Was der Zustand von Hochschulen über unsere Wertschätzung von Bildung verrät
Neulich war ich wieder einmal an meiner Universität. Denn bald beginnt das Wintersemester. Und beinahe mit einem gewissen Gefühl von Heimat begrüßte ich die Birke, die auf dem Flachdach wächst.
Es geht dabei gar nicht darum, welche Universität ich meine. Was ich dort gesehen habe, lässt sich an vielen Hochschulen, Schulen und Bildungseinrichtungen beobachten. Der bauliche Zustand ist erschreckend. Weiß-rotes Absperrband gehört inzwischen beinahe zur architektonischen Grundausstattung. Es flattert vor Zugängen, die nicht mehr benutzt werden dürfen, vor Treppenhäusern, deren Sicherheit fraglich geworden ist, und vor Gebäudeteilen, deren Bausubstanz über Jahrzehnte hinweg immer wieder auf später vertröstet wurde. Ganz zu schweigen von den Toiletten, jenen stillen Visitenkarten öffentlicher Einrichtungen, die oft mehr über den Zustand einer Institution verraten als jede Festrede.
Dabei lautet die entscheidende Frage nicht nur: Was kostet die Sanierung? Die entscheidende Frage lautet: Welche Wertschätzung wird hier ausgedrückt? Welche Wertschätzung bringen wir der Bildung entgegen – und vor allem den Studierenden, Schülerinnen und Schülern, Lehrenden und Beschäftigten, die täglich in diesen Räumen arbeiten?
Holz und Marmor in China
Vor zwei Jahren durfte ich eine Universität in China besuchen. Auch sie war nicht neu. Gerade das machte den Eindruck so bemerkenswert. Das Gebäude hatte Geschichte, aber es wirkte nicht vernachlässigt. Die Räume waren gepflegt, die Flure sauber, die Einrichtungen funktionierten. Selbst die Toiletten waren mit Holz und Marmor gestaltet – nicht als luxuriöse Geste, sondern als selbstverständlicher Ausdruck davon, dass auch ein solcher Ort den Menschen etwas sagen soll: Deine Arbeit, deine Zeit und deine Würde zählen.
Vielleicht lässt sich der Unterschied mit jener Überlegung beschreiben, die die Sozialforscher James Q. Wilson und George L. Kelling 1982 unter dem Titel „Broken Windows“ bekannt gemacht haben. Ihre These war einfach und einprägsam: Wenn eine zerbrochene Fensterscheibe nicht repariert wird, können bald weitere Scheiben zerbrechen.
Der sichtbare Verfall sendet das Signal aus, dass sich niemand verantwortlich fühlt. Wo niemand Verantwortung übernimmt, sinkt die Schwelle für weitere Verwahrlosung, für Graffiti, Müll, Vandalismus und Gleichgültigkeit.
Natürlich ist eine Universität kein Stadtviertel, und eine Birke kein zerbrochenes Fenster. Aber die Metapher lässt sich übertragen. Wenn das Graffiti nicht mehr entfernt wird, folgt bald das nächste. Wenn eine defekte Tür wochenlang abgesperrt bleibt, wird die Absperrung irgendwann zum normalen Bestandteil des Gebäudes. Und wenn sich eine Birke auf einem Flachdach ansiedelt, ohne dass jemand einschreitet, dann werden vielleicht bald weitere Pflanzen folgen. Irgendwann wird die Dachterrasse geschlossen, und aus einem möglichen Aufenthaltsort für Studierende wird ein weiterer ungenutzter Bereich.
Bildung besteht aus Kleinigkeiten
Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit. Doch Bildung besteht aus solchen Kleinigkeiten. Aus der Frage, ob ein Raum Licht hat. Ob man sich dort gerne aufhält. Ob man an einem Tisch sitzen, miteinander sprechen, lesen, denken und streiten kann. Lernen braucht nicht überall Marmor. Aber Lernen braucht Räume, die nicht ständig den Eindruck vermitteln, man habe mit dem Notwendigsten bereits zu viel verlangt.
Deutschland war immer auch ein Land der Innovationen und damit ein Land der lernenden Gemeinschaft. Erfindergeist, wissenschaftlicher Fortschritt und kulturelle Entwicklung entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie brauchen Orte, an denen Menschen sich konzentrieren, begegnen und ausprobieren können. Ein heruntergekommenes Gebäude verhindert Bildung nicht automatisch. Aber es erschwert die Botschaft, die Bildung eigentlich vermitteln sollte: dass Anstrengung sich lohnt und Zukunft Aufmerksamkeit verdient.
Bildung braucht Wertschätzung
Wir sind es den nächsten Generationen schuldig, ihnen diese Wertschätzung sichtbar zu zeigen. Nicht nur in Sonntagsreden über Bildung, sondern in den Gebäuden, in denen Bildung stattfindet. Es beginnt mit den scheinbar kleinen Dingen: mit dem Entfernen des Graffitis, der Reparatur einer Tür, der Reinigung der Toiletten und mit der Frage, warum auf einem Flachdach eine Birke wächst.
Vielleicht sollte man sie nicht sofort fällen. Vielleicht könnte man sie umpflanzen, an einen geeigneten Ort, wo sie weiterwachsen darf. Aber die Dachterrasse sollte wieder für die Studierenden geöffnet werden. Als Ort zum Zusammensitzen, Austauschen und gemeinsamen Lernen. Als Zeichen dafür, dass diese Räume ihnen gehören – und dass wir ihnen zutrauen, in ihnen unsere Zukunft zu gestalten.







