wo ist nur die Kirche, die alles falsch gemacht hat?

„Umkehr“ ist ein Schlüsselwort Jesu, „Kirchendisziplin“ dagegen eher nicht. Jesus geht es um echte Selbsterkenntnis durch die Veränderung des Blickwinkels. Wie das geht, lernen die religiösen Autoritäten, die Jesus auf dem Weg zur Steinigung einer Ehebrecherin gleich mit erledigen wollen: Verhindert er den Mord, stellt er sich gegen das überkommene Gesetz. Andernfalls wird deutlich, dass er Wein predigt und im Ernstfall Wasser trinkt. So ist der Plan.

Jesus reagiert auf die religiösen Eiferer nicht mit Gegenaggression. Aber er stellt auch nicht die Autorität des Gesetzes in Frage oder relativiert den Fehler der Frau. Er hinterfragt stattdessen nüchtern Rolle und Selbstbild der Ankläger: „Wer ohne Schuld ist …“ Hier ist es wieder, das unübertroffene Selbsterkenntnis–Aikido des Nazareners: Ein Schulterwurf, der Aggression und Beschämung Dritter in Scham und Selbsterkenntnis wandelt. Was das mit dem Interview von Georg Gänswein zu tun hat?

Nun zunächst einmal fand ich mutig, dass sich mit dem Erzbischof ein wichtiger Ratgeber dem Gespräch über den desaströsen Eindruck stellte, welchen die Stellungnahme Benedikts zur eigenen Rolle bei der Vertuschung sexualisierter Gewalt im Erzbistum München hinterlassen hatte. „Hier hat die Kirche versagt, auf allen Ebenen“, sagt Gänswein mit erfrischender Klarheit. Hinter der Klarheit kommt dann allerdings die Nebelwand: Wann immer sich der Blick konkret auf die Rolle Benedikts und seines Umfeldes richtet, wird richtiggestellt, historisch ein- und weggeordnet. Dann fällt der Satz, bei der Tradierung des Glaubens gehe es nur um Treue oder Untreue. Der Eindruck bestätigt sich: Alles beim Alten! Sicher, da gibt es eine Kirche, die alles falsch gemacht hat. Aber wo ist die nur?

Das System Benedikt

Da ist es wieder, das System Benedikt, das Widerspruch mit mangelnder Loyalität verwechselt, und die Suche nach Inkarnation in die jeweilige Zeit und Kultur mit Relativismus. Besser die Kirche schrumpft sich gesund auf den „heiligen“ Kern der Glaubenswächter, die widerspruchslos Treuen und die reine, eindeutige Lehre, ein heiliger Kern jenseits der Lauen, der Laxen, der Individualisten, Relativisten, der Kulturchristen und der Zweifler. Das System Ratzinger behinderte Einsicht und nachhaltige Veränderung von Strukturen, die Gewalt und Vertuschung begünstigten. Wer ertappt wurde, ein Einzelfall, der ausgespien wurde, wie die Meute die ertappte Ehebrecherin auszuspeien versucht.

Die eigentliche, »heilige« Kirche aber steht für Treue zu ewigen Wahrheiten, irrt nicht, zweifelt nicht, hinterfragt sich nicht und kann deshalb auch nicht lernen.

„Umkehr“ bleibt ein Wort in der Predigt, rein individuell verstanden, gerichtet an andere. Umkehr hat aber – Gott bewahre – nichts zu tun mit eigenen Gewissheiten oder mit der Problematisierung klerikaler Selbst- und Kirchenbilder.

»Heiligkeit« ist keine Eigenschaft

Augustinus nennt die seltsame Schicksalsgemeinschaft zwischen dem Rabbi und der Sünderin, die zwischen „misera“, also der „Erbärmlichen“, und „misericordia“, der „Barmherzigkeit“. Sie verbindet die Einsamkeit mitten unter dem fanatisierten Mob. Denn der Kerl, mit dem die junge Frau ertappt wurde, durfte sich ja offenbar vom Acker machen. Da hat sich wenig geändert bis heute.

Und bei Jesus, der gerade noch, umringt von Menschen, gelehrt hatte, fragt man sich wieder einmal: Wo sind eigentlich Deine Freunde? Karl Rahner greift in der Deutung dieser Szene das alte Bild der Kirche als Braut Jesu auf. Ihre „Heiligkeit“ ist keine Eigenschaft, sondern das unerwartete Geschenk der Liebe und Barmherzigkeit Jesu. Diese Kirche weiß genau und leugnet nicht, was schiefgelaufen ist. Sie erkennt es an, nüchtern, wie Jesus: Mach es nicht wieder!

Es ist diese im Kern erschütterte Kirche, die an sich verzweifeln möchte, die nie darauf käme, sich selbst „heilig“ zu nennen, an der sich das Wunder der Annahme und Liebe durch Jesus ereignet. Sie trägt sein Erbe durch die Zeit und weckt seine Liebe in immer neuen Generationen; nicht wegen ihrer Treue, sondern trotz ihrer Untreue.


Tobias Zimmermann SJ

ist Priester, Pädagoge und Jesuit. Als Autor und als Mitbegründer des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP), das er seit Oktober 2019 leitet, arbeitet Tobias Zimmermann an Projekten der Entwicklung der katholischen Schulbildung und Spiritualität, in der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen. Seit Oktober 2019 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses und wirkt mit an der Weiterentwicklung der Akademie im Bereich Online-Bildung, neue Schwerpunktthemen sowie an der Entwicklung der Heinrich Pesch Siedlung, einem Modellprojekt für soziale und ökologische Stadtentwicklung.

Foto: Stefan Weigand

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