Suding Reißleine

Zusammenleben  

»Es waren natürlich keine verschenkten Jahre«

Die ehemalige FDP-Politikerin Katja Suding über ihren Ausstieg aus der Politik

2021 zieht Katja Suding die Reißleine. Die stellvertretende Parteivorsitzende der FDP und Bundestagsabgeordnete zieht sich überraschend aus der Politik zurück, legt alle Ämter nieder. Ihre Erfahrungen als Politikerin und was sie zum Ausstieg bewegt hat, beschreibt sie in ihrem Buch »Reißleine«, das jetzt neu erschienen ist. Wir fragen bei der Hamburgerin nach.

Sie haben Ihre Politikerinnenlaufbahn beendet. Was ist heute der größte Unterschied zu damals?

In den elf Jahren als Berufspolitikerin war ich sehr fremdbestimmt, habe bis zu 80 Wochenstunden gearbeitet und hatte selten freie Wochenenden. Selbst der Sommerurlaub fiel meist eher kurz aus. Ich war von morgens bis abends durchgetaktet, und trotzdem brachten unvorhergesehene Ereignisse meinen Tagesablauf immer wieder durcheinander. Ich war getrieben und wie im Rausch. Es war anstrengend, aber ich habe es auch genossen.

Heute verfüge ich wieder selbst über meinen Terminkalender, habe mehrere freie Abende pro Woche und arbeite nur selten am Wochenende. Ich bin keine so öffentliche Person mehr, das genieße ich.

Der Druck, den der Politikbetrieb mit sich brachte, ist weg. Dadurch bin ich viel freier und produktiver.

Ich arbeite viel weniger, schaffe aber trotzdem nicht weniger als früher.

Suding Reißleine

Sind Sie in irgendeiner Form heute noch politisch aktiv oder kommt das für Sie nach Ihrem Ausstieg so schnell nicht mehr infrage?

Ich bin nach wie vor Freie Demokratin, bin und bleibe ein politischer Mensch, der das Geschehen sehr intensiv verfolgt. Das kann ich nicht einfach loslassen. Es kommt immer noch vor, dass ich zum Hörer greife, einen ehemaligen Fraktionskollegen anrufe oder ein persönliches Treffen arrangiere, um mich über einen Sachverhalt zu informieren, mich auszutauschen oder für meine eigene Position in einer für mich zentralen Frage zu werben.

Meine Ämter und Funktionen aber in der Partei habe ich hinter mir gelassen. Ich bin bei den jeweiligen Wahlen nicht mehr angetreten. Heute bilde ich mir meine Haltungen noch etwas freier als früher, da ich keine Rücksicht mehr auf innerparteiliche Mehrheiten nehmen muss. Mir ist aber auch klar geworden, dass politisches Engagement nicht nur als Mitglied des Deutschen Bundestages möglich ist. Auch als Teil der Zivilgesellschaft, als ganz normale Bürgerin, als Unternehmerin oder im Ehrenamt kann ich mich für das einsetzen, was mir wichtig ist, beispielsweise Chancengerechtigkeit durch gute Bildung oder Female Empowerment.

In »Reißleine« beschreiben Sie im Kapitel »Flashback« die nostalgischen Emotionen, die Sie beim Besuch der Messe und beim Singen von »Großer Gott, wir loben dich« erlebt haben. Wie stehen Sie heute zu Glauben und Kirche?

Ich bin in einem sehr katholischen Elternhaus aufgewachsen, ging auf eine katholische Mädchenschule.
In meinem Buch beschreibe ich, wie mich die sonntäglichen Besuche der Messe über all die Jahre meiner Kindheit und Jugend geprägt haben. Nichts hat mich mit so großer Regelmäßigkeit und über einen so langen und mich für mein Leben prägenden Zeitraum begleitet. Deshalb werde ich auch noch heute zurück in meine Kindheit und Jugend mit all ihren wechselhaften Emotionen katapultiert, wenn ich die Kirchenlieder von damals höre. Und „Großer Gott, wir loben Dich“ gehörte zu einem der am häufigsten gesungen Lieder.

Heute habe ich der Kirche längst den Rücken gekehrt und vor bin vor fast zwanzig Jahren aus der Kirche ausgetreten. Ich würde mich als spirituellen Menschen bezeichnen, lehne aber den christlichen Glauben und die Institution Kirche für mich ab.

Suding Reißleine

Ihr Ausstieg aus der Politik kam für viele überraschend. Inwieweit hat ihr Ausstieg auch mit den Rahmenbedingungen in der Politik (keine klare Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben, viele Sitzungen, medialer Druck) zu tun?
Sollte sich in diesen Bereichen etwas ändern?

Mein Ausstieg hat sehr viel mit den Rahmenbedingungen zu tun, die ich in der Politik vorgefunden habe, mit denen ich aber nicht mehr leben wollte. Das beschreibe ich detailliert in meinem Buch. Mein Leben als Politikerin in der vorderen Reihe brachte es beispielsweise zwangsläufig mit sich, dass ich auf der Straße erkannt und angesprochen wurde. Es führte dazu, dass ich fast täglich medial präsent war, öffentliche Auftritte absolvieren und Reden halten musste. Daran muss und sollte sich auch nichts ändern, denn in einer Demokratie ist es selbstverständlich, dass Politiker ihr Handeln öffentlich erklären.

Auch Kritik muss man sich als Politikerin gefallen lassen, und wenn sie an der Sache orientiert war, konnte ich gut damit umgehen.

Keine Lust mehr hatte ich allerdings auf die teilweise völlig überzogene Hetze, insbesondere in den sozialen Medien.

Das nahm seit der Corona-Pandemie zu, in der ich zum Beispiel die coronabedingten Schulschließungen als falsch bezeichnet habe. Ich denke, hier sollten alle besser auf eine angemessene Wortwahl achten. Ansonsten werden wir bald nur noch die Politiker haben, deren Fell dick genug ist, um damit umzugehen. Ob diese dann tatsächlich diejenigen sind, die wir brauchen und die wir uns wünschen, wage ich zu bezweifeln.

Als Politikerin brauchte ich Bekanntheit, öffentliche Aufmerksamkeit und mediale Präsenz, ich habe sie daher sogar gezielt gesucht. Anders hätte ich nicht erfolgreich sein können. Als Mensch Katja aber habe ich darunter gelitten und musste meine Widerstände dagegen unterdrücken. Viele Jahre lang ist mir das gut gelungen, da auf der Habenseite immer mehr stand, ich wollte schließlich etwas bewegen. Im Laufe der Jahre war ich aber immer weniger bereit, gegen meine inneren Überzeugungen zu leben und habe ich mich daher entschieden, meine politische Karriere zu beenden. Für mich war das extrem befreiend.

»Reißleine« ist ein sehr persönliches Buch. Der konkrete Politikerinnenalltag spielt darin eine untergeordnete Rolle. Wenn Sie heute am Anfang Ihrer Laufbahn als Politikerin stehen würden, was würden Sie dann anders machen?

Es war gut so wie es war. Die Dinge haben sich Stück für Stück entwickelt und ich habe meine Aufgaben so gut gemacht, wie ich es konnte.

Auch wenn ich nach elf Jahren ausgestiegen bin, es waren natürlich keine verschenkten Jahre und ich habe auch nicht zu spät gemerkt, dass ich mich verrannt habe.

Ich hatte insgesamt eine sehr gute Zeit und möchte keine der Erfahrungen, die ich machen durfte, weder die guten noch die schlechten, missen. Ich stünde sonst heute nicht da, wo ich bin.

Mit dem Wissen und der Erfahrung von heute wäre ich allerdings viel entspannter gewesen. Ich hätte mir weniger Druck gemacht, hätte weniger Stress gehabt. Ich habe mir unendlich viele Gedanken gemacht, ob ich meiner Aufgabe gewachsen bin. Das war unnötig, denn ich habe meinen Job gut gemacht und war erfolgreich mit dem, was ich tat. Aber so weit war ich damals nicht und daher ist auch das gut so, wie es war.

Das Interview führte Christoph Kraft.

Reißleine

Suding Cover Reissleine

Katja Sudings „Reißleine. Wie ich mich selbst verlor – und wiederfand“ ist im März 2022 beim Herder Verlag erschienen.

Katja Suding, geboren 1975, arbeitete nach einem Studium der Kommunikations- und Politikwissenschaft lange Jahre als selbständige Kommunikationsberaterin, bevor sie 2011 in die Politik ging. Sie war von 2011 bis 2017 Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und Vorsitzende der FDP-Fraktion sowie von 2014 bis 2021 Landesvorsitzende der FDP Hamburg. Von 2015 bis 2021 war sie auch stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei und von 2017 bis 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages und dort stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP.

Mehr über das Buch erfahren Sie hier

Fotos: wunderlichundweigand


Christoph Kraft

hat Geschichte und Germanistik studiert und einen Master im Fach Deutsche Literatur erworben. Bei der Heilbronner Stimme war er als Journalist im Bereich der überregionalen Nachrichten eingebunden. Als Redakteur arbeitet er bei einem Gestaltungsbüro und realisiert Websites und Magazine. Seine Passion sind Sachbücher und Belletristik. Er ist bei Calw aufgewachsen, dort wo auch Hermann Hesse seine ersten Lebensjahre verbrachte. Er wohnt inmitten von Weinbergen, seine Lieblings-Laufstrecken sind damit traumhaft gelegen.
Foto © wunderlichundweigand

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