Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

#allesdichtmachen – gibt es »richtige« und »falsche« Kritik?

Ein Appell für eine bessere Diskussionskultur – auch und gerade zu allen Themen rund um Corona

Über 50 Schauspielerinnen und Schauspieler haben sich mit ironischen Videobeiträgen kritisch zu den Corona-Maßnahmen geäußert. Insbesondere haben sie dabei auch das gegenwärtige Diskussionsklima in der Gesellschaft aufs Korn genommen. Weil sie Beifall aus der rechten Ecke bekommen, werden sie nun als politische Idioten, als Parteigänger von Nazis und Rechtsradikalen, als Verschwörungstheoretiker beschimpft. Aus der Politik werden Forderungen laut, die öffentlich-rechtlichen Sender sollten die Verträge mit ihnen kündigen. ARD und ZDF schüren in den Hauptnachrichten Empörung über die Clips. Kolleginnen und Kollegen distanzieren sich von ihnen.

Politische Kabaretts wie „heute-show“, „extra-3“ usw. sind schon seit einigen Jahren ziemlich bedenkenlos mit Habwahrheiten, Diffamierung von Personen, predigthaftem Ton und dem Gestus der Besserwisserei unterwegs. Der Applaus ist ihnen immer gewiss. Andere Personen herabsetzen und lächerlich machen macht Spaß. Seit Corona haben sie sich nun den Kampf gegen „Covid-Ioten“ und „Schwurbler“ auf die Fahnen geschrieben, mit höchstem moralischem Pathos. Auch da sind sie nicht zimperlich. Niemand entkommt ihren Etikettierungen, der nicht so denkt und fühlt wie sie. Die Regierungspolitik wird natürlich auch kritisiert – aber vor allem deswegen, weil sie nicht hart genug durchgreift; weil sie bei Akquise und Verteilung der Impfstoffe versagt; und so weiter. Das ist die „richtige“ Kritik, nicht die „falsche“ wie die von #allesdichtmachen.

Klar: Die Rechten instrumentalisieren den Protest gegen die Corona-Maßnahmen.

Doch wieviel Macht gibt man eigentlich den Instrumentalisierern, wenn man im Gegenzug eine gesellschaftliche Stimmung erzeugt, in der Kritiker der Maßnahmen Sätze nur noch beginnen mit Formeln wie: „Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber …“ Und wieso ist Kritik, auch ironisierend-kabarettistische Kritik an den Maßnahmen, ein Zeichen mangelnder Empathie mit den Menschen, die auf den Intensivstationen um ihr Leben ringen? Und sind der FDP und den Freien Wählern die Sterbenden gleichgültig, weil sie vor dem Verfassungsgericht gegen das Pandemiegesetz klagen? Sind Wissenschaftler, die an der Effektivität der Maßnahmen zweifeln, herzlos? Sind Menschen, die durch die Maßnahmen in große soziale, gesundheitliche und andere Not geraten sind, Zyniker und Egoisten, wenn sie diese thematisieren und am Sinn der Maßnahmen zweifeln?

Kein sinnvolles Gespräch mehr möglich

Auf dieser Ebene ist ein sinnvolles Gespräch nicht mehr möglich. Da gewinnt nur, wer am lautesteten schreit. Effektiver sind da die leiseren Töne. Und genau die haben die Autorinnen und Autoren von #allesdichtmachen gewählt. Das macht ihre Wortmeldung offensichtlich lauter als die Lautesten. Und das ist wiederum ein Zeichen für das Diskussionsklima in unserem Lande.


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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Jana Sand

Wenn Ironie zu weit geht

Die Debatten zu #allesdichtmachen waren lang und intensiv. Auch wenn ich gehofft hatte, dass mein Ärger über diese „Kunst“-Aktion irgendwann abflacht – ich habe festgestellt: Das tut es nicht.

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Michael Ney

„Digital ist automatisch besser, oder?“

„Zoom-Fatigue“ – das ist einer meiner gegenwärtigen Lieblingsbegriffe. Zoom-Müdigkeit. Damit greifen gerade Magazine, Zeitungsartikel und Social-Media-Posts die Erschöpfung auf, die wir uns mit Videokonferenzen eingehandelt haben. Ich kann das gut nachvollziehen. Aber das Jammern hilft nicht. Vielmehr sollten wir uns von Enttäuschungen befreien, die erst zu dieser Müdigkeit führten.

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Klaus Mertes

Schule als Zukunftsgarant

In der Corona-Krise sind Schulen als Brückenbauer gefordert. Die Pandemie kann so zur Chance für Schulen und damit auch für die Gesellschaft werden.

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