Davidstern

Zusammenleben  

Gegen die Sprachlosigkeit und auf die Freundschaft

Siegfried Grillmeyer schreibt einen Brief an seine jüdischen Freundinnen und Freunde

Liebe jüdische Freundinnen und Freunde,

seit dem 7. Oktober überlege ich jeden Tag, ob ich Euch schreiben soll, um Euch Solidarität zu bekunden. Und jeden Tag hoffe ich zum einen, dass es unnötig ist, da Ihr sowieso wisst, dass ich selbstverständlich an Eurer Seite stehe und jeden Tag kämpfe ich mit einer zunehmenden Sprachlosigkeit.

Heute schreibe ich, um Euch mehr als meine Solidarität zu bekunden, nämlich Euch meiner Freundschaft zu versichern. Und ich schreibe es öffentlich, da ich mit anderen auf die Suche gehen will, wie wir die Sprachlosigkeit überwinden und Wege finden, um der Menschlichkeit Raum zu geben und sie auch gemeinsam ganz massiv zu verteidigen.

Seit vielen Jahren kennen wir uns und sind freundschaftlich verbunden, zu einzelnen hat sich die Verbundenheit sogar wunderbar vertieft. Dafür bin ich – wie für alle meine Freundinnen und Freunde – unbeschreiblich dankbar. Und daher ist auch die genutzte Anrede so eigenartig und sperrig, denn ich würde Euch ja sonst nie als „jüdische“ Freunde bezeichnen. Ihr seid eben Freundinnen und Freunde, wie sich im Leben nun mal Freundschaften entwickeln, wie man sich eben schätzen und lieben lernt. Ihr gehört zu einem Freundeskreis, in dem es ganz unterschiedliche Menschen gibt mit ihren je eigenen Prägungen, Merkmalen, Orientierungen. Und ich habe mich in den letzten Wochen oft gefragt, welche Bedeutung es für mich spielt, dass Ihr jüdischen Glaubens seid. Eine geringe, und vor allem eine nachgeordnete – das ist mir wichtig und ich möchte auch nicht, dass Ihr immer wieder auf diesen einen Bereich Eurer Identität reduziert werdet und er eine derart dominante Rolle spielt.

Freundschaften sind ein großes Gut

Freundschaften sind ein großes Gut und ich meine sogar, sie führen uns den Kern unseres Menschseins vor Augen. Albert Camus hat die Freundschaft einmal gepriesen als das Größte, zu dem Menschen fähig sind. Sie ist nicht nur die unverbrüchliche Blutsbrüderschaft, die innige Busenfreundschaft oder nach der schönen Sentenz, „die Entschuldigung Gottes für die Familie“. Freundschaften beginnen mit dem freundlichen Blick auf den Anderen. Sie gründen auf der biblischen Menschenfreundlichkeit G‘ttes, die den Nächsten als Ebenbild G‘ttes sehen (wie in der jüdisch-christlichen Tradition) oder auch als Träger des Göttlichen und Ewigen (wie im Hinduismus und Buddhismus). In dieser Menschenfreundlichkeit des Einzelnen liegt die Anerkennung, dass wir alle die gleiche Würde in uns tragen und die damit verbundenen Rechte anerkennen und darin liegt auch der Keim für vertiefte Freundschaften.

Und wir alle brauchen und kennen diese freundschaftliche Verbundenheit mit vielen und die daraus erwachsene Freundschaft mit einzelnen, mit denen wir unser Leben teilen als die Quelle der Freude.

„Es hat mich sprachlos gemacht”

Und nun wird Euch, liebe Freundinnen und Freunde, seit dem 7. Oktober 2023 mit neuer Wucht und unvorstellbarer Radikalität das Menschsein abgesprochen. Die Dynamik der letzten Wochen hat mich sprachlos gemacht. Natürlich weiß ich bei aller Faszination für das Gute (und Göttliche) des Menschen auch um seine dunklen Seiten, um das Böse (und Zerstörende). Und ebenso um die Komplexität zwischen den Möglichkeiten der Freundschaft und um die Abgründe der Feindschaft. Oft stand ich kopfschüttelnd an Erinnerungsorten von Völkermord, Holocaust und Genozid. Bei aller Unvergleichbarkeit doch mit dem einen Grundmuster: den Menschen zu entmenschlichen, ihm sein Menschsein abzusprechen! Dennoch hatte ich diesem schlummernden Gift nicht diese Wirkung zugetraut, die es gerade entfaltet.

Natürlich wusste ich, dass Antisemitismus beispielsweise auch völlig ohne Juden auskommt, dass er eine Chiffre für so vieles sein kann. Aber wie sich Judenhass jetzt ans Licht traut, hat eine neue Dimension. Es hat mich sprachlos gemacht und vor allem ratlos.

Denn würde man den Antisemitismus auf einem Kampfplatz bekämpfen: Ich würde mich bei all meiner Zaghaftigkeit melden und mich ihm entgegenstellen. Aber dieser Gegner des Menschlichen lauert unerwartet überall und er verbündet sich stets aufs Neue mit allen anderen Formen der Menschenfeindlichkeit: dem Hass, dem Rassismus, der Xenophobie, der Homophobie.

Allmählich finde ich meine Stimme wieder und erhebe sie für die Menschlichkeit und gegen Antisemitismus und Hass. Aber es sind sehr oft die leisen Wege, die ich dabei gehe: das Nachfragen bei den Kollegen, der Widerspruch gegenüber dem Nachbarn und damit das stete Einmischen – wo immer Judenhass auftaucht.

Freundschaft als Anker

Vielleicht hätte ich Euch von dieser Sprachlosigkeit und den tastenden Momenten der Stellungnahmen in der Öffentlichkeit bei Kundgebungen ebenso wie den leisen in Einzelgesprächen berichten sollen. Ich hatte es für selbstverständlich gehalten. Aber vielleicht ist es nötig, Euch unserer Freundschaft als wichtigen Anker zu versichern: Ein Anker, der auch hält bei Gegenwind und auf dieser rauen See die Zuversicht schenkt, nicht vom Winde verweht zu werden oder gar Schiffbruch zu erleiden.

Vielleicht muss man das auch mal aussprechen, auch wenn Freundschaft für das Leben wie Sauerstoff für das Atmen nicht der Worte bedürfen sollte: LaChaim – auf das Leben, liebe Freundinnen und Freunde!

Foto: © tzahiV/iStock.com


Siegfried Grillmeyer

Er ist seit 2008 Leiter des Caritas Pirckheimer Hauses, der Akademie der Erzdiözese Bamberg und des Jesuitenordens, sowie Geschäftsführer des dazugehörigen Tagungshotels. Zahlreiche Veröffentlichungen zur politischen Bildung sowie privat von Essays und Kurzgeschichten.
www.grillmeyer.info

Bild: CPH

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