Annie Ernaux Literaturnobelpreis

Sinn  

Ewigkeit, wenn Religion belanglos ist

Was für Annie Ernaux aus den gelebten Jahren bleibt

Ein Freund erzählt mir, wie es ihn in Panik versetzt hat, als er als Jugendlicher realisierte, dass sein ganzes Erleben auf der Erde einmal verschwunden und vergessen sein könnte – so dass sich selbst sein Vater Jahrzehnte später noch an diese Phase erinnerte.

Ich erinnere mich nicht an eine solchen Stimmung in meinen jungen Jahren. Wenn ich in mich hineinhöre, stelle ich fest: es ist mir irgendwie klar, dass es ein ewiges Leben gibt, wo Gott alles gut macht. Ich habe ich nichts für diese Sicherheit getan. Bis heute kann diese Sicherheit in mir stark werden, wenn ich mich mit den „letzten Dingen“ auseinandersetze. Die Rettung der Erinnerungen ist ein eher kleines Problem für einen guten und mächtigen Gott. Ich ärgerte mich als Kind und früher Teenager eher, dass da im ewigen Leben „Ruhe“ herrschen sollte, und dass das „ewige Licht“, von dem ein Gebet für die Verstorbenen spricht, nicht so recht Abenteuer und freudiges Entdecken verspricht.

Ernauxs Kirchenerfahrung

Ein Erleben im Bereich zwischen den beiden Extremerfahrungen berichtet die 1940 geborene Annie Ernaux. Ich rekonstruiere ihre religiöse Entwicklung so: Bis zum Alter von zwölf Jahren eine große Gewissheit im katholischen Glauben, dann hat sie eine tiefe Erfahrung der Haltlosigkeit.Von da an aber wurde für sie das Kirchliche immer äußerlicher, eine Art sexuelle Befreiung und ihr Studium des Existenzialismus lassen der Studentin die religiösen Bräuche bedeutungslos werden. Ernaux drückt das Gefühl mancher Zeitgenossen aus, wenn sie sagt, Kirche und Kirchlichkeit habe sich überlebt, Gott ist kein ernsthaftes Thema mehr.

Was bleibt vom gelebten Jahren, wenn das Ende nahe ist?

Mit 68 Jahren veröffentlicht sie ein Buch heraus, das sie „Die Jahre“ nennt. Es geht ihr darum, was von den gelebten Jahren bleiben wird, wenn sie oder andere sich erinnern. Sie konnte es erst schreiben, als bei ihr Krebs diagnostiziert wurde. Mit Beenden des Buches hatte sie den Krebs besiegt. Ernaux lebt noch heute und ihr wurde diesen Herbst der Literaturnobelpreis zuerkannt. Was bleibt von den gelebten Jahren, wenn es nicht das Aufgehobensein in Gottes Liebe ist? Sie schreibt über ihren Tod als das Auslöschen angeeigneter Bewusstseinsinhalte:

„All das wird innerhalb einer Sekunde vergehen. Getilgt das von der Geburt bis zum Tod angesammelte Wörterbuch. Stille wird eintreten, und man wird keine Wörter mehr haben um sie zu sagen. Aus dem offenen Mund wir nichts mehr kommen. Kein Ich, kein Mir, keine Mich. Die Sprache wird die Welt weiter in Worte fassen. Bei Familienfeiern wird man nur noch ein Vorname sein, von Jahr zu Jahr gesichtsloser, bis man in der anonymen Masse einer fernen Generation verschwindet.“ (17)

Alte Fotos anschauen und die Suche nach dem Bleibenden

Ernauxs Methode in ihrer Suche nach dem Bleibenden ist wunderbar empirisch: Was bleibt, könnte damit vergleichbar sein, dass man ein Kindheitsfoto anschaut. Die anderen müssen dir sagen, wer diese Person ist. Ich spüre sie nicht mehr von innen, ich spreche besser in der dritten Person über sie. Und doch passiert etwas beim Anschauen, etwas das über das Leben der einzelnen Person Ernaux hinausgeht. Resümierend auf viele solche Beobachtungen schreibt sie (von sich in der dritten Person, wie meist in „Die Jahre“):

„Sie hat die Idee aufgegeben, diese Form, die ihr Leben enthalten soll, aus dem Gefühl abzuleiten, das sie überkommt, wenn sie mit geschlossenen Augen in der Sonne am Strand oder in einem Hotelzimmer auf dem Bett liegt, dem Gefühl, sich zu vervielfältigen, körperlich gleichzeitig an mehreren Orten ihres Lebens zu existieren, in eine Palimpsest-Zeit einzutreten […]
Stattdessen will sie ihren Aufenthalt auf der Erde dokumentieren, in einer gegebenen Epoche, die Jahre, die sie durchdrungen haben, die Welt, die sie allein dadurch, dass sie gelebt hat, in sich abgespeichert hat. Deshalb zieht sie die Intuition dafür, welche Form ihr Buch annehmen soll, aus einem anderen Gefühl, einem Gefühl, das sie überkommt, wenn sie ausgehend von einem Bild der Vergangenheit […] den Eindruck hat, in etwas Größerem aufzugehen, einem unscharfen Ganzen, dessen einzelne Bestandteile – Bräuche, Handlungen, Worte etc. – sie durch einen Kraftakt ihres kritischen Bewusstseins zum Vorschein bringen kann. So wird der winzige Augenblick der Vergangenheit immer größer, er wird zu einem Horizont, der zwar beweglich ist, der aber auch eine einheitliche Tonalität hat.“ (250f.)

Was nehme ich mit meiner so anderen Grundeinstellung daraus mit?

Mir scheint, hier hat jemand genau auf seine Erfahrung gelauscht. Ernaux nennt etwa das Bild, „wie sie nach dem Krieg neben anderen Kindern, denen die Mandeln herausgenommen wurden, im Krankenhaus liegt“, das sich unter dem Kraftakt des kritischen Bewusstseins in etwas Größeres verwandelt hat. So wie bei religiöser Erfahrung ist Täuschung nie ganz ausgeschlossen. So wie bei jeder Glückserfahrung kommt man als Leser nicht ganz so tief hinein wie die erfahrende Person selbst.

Was nehme ich mit meiner so anderen Grundeinstellung daraus mit? Erstens wird meine Phantasie gestärkt, wie ich doch mit allen Menschen zusammengehören könnte – das ist ja auch ein Zentralaspekt der christlichen Hoffnung. Zweitens und vor allem: ich übe mich in der Hochachtung des vermeintlich Belanglosen und des Alltäglichen, der „Bräuche, Handlungen, Worte“, die mit ein bisschen ehrlichem Blick – aber noch vor aller Phantasie – so wahnsinnig weit und tief und groß sind.

»Die Jahre« von Annie Ernaux

Die Jahre Annie Ernaux

Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben – unser Leben, das Leben – in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«.


Matthias Rugel

Sucht den Sinn in Gesellschaft von alten und zeitgenössischen Philosophen und möchte in der Gesellschaft den Sinn für gemeinsames Leben mit Menschen aus aller Herren Länder stärken. Der Jesuitenbruder arbeitet als Bildungsreferent am Heinrich Pesch Haus. Der ehemalige Langzeit-Student, Jugendtheater- und Softwareentwickler organisiert auch in Corona-Zeiten ehrenamtlichen Sprachunterricht für Geflüchtete. Seine Ahnung ist, dass die Willkommenskultur bis heute mit dem Reich Gottes zu tun hat.

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