Einfache Dinge

Sinn  

Die Wiederentdeckung der einfachen Dinge

Ein Art Gegenprogramm zum detaillierten Lebens- und Alltagsmanagement

Unser Alltag wird mehr und mehr von großen und kleinen Aufgaben bevölkert. Wir arbeiten sie ab, und doch macht sich das Gefühl breit, dass man doch nicht hinterherkommt. Was tun? Eine App auf dem Smartphone installieren, um irgendwie das Leben zu managen? Noch mehr organisieren und Aufgaben festhalten? Stefan Weigand hat das versucht – und auf halben Weg wieder kehrtgemacht. Stattdessen hat er die einfachen Dinge, die ihn umgeben, neu in den Blick gewonnen – und lieben gelernt.

»Sag mal Papa, in welche Richtung sind Schneckenhäuser eigentlich immer gedreht? Links oder rechts. Oder unterschiedlich?« Wir waren am Waldrand unterwegs und mein Sohn, damals im Vorschulalter, wollte noch ein leeres Weinbergschneckenhaus finden. Im Baumwollbeutel, den wir dabeihatten, sammelten sich schon Eicheln, ein Ast mit Flechten und zwei Steine mit besonderen Linien. Was man so eben findet. Ein oder zwei Schneckenhäuser fehlten noch. Aber in welche Richtung sie sich winden … Ich hatte keine Ahnung. Aber umso mehr war ich erstaunt, dass ich schon bestimmt tausend Schneckenhäuser in der Hand hatte – und trotzdem nicht sagen konnte, wie das genau ist. Dabei ist es doch ein ganz einfaches Ding, so ein Schneckenhaus.

Wie das eigentlich alles angefangen hat? Ich habe mich das oft gefragt, wie es dazu kam, dass scheinbar unscheinbare Dinge in unserer Familie nach und nach wieder an Aufmerksamkeit und Wertschätzung gewonnen haben. So viel Wahlmöglichkeiten als sechsköpfige Familie hat man nicht im Alltag. Man muss einfach gut durchorganisiert sein: Hier den Großen zum Sport bringen, dort noch schnell Einkaufen und dann nach Möglichkeit von unterwegs telefonieren, um zu vereinbaren, wie das mit dem Besuch am Wochenende aussieht. Ein fester Tagesablauf mit vielen Schauplätzen.

»Es machte das Leben nicht einfacher – im Gegenteil …«

Beruflich als Selbstständiger zu arbeiten und eine Agentur zu leiten, bringt Verpflichtungen, Abgabetermine, Absprachen, Planungen. Es lief irgendwie und meist immer gut. Doch wie das so ein paar Jahre nach dem Studium ist: Die Zeit verging wie im Flug und alles klappte wirklich wunderbar – und doch hatte ich nach und nach den Eindruck, dass jeder Tag nur noch vor Bildschirmen stattfand oder eben mit dem Smartphone in der Hand. Dabei machte das das Leben nicht einfacher – im Gegenteil. Umso mehr man organisierte und managte, umso kleinteiliger und komplizierter wurde alles.

Vielleicht war es so wie bei Menschen, die von einer ganz reduzierten und minimalistischen Einrichtung träumen und dafür sämtliche Bildbände und Wohnmagazine zum Thema horten. Dann stapeln sich Bücher und Zeitschriften auf Tischen, sammeln sich in Regalen – und sorgen dafür, dass die Wohnung alles andere als minimalistisch ist. Der Wunsch nach weniger führt nur dazu, dass sich noch mehr ansammelt. »Mehr vom Gleichen hilft nicht«, sagt man dann.

Umso öfter stellte ich mir die Frage, was ich denn eigentlich brauche, um gut zu leben. Oder was ich anders machen sollte. Alles komplett ändern? Dreimal im Jahr eine Auszeit machen?

»Irgendwie muss ich mein Leben ändern.«

»Irgendwie muss ich mein Leben ändern.« – Nicht nur in Filmen ist mir dieser Satz schon häufiger begegnet; vielleicht habe ich ihn auch schon selbst gesprochen. Aber was ist das schon, »das Leben«? Das klingt wichtig (und ist es auch), aber wo beginnen? Die amerikanische Autorin Annie Dillard hat eine Art Antwort darauf formuliert: »So wie du deine Tage verbringst, so verbringst du dein Leben.« Als ich den Satz zum ersten Mal gelesen habe, hat er mir ganz schön Respekt eingeflößt: Weil alles auf einmal an Bedeutung gewinnt. Das Naheliegende, das unmittelbar Nächste, der Tag heute und morgen. Auch die Minute, die gerade läuft.

Zum Glück hat man dann Kinder und andere Menschen um sich, die einen so herrlich verunsichern und eben auf ihre Art auch mal fordern. Nicht nur in Sachen Schneckenhäuser, sondern etwa mit dem Wunsch, mal Marmelade zu kochen oder die Schreibmaschine auszuprobieren, die im Umzugskarton entdeckt wurde. Nicht jedes Mal war ich begeistert von den Einfällen. Aber dann war ich doch froh, wenn ich mich auf so manche Unbequemlichkeit eingelassen hatte und nach Jahren wieder einmal einen Brief von Hand geschrieben habe – statt der raschen Textnachricht mit Autovervollständigung.

Vieles von dem, was ich und wir da wiederentdeckt haben, ist für meine Eltern und Großeltern ganz normal; für die Generation, zu der ich gehöre, aber schon weit weg.

Mir wurde deutlich, wie schnell Wissen und Selbstverständlichkeiten aus dem Alltag verschwinden. Dabei waren sie teilweise über Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil. Ich habe mich dabei gefragt: Was passiert da eigentlich, wenn wir einfachen Dingen wieder Raum im Leben geben? Und: Warum halten sich manche Dinge, obwohl sie umständlicher oder eben alles andere als digital oder smart sind.

Schreibmaschine einfache Dinge

Die Dinge, die uns umgeben

Was mir immer klarer wurde: Die Gegenstände, mit denen wir uns umgeben und die wir täglich in den Blick und in die Hand nehmen, prägen uns mehr als wir zunächst glauben. So wie wir die Welt um uns gestalten, gestalten wir auch unser Innerstes. Deshalb ist es eben nicht egal, was wir den ganzen Tag machen – und wie.

Es ist nicht egal, wie ich mit dem umgehe, was ich esse, was ich anziehe, welchen Themen und Geschichten ich Aufmerksamkeit schenke, wie viel Zeit ich mir für die Menschen nehme, die um mich herum leben. Weil alles, was ich nach außen tue, auch nach innen wirkt, also mich selbst betrifft. Und formt.

Unsere Welt ist mehr und mehr digital geprägt, Abläufe werden immer schneller und automatischer – und es sind großartige Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben. Ich schätze all das sehr und arbeite ja auch selbst täglich mit an dieser digitalen Welt.

Zugleich merke ich aber auch: Wenn das Leben komplett handhabbar geworden und alles verfügbar geworden ist, wird es seinen Zauber verlieren. Wie ein Gegenprogramm haben mich die einfachen Dinge gelehrt: Wir werden nie die Sehnsucht nach Gegenständen verlieren, die wir in die Hand nehmen können, die Präzision erfordern und Disziplin. Dinge, die uns fordern und manchmal auch umständlich und nicht komplett erklärbar sind – und gerade deshalb ihre Magie und Mystik entfalten.

Wunder warten überall

Weigand Wunder warten überall Buch

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch »Wunder warten überall.Die Wiederentdeckung der einfachen Dinge«

Wir brauchen nicht immer mehr, nicht einmal viel, sondern vor allem eins: das Richtige. Gerade durch die einfachen Dinge im Leben erfahren wir Klarheit und Ausgeglichenheit. Der Bleistift, der uns schon ein halbes Leben begleitet. Die selbst eingekochte Marmelade, die uns neu den Wert von Ernten und Jahreszeiten vor Augen führt. Der Spaziergang im Frühling, der Geruch nach Erde und das plötzliche Gefühl von Aufbruch.

Dieses Buch ermutigt mit sinnlicher Gestaltung, seinen Lebensstil auf das Wesentliche zu fokussieren und dem einfachen Leben neu zu vertrauen.

Fotos: © Stefan Weigand


Stefan Weigand

Auf die einsame Insel würde er seine Familie, ein schönes Buch und seinen Plattenspieler mitnehmen. Nach dem Theologie- und Philosophie- Studium in Würzburg und Indien war er zunächst Sachbuchlektor in einem großen deutschen Verlag. Seit mehreren Jahren führt er eine Agentur für Buch- und Webgestaltung und wird als Konzeptionsberater bei Buchprojekten gebucht. Er ist Vater von vier Kindern. Als Autor widmet er sich einfachen Dingen, der Rolle als Vater, Jazz und Indie-Musik und Kulturthemen. Abseits der beruflichen Wege geht er mit seiner Familie zum Geocaching und an ruhigen Abenden widmet er sich seinem Faible für Literatur und Schallplatten.
www.stefan-weigand.com

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