Heilige Familie Oberhausen © Christian Huhn

Versöhnung  

»Kirchen sind komplexer aufgebaut«

Wie ein Architekturfotograf Kirchen für sich entdeckt hat

Christian Huhn ist Architektur- und Industriefotograf. Und er hat ein Faible für Kirchen. Wir haben ihn gefragt, was ihn an diesen Gebäuden fasziniert und warum ihn vor allem auch ungenutzte und umgewidmete Kirchen in den Bann ziehen.

Christian Huhn, können Sie sich noch an Ihren ersten Fotoauftrag für ein Kirchengebäude erinnern?

Wenn ich mich recht entsinne, handelte es sich um die St. Barbara Kirche in Duisburg. Das Gebäude wurde zu diesem Zeitpunkt schon länger nicht mehr genutzt und meine Erwartungshaltung war eher: „Mal schauen, was wir da rausholen können.“ Vor Ort war der Eindruck jedoch ein anderer. Das Bauwerk war durch seine besondere Form sehr spannend und bot viele interessante Perspektiven und Details.

Hier sind etwa der außergewöhnlich große Altar zu nennen, der vor der riesigen Wand aus buntem Glas eher unscheinbar wirkt. Oder das gewölbte Dach, welches sich selbst stützt und Stützpfeiler im Raum verschwinden lässt. Bis dahin hatte ich vor allem Kirchen im Kopf, die schon hunderte von Jahren alt sind und entsprechend ehrwürdig daherkommen. Die St. Barbara Kirche hat mich erst darauf aufmerksam gemacht, wie spannend Kirchenarchitektur sein kann und dass es gerade im Ruhrgebiet viele moderne Bauwerke zu finden gibt.

St Barbara Duisburg © Christian Huhn
St. Barbara in Duisburg / Foto: © Christian Huhn

Macht es für Sie einen Unterschied, eine Kirche zu fotografieren oder eine Industriehalle?

In Bezug auf meine Vorgehensweise macht es keinen Unterschied. Ich behandle alle Projekte mit dem gleichen Ehrgeiz und versuche immer das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Die Differenz zwischen diesen beiden Beispielen ist, dass man auf unterschiedliche Dinge beim Fotografieren achtet.

Eine Industriehalle sieht von außen meist unscheinbar aus und lässt sich relativ leicht fotografieren. Im Inneren hingegen gibt es viele Bildelemente, die man miteinander vereinen muss: lange und hohe Regale, unzählige Pakete und Paletten, arbeitende Menschen und fahrende Gabelstapler, fest installierte Arbeitsplätze und so weiter.

Kirchen hingegen sind von außen in der Regel komplexer aufgebaut und oftmals nicht freistehend – also in Wohngebieten oder innerstädtischen Strukturen eingebunden. Somit muss man sich als Architekturfotograf genau überlegen, zu welcher Tageszeit man welches Bild macht. Im Inneren sind Kirchen dafür sehr strukturiert und offen aufgebaut. Man hat klare Blickachsen und Fixpunkte, die darauf ausgelegt sind, dass der Kirchgänger sie wahrnimmt, wenn er das Gebäude betritt.

Theater Total Bochum © Christian Huhn
Das Theater Total in Bochum hat seinen Sitz in der ehemaligen Kirche St. Franziskus / Foto: © Christian Huhn
Theater Total Foto: © Christian Huhn
Innenraum des Theater Total / Foto: © Christian Huhn

Wie gehen Sie bei einem Fotoprojekt in einer Kirche vor?

Wie bei jedem Projekt, ist die Vorbereitung ein wichtiger Bestandteil des Auftrags. Es geht darum, möglichst viele Informationen im Vorfeld zu sammeln und mögliche Probleme am Tag des Shootings zu vermeiden oder zu umgehen. Einen ersten Eindruck bekommt man heute über das Internet. Für gewöhnlich gibt es bereits Bildmaterial von Smartphones oder historischen Aufnahmen, gegebenenfalls auch Satellitenbilder. Wichtig ist es außerdem abzuklären, wem das Gebäude gehört oder wer das Hausrecht besitzt. Um auf privatem Grund fotografieren zu dürfen, bedarf es nämlich einer Fotografieerlaubnis, welche es dem Fotografen gleichzeitig erlaubt, die angefertigten Bilder selbst zu nutzen und die Nutzungsrechte an andere zu vergeben – insbesondere an den Auftraggeber.

In Abstimmung mit den Personen vor Ort lässt sich daraufhin klären, ob es beispielsweise gerade eine größere Baustelle vor dem zu fotografierenden Gebäude gibt und ob man eine Wetter-Option einplanen kann. Die Sonne spielt schließlich nicht immer mit!

Das Wichtigste ist jedoch, sich einen Plan des Sonnenverlaufs zu machen. Ich schaue mir diesen immer genau an und versuche mögliche Standorte vorher zu definieren und zeitlich zu erfassen. Vielleicht muss ich um 9:40 Uhr genau an dieser Stelle stehen, damit die Sonne die Bleiglasfenster zum Leben erweckt und zugleich ein farbenfrohes Lichtspiel auf dem steinernen Boden anstimmt. Nur um kurze Zeit später am anderen Ende des Gebäudes zu stehen und die passende Außenaufnahme einzufangen, bevor die Sonne weiterzieht und die wohl definierten Ornamente und Kanten ihren Reiz wieder verlieren. Wenn ich meine Tasche mit Spezial-Objektiven und Filtern erst einmal gepackt habe, konzentriere ich mich nur noch auf meinen Zeitplan und die Bildgestaltung.

Anneliesebrostmusikforum Bochum Foto: © Christian Huhn
Anneliese Brost Musikforum in Bochum / Foto: © Christian Huhn
Anneliese Brost Musikforum in Bochum / Foto: © Christian Huhn

Haben Sie eine Lieblingskirche? Wenn ja: Was fasziniert sie besonders daran?

Eine Lieblingskirche habe ich nicht. Allerdings ist es vermutlich der Traum eines jeden Architekturbegeisterten einmal nach Brasilia zu reisen und Oscar Niemeyers Werke zu betrachten bzw. zu fotografieren. Die Kathedrale und das Parlamentsgebäude sind dabei besonders prägend für die Planhauptstadt und bieten jede Menge Inspiration. Faszinierend ist dabei der Einsatz von Beton, der in den Händen Niemeyers nie starr und abweisend wirkt. Die geschwungenen Formen unter Berücksichtigung des natürlichen Lichteinfalls geben den Gebäuden eine Leichtigkeit, welche Leuten selten in den Kopf kommt, wenn man das Wort „Stahlbeton“ in den Mund nimmt.

Abgesehen davon hat jede Kirche ihren eigenen Reiz. Da sie bereits seit Jahrhunderten gebaut werden, gibt es unterschiedliche Baustile, unterschiedliche Materialen und unterschiedliche Raumgestaltungen. Es ist immer wieder spannend, ein Gebäude fotografische zu erkunden, Details zu entdecken und Eigenheiten in ein Bild zu fangen.

Heilige Familie Oberhausen © Christian Huhn
Heilige Familie in Oberhausen / Foto: Christian Huhn
Heute CoWorking-Space, vormals St. Elisabeth: Die Digital Church in Aachen / Foto: © Christian Huhn

Interview: Stefan Weigand


Christian Huhn

Christian Huhn

Der Gartenbau und ein Jahr in Neuseeland führten mich letztlich zur Fotografie – alles hat aber in gewissem Maße mit Licht, Schatten und den daraus resultierenden Formen zu tun. Nachdem ich den Titel des Landschaftsgärtners hinter mir gelassen hatte, absolvierte ich eine klassische Ausbildung zum Fotografen und studierte an der Folkwang-Universität der Künste und der Fachhochschule Dortmund. Im Grunde bin ich aber dem Ursprung treu geblieben und bilde noch immer am Liebsten Formen ab, die sich aus dem Schatten schälen und ins Licht treten. Entspannen kann ich übrigens am Besten in Wacken. Bei Heavy Metal und Sonnenschein – oder eben Matsch.

www.christianhuhn.com

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