Surfen München Glaube

Sinn  

Auf Gottes Welle reiten

Nach der Bibelarbeit auf das Surfbrett

Hier hat das Leben am Strand eine ganz eigene Atmosphäre. Alles erscheint leicht, wenn der Blick auf die glitzernde Wasseroberfläche fällt, der Wind einem die Haare ins Gesicht weht, ein leichter Salzgeruch die Luft erfüllt. Braungebrannt und gut trainiert stehen die Surfer und Surferinnen auf ihren Brettern. Viel Show und Lifestyle beherrschen die Surf-Szene. Doch eines haben alle Surfer gemeinsam: Die Sehnsucht nach dieser intensiven Empfindung, wenn sie mit dem Wasser eine Einheit bilden. Dann spielt es keine Rolle mehr, was sich draußen am Strand abspielt, dann zählt nur noch der Moment.

Surfen, Kiten, Wellenreiten – in kaum einem anderen Sport ist die Natur ein so bestimmender Faktor. Wasser und Wind machen diese Sportarten erst möglich, und das wissen die Profi- und Hobbysportler nur zu gut. Surfer haben großen Respekt und Ehrfurcht vor den Naturgewalten. Ihnen bleibt oft lediglich ein kurzer Augenblick, um sich blitzschnell aufs Brett zu stellen und die Welle zu fahren. Wenn es ihnen gelingt, gleiten sie in einem Glücksrausch der Gefühle über das Wasser.

Auch Patrick Grübener ist ein begeisterter Surfer. Wann immer es die Zeit erlaubt, zieht es den 36-Jährigen ans Meer und auf sein Brett. Aufgrund seines Wohn- und Arbeitsortes in der Nähe von München ist das jedoch nur begrenzt möglich. Regelmäßig surft er dafür am Eisbach im Englischen Garten. Dort entsteht durch eine Steinstufe eine Welle, etwa einen halben Meter hoch, die auch „stehende Welle“ genannt wird. Surfer aus Australien, den USA und Neuseeland kommen eigens an diesen Platz, um ihr Können zu zeigen.

Eine Brücke zwischen Kirche und Strand

Patrick Grübener ist jeden Mittwochabend hier. Was ihn von den meisten anderen Surfern unterscheidet: Mit seinen Freunden hat er vor dem Surfen zwei Stunden Bibelarbeit gemacht. In den vergangenen Wochen haben sie die Apostelgeschichte durchgearbeitet.

Auf Grübeners Brett entdeckt man einen Sticker mit dem Logo „Christian Surfers“. Das Ziel der internationalen Surfer-Gemeinschaft ist es, die Brücke zwischen Kirche und Strand zu schlagen. Sie wollen nicht darauf warten, dass die Surfer in die Kirche kommen, sondern ihnen ermöglichen, dass sie an dem Ort, an dem sie ihrer Leidenschaft und ihrem Hobby nachgehen, auch Gott begegnen können. Den Aktivitäten der Christian Surfers liegt die Idee zugrunde, „anderen zu dienen“. Die Worte klingen im ersten Moment nicht zeitgemäß – im Kern geht es den Surfern darum, füreinander da zu sein, sich um den anderen zu sorgen, ihm hilfreich zur Seite zu stehen.

Gespräche über Gott und das Surfen

Der Gedanke, Surfen und Gott miteinander zu verbinden, passt für viele nicht zusammen. Das Bild von Partys am Strand, unkonventionellen und ausschweifenden Lebensstilen liegt zu nahe. Patrick Grübener und seinen Freunden ist es dagegen ein Anliegen, ihren Glauben zu teilen, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen und darüber mit anderen Menschen zu sprechen. „In der Surfszene gibt es viel Show und Egozentrik. Wir Christian Surfers stehen da im Kontrast“, sagt er. Wenn am Eisbach die Sportler in einer Reihe stehen und warten, bis sie ins Wasser und auf die Welle dürfen, entwickeln sich immer wieder Gespräche. „Die Reaktionen reichen von Interesse bis Ablehnung. Wir freuen uns über jede gute Unterhaltung über den Glauben“, sagt Patrick Grübener.

Die Leidenschaft für das Wellenreiten hat ihn vor rund 14 Jahren gepackt. Während eines Frankreich-Urlaubs nahm er an einem Kurs teil, es folgte ein sechsmonatiger „Work and Travel“-Aufenthalt in Neuseeland, und seither ist das Surfen Teil seines Lebens. Die Idee, Surfen und den Glauben miteinander zu verbinden, entstand auf einer Reise nach Südafrika. Dort fand er in einem Regal die „Surfer Bible“. „Das ist das Neue Testament, illustriert mit Lebensberichten von Menschen aus der Surfer-Szene“, erklärt er.

Gleichgesinnte auf der ganzen Welt

Wieder zu Hause, recherchierte Patrick Grübener im Internet, suchte Informationen zusammen und merkte, dass er Lust hatte, „von meinem Glauben zu erzählen und mich mit anderen auszutauschen“. Der gelernte Online-Marketing-Manager stellte den Kontakt zu „Christian Surfers International“ her, wurde an den europäischen Koordinator weitergeleitet – und dieser hatte erfreuliche Neuigkeiten für ihn. „Genau zum selben Zeitpunkt suchte ein anderer Mann aus München auch Kontakt zu Surfern, die ihren Glauben miteinander teilen wollen“, erzählt Patrick Grübener. „Das war für mich eine besondere Bestätigung.“

Die beiden Männer führten Gespräche, wie sie mit ihren Ideen weiter verfahren sollten. Mit vier weiteren Personen nahmen sie in Südfrankreich an einer europäischen Konferenz der Christian Surfers teil. Danach stand für sie fest, dass sie in Deutschland einen Ableger gründen wollten. Ihr Ziel ist es, Menschen aus der Surfszene von Jesus Christus zu erzählen. „Unser Vorteil ist, dass wir – im Gegensatz zur Kirche – nicht so zusammengewürfelt sind. Zwischen uns Surfern gibt es eine bestimmte Kommunikationsebene, das ist vielleicht ähnlich, wenn sich Musiker treffen“, erklärt Patrick Grübener.

Wer sind die Christian Surfers?

Die Surferbewegung entstand in den späten 1970er-Jahren in Australien und wurde 1999 zu einem internationalen Verband. Die Christian Surfers sehen sich als Brückenbauer zwischen Strand (oder Fluss) und Kirche. Inzwischen haben sich Gruppen in über 35 Ländern weltweit gebildet. In Deutschland finden Treffen in München und Freiburg statt.

Die Kraft des Wassers spüren

Auch dieses Jahr fährt die deutsche Fraktion zum internationalen Treffen der Christian Surfers nach Südfrankreich. Es finden Workshops statt, die Teilnehmer beten und surfen gemeinsam. Für Patrick Grübener eine intensive Zeit:

Wir stehen am Strand, beten für unseren Schutz, lauschen dem Rauschen der Wellen, bevor wir das Privileg haben, gemeinsam die Schöpfung zu genießen.

Die Surfer bringen ihren Sport eng mit einer höheren Macht in Verbindung. Manche spüren Demut vor den Naturgewalten, vielleicht auch Dankbarkeit, ihren Sport ausüben zu können. Der mehrfache Surf-Weltmeister Kelly Slater erklärt es so: „Sechs Meter hohe Wasserwände, die sich perfekt abrollen. Das sind die Momente, in denen das Surfen zu einer spirituellen Erfahrung wird.“


Der Text ist erstmals in „der pilger – Magazin für die Reise durchs Leben“ erschienen.

Foto: © Rudi Ernst/shutterstock.com


Steffi Piening

Mit Menschen zu sprechen, die etwas bewegen wollen, die sich für eine Sache begeistern und andere mit ihrer Energie und ihren Ideen inspirieren ­- das ist eine der schönsten Seite an ihrem Beruf. Steffi Piening hat Publizistik studiert und ist Chefredakteurin des Magazins „der pilger – Magazin für die Reise durchs Leben“.  

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