Sellmann Kirche leer

Sinn  

Er weltet, indem er zeltet.

Leere Kirchen, oder: Was mir heilig ist

Woran erkennt man, dass es etwas gibt, was einem heilig ist? Für diese Frage fühlt sich seit jeher die Religionsforschung gewappnet, und sie antwortet: Du erkennst es zum Beispiel daran, dass du dich davon im Ganzen deiner Person beeinflussen lässt; dass du dich in einer reflexhaften Aufwallung empörst, wenn es schlecht behandelt wird; dass es dich zugleich erschreckt und fasziniert; oder dass du ihm Ressourcen opferst: Zeit, Geld, Energie, Vertrauen, Prestige, Alternativen.

Ich habe ebenfalls eine Antwort auf diese Frage gefunden: stehenbleiben. Klingt schlichter als die ausformulierten Theorien der Wissenschaft, trifft aber genauso zu. Und ist vielleicht erstmal verstehbarer.

Ich bleibe zum Beispiel immer stehen, nein, halt: Ich muss stehenbleiben, wenn ich Jungs (es sind meistens Jungs) in einem Park Fußball spielen sehe. Was ich meine, ist kein Spiel zweiter sortierter Vereinsmannschaften, sondern: links zwei Stöcker im Boden, rechts zwei. Die Schulranzen weggeworfen. Manchmal gar keine richtige Pille, sondern eine Getränkedose, ein Turnbeutel, ein Tennisball. Und trotzdem: die ganze Magie des Fußballspiels. Pass nach links, freier Mann steht, Dribbling, Abschluss. Tor.

Participatio actuosa

Und ich? Es kann schneien, regnen, übles Novemberwetter bis in den Kragen ziehen, um mich herum tristeste Ödnis der Vorstadt herrschen: Ich bleibe stehen. Ich schaue zu. Ich grüble: Wäre der Pass besser nach rechts gegangen? Wie kann man das Team zu besseren Laufwegen bringen? Oder: Weiß der Kleine mit dem grünen Hoodie, wie elegant er spielt?

Kein Witz: Es ist vorgekommen, dass die Horde Jungs von dem alten Mann da am Straßenrand regelrecht verstört wurden, weil er drauflosjubelte, als das Ding in den Winkel flog – so wie man’s haben will. Oder weil er laut stöhnte und fluchte, weil rechts alles offen war, der Ball aber über links gezirkelt wurde. Participatio actuosa.

Es muss also etwas geben zwischen mir und dieser „ewigen Szenerie“ aus Kugel, Beinen und Bewegung. Alle eingangs genannten Merkmale des Heiligen erfassen mich. Da wirkt etwas; da flirrt etwas; da bindet etwas.

Genauso gibt es etwas zwischen mir und leeren Kirchen. Auch hier kann ich nicht einfach weitergehen. Und es mag ähnlich seltsam anmuten.

Es ruft nach mir. Es bindet mich.

Wenn ich abends von meinem Arbeitsplatz nach Hause laufe, komme ich direkt an einer Kirche vorbei. Der Architekt hat Glasbausteine in die Außenwand eingelassen. Und das bedeutet, dass ich die Kerzen flackern sehen kann, gelb und rot. Gelb leuchten die kleinen bekannten Teelichter, die man anzündet, wenn man an jemanden denkt. Rot leuchtet das, was sie das „ewige Licht“ nennen. Beides dringt nur diffus nach außen, durch das Milchglas. Aber es erfasst mich. Es ruft nach mir. Es bindet mich.

Zu diesem „ewigen Licht“ darf ich kurz etwas erklären. Es ist eine Kerze, meist ein Öllicht, das immer brennt – ganz egal, ob jemand die Kirche gerade als Veranstaltungsraum benutzt oder nicht. Der Küster oder die Küsterinnen, das sind die Hausmeister von Kirchen, setzen oft ihren ganzen Berufsstolz in die Tatsache, dass „dieses Licht hier während der letzten fuffzehn Jahre noch nie ausgeblasen war, solange ich hier das Sagen habe!“

Das finde ich stark.

Diese Kerze brennt, um als Symbol anzuzeigen, dass dieser große Raum gar nicht leer ist. Er ist bewohnt. In katholischen Kirchen ist diese ewige Kerze neben den „Tabernakel“ gestellt und weist auf diesen hin. Das „Tabernaculum“ ist eine Art kleiner Vorratsschrank, ein Safe, in dem sich die geweihten Hostien aus den Gottesdienstfeiern befinden. Das Wort bedeutet: „Zelt“. Und damit ist gemeint: In diesen leeren Kirchen campiert jemand. Wie an einem einsamen Fjord oder wie unter einer Stadtbrücke markiert jemand einen Raum als Wohnraum für sich.

Und wie der kleine Gaskocher im Zelt leuchtet auch hier ein Öllicht, um zu zeigen: Hier ist wer. Hier hat jemand Licht, hier braucht aber auch jemand Licht. Hier sorgt jemand für sich selbst. Hier ist jemand besuchbar.

Um dieses Lebende anzuzeigen, stellt man zumindest in Deutschland daher echtes Licht auf, also reales Feuer – was übrigens mit den üblichen Brandschutzverordnungen in geschlossenen Räumen sorgsam ausbalanciert werden muss. In Italien, den USA und anderswo kann das auch eine elektrische Kerze sein (das empfinde ich immer als geschmacklos) – immerhin dann aber meistens eine, die so tut, als würde sie flackern.

Wer ist es, der hier campiert?

Wer ist es, der hier campiert? Das Gebäude und das Programm, das das Gebäude errichtet hat, sagen schlicht: Gott. Er weltet, indem er zeltet. Er ist hier stehengeblieben. So wie ich.

Kirchen sind also nicht einfach große Hallen und nicht einfach leere Hallen. Es sind bewohnte Hallen. Es sind Zeltplätze. Die, die sie bauen, möchten nicht, dass Gott bewundert oder präsentiert wird: Er soll hier besucht werden.

Das berührt mich. Es ist mir heilig. Ich bleibe kurz stehen, halte kurz inne. Hinter den Glasbausteinen, also etwa 50 cm Luftlinie von mir entfernt, flackert ein rotes Licht, das sagt: Wenn Du Gott besuchen willst – er ist hier. Was er auf seinem Gaskocher bruzzelt, weiß man nicht. Aber es ist Nahrung für gutes Weitergehen.

Mir imponiert das: dass die Christinnen und Christen weiterhin alles daran setzen, solche Räume zu schaffen und zu halten. Im Moment ist Krise, und manche Kirche wird abgerissen, verkleinert, umfunktioniert. Man könnte sagen: Manche Kirche muss dran glauben.

Aber was sie immer machen, die Glaubenden, wenn das sein muss: Sie tragen dann das heilige Behältnis feierlich nach außen. Und sie löschen das ewige Licht voller Trauer und Respekt.

Und machen sich auf die Suche, wo man anderswo stehenbleiben kann.

Fotos: © Christian Huhn – www.christianhuhn.com


Matthias Sellmann

Matthias Sellmann

Jahrgang 1966, ist Professor für Pastoraltheologie an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Theologe und Soziologe, Institutsgründer, Wissenschaftsmanager, Vater, Autor, Partner und Redner. Die Frage, die ihn umtreibt, und zwar professionell wie privat: »How love could be?« Was ihm imponiert, ist, wenn einer (oder eine) es schafft, aus sich selbst und seinem Leben eine Gelegenheit zu machen. Das ist es auch, was ihm heilig ist: Leute, die was riskieren, indem sie sich riskieren. Für etwas Wahres. Für etwas Gutes. Für etwas Schönes.

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