David Helbock

Zusammenleben  

„Hymn for Sophie Scholl“

Über das Album „The New Cool“ des Jazzpianisten David Helbock

Dieser Tage wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Die Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus wurde am 9. Mai 1921 geboren. Es ist wichtig, dass wir uns an sie erinnern – wenn die Erinnerung dann noch so großartig ausfällt, wie auf dem neuen Album von David Helbock, ist das umso wertvoller. Ein Blick auf komplette das Album „The New Cool“ des Jazzmusikers lohnt sich.

„Ich habe mich nach musikalischer Entschleunigung gesehnt“, sagt David Helbock, als er über sein neues Trio spricht. Erstmals hat er in dieser Besetzung ein Album aufgenommen. David Helbock am Flügel, Sebastian Studnitzky an der Trompete und Arne Jansen steuert die Gitarre bei. Die Wege der drei Musiker kreuzten sich in Berlin.

Jansen stammt ursprünglich aus Kiel. Das gelassene norddeutsche Gemüt hört man seinem Spiel an: „Arne ist immer total auf die Musik fokussiert. Er ist ein sehr einfühlsamer und fein-sinniger Spieler.“ Studnitzky kommt ursprünglich aus dem Schwarzwald. Helbock liebt an ihm besonders den „luftigen Ton“ und den Farbenreichtum seiner Trompete. Wie fügt sich das zusammen? „Wir alle drei sind Melodie-Spieler. Wir wissen aber auch, wann man sich zurücknehmen sollte, um dem anderen Raum zur Entfaltung zu geben.“

Sophie Scholl

Beim Blick auf die Titelliste fällt „Hymn for Sophie Scholl“ ins Auge. Für den Jazz-Kontext ist das ein ungewöhnlich politischer Titel. Er bildet den Kern des Albums – nicht für die Dramaturgie der Songs, sondern auch für das musikalische Ambiente. David Helbock verdeutlicht: „Das Stück ist der zentrale Song des Albums für mich. Wohl eine der einfachsten Kompositionen, die ich je geschrieben habe. Lange Akkorde, auch sehr einfache – fast nur Dreiklänge. In der Kombination mit Sebastians Melodiespiel an der Trompete und Arnes einzelnen Gitarren-Soundflächen gibt das genau die Stimmung, die ich für diesen Song wollte.“

Das Stück selbst ist schon gut zwei Jahre alt und entstand im Rahmen eines Kompositionsprojekts für Frauen, die Helbock für sein Leben inspiriert haben. „Mit Sophie Scholl bin ich ganz früh in Berührung gekommen und zwar durch den Song von Konstantin Wecker ‚Die weiße Rose‘. Das haben meine Eltern früher viel gehört und auch ich dann als Jugendlicher in Dauerschleife und Weckers Liedtext hat bei mir beim Komponieren im Hintergrund sicher nachgehallt: ‚Ihr habt geschrien, wo andre schwiegen – Obwohl ein Schrei nichts ändern kann – Es geht ums Tun und nicht ums Siegen …‘“

»Hymn for Sophie Scholl« – für den Musiker David Helbock das zentrale Stück auf seinem Album »The New Cool«

Wenn schon Hommage, dann unbedingt auch eine Coverversion

Für „The New Cool“ hat Helbock von Anfang an die Instrumentierung im Kopf gehabt. Gitarre und Trompete waren klar, bevor er die konkreten Musiker dazu gesucht hat. Mit dieser Besetzung gelingt diese lyrische Hommage an den Cool Jazz. Trompeter wie Miles Davis (Birth of the Cool) und aber auch Westcostmusiker wie Chet Baker kommen in den Sinn. Dazu bringt der schwebende Gitarrensound enorm viel Lässigkeit ins Spiel.

„Ich wollte Miles Davis irgendwie auf dem Album vertreten haben, aber vielleicht nicht ganz so offensichtlich durch ein Stück von ihm selbst. So bin ich auf ‚Time after Time‘ gekommen, das ja Miles auch immer wieder gecovert hat. Vor diesem Stück hatte ich doch Respekt – im Original ein einfacher, fast seichter Popsong und auch in Miles Version lebt er fast nur von seinem speziellen Trompetensound. Aber nach einigem hin- und hertüfteln ist mir hier glaub ich ein gutes Arrangement geglückt – also vielleicht nicht der Lieblingssong, aber doch mein Lieblingsarrangement des Albums.“

Truth – und Prelude in E Minor

Wer gerade nach einem gelungenen und zugänglichen Album sucht, wird mit „The New Cool“ fündig. Und wer noch Anspieltipps braucht, dem empfehle ich „Truth“ mit seinem schneidenden Gitarrensound und das edle „Prelude in E Minor“. Das Andenken an Sophie Scholl hat eine gute Nachbarschaft gefunden. Es ist gut, wenn das Licht ihres Mutes so weiter strahlt.

David Helbock The New Cool

Fotos: © ACT Gregor Hohenberg / © Stefan Weigand


David Helbock / Sebastian Studnitzky / Arne Jansen

The New Cool

erhältlich als CD, LP und Download


Stefan Weigand

Auf die einsame Insel würde er seine Familie, ein schönes Buch und seinen Plattenspieler mitnehmen. Nach dem Theologie- und Philosophie- Studium in Würzburg und Indien war er zunächst Sachbuchlektor in einem großen deutschen Verlag. Seit mehreren Jahren führt er eine Agentur für Buch- und Webgestaltung und wird als Konzeptionsberater bei Buchprojekten gebucht. Er ist Vater von vier Kindern. Als Autor widmet er sich einfachen Dingen, der Rolle als Vater, Jazz und Indie-Musik und Kulturthemen. Abseits der beruflichen Wege geht er mit seiner Familie zum Geocaching und an ruhigen Abenden widmet er sich seinem Faible für Literatur und Schallplatten.
www.stefan-weigand.com

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