Weihnachten Ambiguität

Versöhnung  

Kein Fest für einfach Gestrickte

Wo ist er, der Frieden unter dem Weihnachtsbaum?

Menschen driften auseinander; verschiedene Perspektiven und Meinungen führen dazu, dass Menschen sich immer öfter unversöhnlich gegenüberstehen. Das passiert in politischen Fragen ebenso wie in der Kirche, in Freundeskreisen und Familien. Wo ist er, der Frieden unter dem Weihnachtsbaum?

Vielleicht ist dies das Problem: Wir ertragen keine Uneindeutigkeiten, keine Spannungen, keine Widersprüche. Naja, sagen Sie, eine Aussage kann nur wahr oder falsch sein. Lehrt das nicht die Wissenschaft? Eigentlich nicht. Wir haben nur einen Volksglauben daraus gemacht, dass Wissenschaft eindeutig weiß, was Sache ist. Ausgerechnet die genauen Wissenschaften formulieren ihre Wahrheiten aber in Hypothesen: „Wir dürfen begründet glauben, dass es sich so verhält. Es könnte, von einer anderen Seite betrachtet, aber auch anders sein.“

 „Wahrheit“ oder Gleichgültigkeit

„Ja dann …“ sagen die Leute. Und wir kommen zum anderen Straßengraben, in dem wir uns gerne tummeln. „Na dann ist alles nur Meinungssache, und ich mache weiter, wie es mir in den Kram passt.“ Und so stehen wir uns verständnislos gegenüber: Menschen mit Sendung, egal ob es um den Weg geht, das Klima, die Kirche oder die Sprache vor dem Genderstern zu retten. Und Gleichgültige, die ihre Ruhe haben wollen.

Gott wird Mensch? – Eindeutig uneindeutig!

Haben Sie einmal so ein winziges Menschenwesen im Arm gehabt? Haben Sie den Atem angehalten? Menschwerdung, was für ein „heiliger“ Moment! Und da ist es so: Wir staunen und stottern!

Mir begegnete dies, als ich Margot Friedländer als Zeitzeugin in einer Schule kennenlernen durfte. Als junge Frau entkam sie den Nationalsozialisten. Ihre Familie wurde ermordet. Bei unserer Begegnung trug sie die Bernsteinkette ihrer Mutter. Was für eine warmherzige Botin für Versöhnung, ganz ohne Bitterkeit, trotz all dem. Das ist doch unmöglich, möchte man meinen! Was für ein Wunder ist so ein Menschenleben, wenn Menschen die Größe haben, das Wunder geschehen zu lassen.

Da beginne ich zu ahnen, warum Gott sich womöglich in die Menschen verliebt hat, uns ganz nah sein will. Ist das möglich, der unendliche Gott wird Kind, ein sterblicher Mensch? Nein, es ist nicht möglich. Und genau das macht das Wunder aus: Staunen über das scheinbar Unmögliche, was doch geschieht. Weihnachten ist ein Fest des Staunens über das Unerklärliche.

Weihnachten – ein Fest für Freunde des Vielschichtigen und Uneindeutigen

Und damit ist Weihnachten ein guter Anlass, uns daran zu erinnern, dass die Schönheit des Lebens dort beginnt, wo Dinge komplex, vielschichtig und deswegen manchmal auf den ersten Blick scheinbar widersprüchlich sind. Wenn wir das verstanden haben, können wir vielleicht auch wieder fremde Perspektiven, Widersprüchlichkeiten und Spannungen besser. Und dies könnte dann ein guter Moment sein, um sich erneut für Dialog und Versöhnung einzusetzen, statt in Resignation Lagerdenken und im Rechthaben zu erstarren.

Nein, Weihnachten ist kein Fest für einfach Gestrickte, weil das Leben vielschichtig verwoben ist. Das ist manchmal anstrengend, aber auch besser so. Denn durch einfach Gestricktes pfeift eisig der Wind! Frohe Weihnachten!

Foto: © Zauberbart/photocase.com


Tobias Zimmermann SJ

ist Priester, Pädagoge und Jesuit. Als Autor und als Mitbegründer des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP), das er seit Oktober 2019 leitet, arbeitet Tobias Zimmermann an Projekten der Entwicklung der katholischen Schulbildung und Spiritualität, in der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen. Seit Oktober 2019 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses und wirkt mit an der Weiterentwicklung der Akademie im Bereich Online-Bildung, neue Schwerpunktthemen sowie an der Entwicklung der Heinrich Pesch Siedlung, einem Modellprojekt für soziale und ökologische Stadtentwicklung.

Foto: Stefan Weigand

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