Jesuiten Dankbarkeitstagebuch

Sinn  

Für was sind Sie heute dankbar?

Wie ein einfaches Tagebuch den Alltag verändert

„Ach wie schön wäre doch so etwas für ein Lichtblick. Einfach mal auch eine gute Nachricht oder ein schönes Erlebnis. Vielen geht es gerade so, dass sie sich Sorgen machen – um andere oder auch sich selbst. Wegen Corona gibt es weniger Begegnungen und der Alltag fällt einem auch schwerer. Dazu kommt die triste Jahreszeit. Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach Erfüllung und einem Lichtblick da ist. Eine Angebot der Jesuiten setzt hier an – und bietet einen schöne Antwort. Der Titel lautet „trotzdem dankbar. Die Kampagne startete im Advent und bekam eine überaus große Resonanz. Wir haben mit Pia Dyckmans gesprochen, die als Öffentlichkeitsreferentin die Kampagne begleitet.

Gleich zu Beginn: Für was sind Sie heute dankbar?

Das ist eigentlich sehr leicht. Heute bin ich vor allem für zwei Dinge dankbar: Zum einen bin ich dankbar für ein sehr leckeres, gesundes und gemütliches Frühstück. Zum anderen bin ich dankbar für einen Videoanruf, den ich heute mit einer Kollegin hatte. Dieser war super konstruktiv und wir konnten wichtige Fragen klären. Das ist nicht selbstverständlich, da wir uns nicht in unserer jeweiligen Muttersprache unterhalten und uns – wie sicher viele Kolleg:innen momentan – schon lange nicht mehr persönlich gesehen haben. Das hat mich heute sehr gefreut.

Die Jesuiten haben in der Vorweihnachtszeit die Kampagne „Trotzdem dankbar“ gestartet. Wie kam es dazu?

Die Jesuiten erfahren in vielen Seelsorgegesprächen, dass Menschen zurzeit einsam und isoliert, ängstlich und verunsichert sind. Sie leiden darunter, dass alles lahmgelegt ist – und konzentrieren sich nur noch auf das Schwierige, das sie momentan erleben. Dieser Stimmung wollen wir etwas entgegensetzen und den Menschen ein Werkzeug an die Hand geben, um sich selbst zu helfen.

Ein Blick in das Dankbarkeitstagebuch der Jesuiten. Einen Monat begleitet das Heft mit Impulsen. Es ist kostenfrei erhältlich.

Wenn man auf das vergangene Jahr schaut, fällt einem sicher vieles ein, über das man hadert oder traurig sein kann. Warum dann Dankbarkeit in den Blick nehmen?

Gerade dann, wenn einem alles nur schwerfällt, sollte man doch die Dankbarkeit in den Blick nehmen. Das vergangene Jahr war hart und der Anfang des noch jungen Jahres nicht einfacher, gerade wo der Lockdown nun nochmal verschärft wird. Und trotzdem gibt es viele Momente, Dinge oder Kleinigkeiten in unseren Leben, für die wir dankbar sein können. Nicht um zu sagen, dass das Schwierige jetzt toll ist. Sondern um zu betonen: Selbst in dem Schwierigen kann ich etwas entdecken, wofür ich dankbar bin. Wenn wir diese mehr in den Blick nehmen, fällt es leichter die herausfordernde Zeit zu ertragen. Studien haben gezeigt, dass dankbare Menschen stress- und krisenresistenter sind.

Eine Tasse Kaffee, Zucchini im Garten … Für so einfache Dinge dankbar zu sein, könnte arg niedlich wirken. Oder ist da mehr dran?

Es ist schon mehr dran, weil wir lernen den Blick zu schärfen und vielleicht auch in trostlosen Zeiten Trost zu finden. Wir wollen den Menschen mit einer Methode aus der ignatianischen Spiritualität genau dabei helfen, dem ignatianischen Tagesrückblick. Der heilige Ignatius empfiehlt, dabei zuerst auf alles zu schauen, wofür ich dankbar sein kann, was gut gelaufen ist – und es ins Gespräch mit Gott zu bringen.

Dieser Perspektivwechsel hilft, in der allgemeinen Krisenstimmung die guten Dinge in den Blick zu nehmen. Er verändert den Blick, hilft, krisenresistenter zu werden und gut durch diese schwierige Zeit zu kommen. Und gleichzeitig macht man die Erfahrung, trotzdem getragen zu sein, auch wenn man gerade für nichts explizit dankbar sein kann.

Kann es vorkommen, dass Menschen gar nichts finden, für das sie dankbar sind?

Ignatius würde sagen: Wir erleben eine klassische Zeit der Trostlosigkeit. Und gerade in einer solchen sollte man sich auf die Dinge konzentrieren, für die man eben doch dankbar sein kann. Es ist nicht alles nur schlecht und schwer und dunkel – auch wenn wir das meinen. Es gibt auch jetzt Dinge, an die ich mich halten kann und die mich aufrichten. Der Tagesrückblick hilft uns dabei, unseren Blick Schritt für Schritt zu schärfen, das bedarf natürlich Übung. Zudem gibt er auch die Möglichkeit, für eben jenen dankbaren Blick zu bitten.

Es gibt auch ein „Dankbarkeitstagebuch“ – was hat es damit auf sich?

Wir haben ein Dankbarkeitstagebuch kreiert, in dem der Tagesrückblick erläutert wird und einen Monat lang Tagebuch darüber geführt werden kann, wofür man dankbar ist. Durch das Aufschreiben werden Dinge deutlicher erkennbar, das verstärkt den Effekt. Wir geben den Menschen mit dem Dankbarkeitstagebuch ein Hilfsmittel an die Hand, ihren Blick auf das Wesentliche zu lenken. So habe ich die eigens formulierten Dankbarkeitsmomente auch an den Tagen danach noch schwarz auf weiß. Wenn ich dann auf meine ganze Woche zurückschaue, sehe ich, wie viele Zeiten des Trostes es in meinem Leben gibt. Das hilft.

Über welche Resonanz haben Sie sich am meisten gefreut?

Die Aktion haben wir Mitte November gestartet und die Resonanz war einfach enorm. Bis heute haben wir knapp 2.000 Bestellungen erhalten und bis kurz vor Weihnachten beinahe 7.000 Tagebücher verschickt. Wir mussten drei Mal nachdrucken, weil wir damit wirklich nicht gerechnet haben.

Aber schon nach dem ersten Versand haben wir Nachbestelllungen erhalten mit Nachrichten, wie gut ihnen das Tagebuch und der Tagesrückblick tut und sie dies gerne an Freunde und Familie weiterschenken wollen.

Eine Reaktion fand ich sehr berührend, da hat eine Frau uns geschrieben, wie dankbar sie uns sei, weil wir ihr die Augen geöffnet hätten, „sich um mehr Mit-menschlichkeit zu bemühen und im Hören auf Gottes Wort diese Krise zu überwinden“. Nur ein konkretes Beispiel, wieviel Dankbarkeit wir in den vergangenen Wochen erfahren durften. Das macht auch mich wirklich dankbar, dass wir es schaffen konnten, den Menschen ein wenig Trost in dieser Corona-Zeit spenden zu können.

Interview: Stefan Weigand


Das Dankbarkeitstagebuch bestellen

Jesuiten Dankbarkeitstagebuch

Die Jesuiten in Deutschland haben ein Dankbarkeitsset geschnürt. Kernstück ist das Dankbarkeitstagebuch. Sie können hier kostenfrei bestellen:


Pia Dyckmans

Pia Dyckmans

Jahrgang 1989, hat es nach ihrer Kindheit am Niederrhein in den Süden gezogen. Während sie in München Theologie und Germanistik studiert hat, durchquerte sie für ihren Traumjob ganz Deutschland von Nord nach Süd, bis sie schließlich in Rom gelandet ist. Sie machte Station bei den Kieler Nachrichten, der Katholischen Fernseharbeit, dem Bayerischen Rundfunk und schließlich für zwei Jahre bei Radio Vatikan. Als Redakteurin kehrte sie nach München zurück, arbeitete dort zunächst beim Sankt Michaelsbund in München für Antenne Bayern und ist nun die Presse- und Öffentlichkeitsreferentin der Jesuiten in Deutschland.

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