Zusammenleben  

Jeder braucht ein Gewissen

Was Ethik mit Studierenden – und Dozent*innen – macht

Gesundheitsökonomen arbeiten in verschiedensten Funktionen im Gesundheitsbereich: im Controlling oder Qualitätsmanagement in Krankenhäusern, im Versorgungsmanagement bei Krankenkassen, als Manager von Ärztenetzen, bei Verbänden oder Beratungsunternehmen, um nur einige Beispiele zu nennen. Die typischen medizin- und pflegeethischen Fragen, die sich bei der Gesundheitsversorgung „am Bett“ von Patient*innen stellen, betreffen sie somit in der Regel nicht.

Dies mag dazu geführt haben, dass im Jahr 2000 bei der Einführung des dualen Studiengangs Gesundheitsökonomie im Praxisverbund an der damaligen Hochschule für Wirtschaft Ludwigshafen auf eine eigenständige Veranstaltung „Ethik“ verzichtet wurde.

Ethische Fragestellungen als Teil anderer Fachveranstaltungen

Ethische Fragestellungen wurden jedoch nicht ausgeblendet, sondern als Teil anderer Lehrveranstaltungen behandelt, sei es im Zusammenhang mit Verfahren zur Bewertung medizinischer Behandlungsmethoden, mit Themen der Versorgungsforschung, mit Controlling oder im juristischen Kontext.

Ethische Reflexion fand somit gewissermaßen immer am konkreten Objekt statt. Dieser Ansatz eröffnet den direkten Anwendungsbezug. Er hatte aber den Nachteil, dass an keiner Stelle ein solides fachliches Fundament gelegt wurde und auch nicht immer das „Label“ Ethik erkennbar war. Als Lehrende hatte ich den Eindruck, dass es den Studierenden beim Thema Ethik an fachlicher Kompetenz fehlte und die grundsätzliche Bedeutung ethischer Überlegungen für Gesundheitsökonomen nicht ausreichend deutlich wurde.  

Von „können, nicht müssen“ zu „können und müssen“

2010 wurde deshalb eine Veranstaltung „Ethik im Gesundheitswesen“ in den Lehrplan aufgenommen. Zuerst als Wahlfach: Die Studierenden konnten das Fach belegen, mussten aber nicht. Die Mehrzahl tat es dennoch. Mittlerweile ist Ethik als Pflichtveranstaltung ins Curriculum integriert: Die Studierenden können nicht nur, sie müssen auch. An der Intensität und Wirkung der Veranstaltung hat sich hierdurch nichts Wesentliches verändert. Allerdings muss zu Beginn um Offenheit und Interesse der Studierenden stärker geworben werden.

Räumliche Trennung als Glücksfall

Das Konzept der Ethikveranstaltung würde ich als „Fachliche Grundlegung mit hohem Anwendungsbezug bei räumlicher Trennung“ beschreiben. Dabei unterstützt uns das Zentrum für Ethik, Führung und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen (ZEFOG). Am ersten Tag des  zweitägigen Workshops erarbeiten sich die Studierenden grundlegende theoretische Kenntnisse für eine fundierte, strukturierte ethische Argumentation. Am zweiten Tag, der  einige Wochen später folgt, stehen die Präsentation und Diskussion studentischer Hausarbeiten sowie die Auseinandersetzung mit praktischen Anwendungsfällen im Zentrum.

Zu einem echten Glücksfall entwickelte sich die räumliche Trennung und die fachliche Begleitung durch das ZEFOG.

Abseits des Hochschulbetriebs entsteht immer wieder eine intensive Arbeitsatmosphäre, die von Neugier auf das Thema, persönlicher Offenheit und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist.

Den beiden letztgenannten Aspekten kommt eine größere Bedeutung zu, als ich zu Beginn erwartet hatte. Durch den hohen Anwendungsbezug der Veranstaltung werden immer wieder Themen angesprochen, von denen die Studierenden persönlich betroffen sind und die emotionale Reaktionen auslösen. Um dies aufzufangen, haben die Kollegin vom ZEFOG und ich gemeinsam das Augenmerk auf eine emotional auffangende Begleitung verstärkt.

Unerwartete Themen

Bei einem dualen Studiengang findet ein Teil der Ausbildung im Betrieb statt. Im Fall des Studiengangs Gesundheitsökonomie im Praxisverbund also zum Beispiel in Krankenhäusern, bei Krankenkassen oder Pharmaunternehmen. Vor dem Hintergrund dieser Praxiserfahrungen bringen die Studierenden immer wieder unerwartete Themen ein. Ein Beispiel: Auch in Krankenkassen sind bei Entscheidungen zur Leistungsgewährung in Einzelfällen schwierige ethische Abwägungen vorzunehmen. Wäre hier die Einrichtung von Ethikkomitees eine Möglichkeit, um Mitarbeiter zu entlasten?

Hinterlässt die Veranstaltung Spuren?

Sichtbare Spuren hinterlässt die Veranstaltung nicht zuletzt in Form von Abschlussarbeiten, die sich mit ethischen Themen befassen. Sebastian Winkler, ein Absolvent, meint hierzu:

Der Ethik-Workshop hat mich motiviert, mich mit ethischen Themen zu befassen. In meiner Bachelorarbeit ging es um die Pränataldiagnostik am Beispiel des PraenaTests aus medizinischer, ethischer und gesundheitspolitischer Perspektive. Aktuell schreibe ich meine Masterarbeit, wieder zu einem ethischen Thema!

Auch bei mir als Dozentin hinterlässt die Veranstaltung ihre Spuren. Mit jedem Kurs verändert die Veranstaltung Ethik aufs Neue meine Sicht auf die Studierenden. In der gemeinsamen Beschäftigung mit ethischen Fragen zeigen sich unbekannte und häufig unerwartete Facetten der Persönlichkeit. Zudem haben viele Studierende bereits Erfahrungen von Leid und Trauer gemacht. Das hat sie als Persönlichkeit reifen lassen – oft mehr als im gewohnten Lehrenden-Studierenden-Verhältnis zu erahnen ist.

Jeder Kurs verschiebt meine Perspektive vom Studierenden zum Menschen.

Dafür bin ich dankbar.


ZEFOG HPH

Das Zentrum für Ethik, Führung und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen (ZEFOG) berät Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Unsere maßgeschneiderten Fortbildungen richten sich an Mitarbeitende und Führungskräfte aller Berufsgruppen.


Eveline Häusler

lehrt seit 2001 an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, der ehemaligen Hochschule für Wirtschaft, Management und Controlling im Gesundheitsbereich. Sie verantwortet den Ethik-Workshop im Studiengang Gesundheitsökonomie im Praxisverbund. Bereits während ihres Studiums der Betriebswirtschaftslehre hat es sie interessiert, die Prinzipien ökonomisch rationalen Handelns nicht nur auf gewinnorientiert ausgerichtete Betriebe anzuwenden. Durch eine Vertiefung im Bereich „Öffentliche Betriebswirtschaftslehre“ bei Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Peter Eichhorn an der Universität Mannheim hat sie sich auf Betriebe ausgerichtet, deren Zweck die Deckung von Bedarfen der Allgemeinheit ist. Wichtige Impulse verdankt sie auch den Bausteinen einer Christlichen Betriebswirtschaftslehre, die Steffen Fleßa ausgearbeitet hat. Privat ist sie gerne in der Natur unterwegs und genießt schöne Aussichten, wo immer sie sich bieten.

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