Zusammenleben  

China – was dem Land des Drachens fehlt

Über die Kraft der Soft Power

Wie war das in den 1980er Jahren? Soft-Eis war tatsächlich phasenweise Mode, ähnlich wie Wassereis in kleinen Plastiktütchen. Aber letztlich war es doch die Kugel Eis, die uns am meisten überzeugte. Beim Wort Eis höre ich das seltsame Ideal der 1980er, „cool“ zu sein. Beim Wort Kugel höre ich heute mit, dass die Kugel geschossen wird, aus der Kanone oder der Pistole.

Um die Vorstellungskraft jetzt nicht überzustrapazieren: Ich wollte damals als Jugendlicher erkunden, was cool sein ist und vor allem wollte ich stark und wehrhaft sein. Eine gewisse Macht und Selbstständigkeit haben, die mir im Internat unter Gleichaltrigen oft bedroht schien. Da passt einfach kein Soft-Eis: Meine eigenen Talente, deren Machtpotential ich ja auch spürte, galten mir nicht allzu viel.

Beim Lesen eines Buches las ich dann von einem Land, dem es an Kraft und unabhängigem Handeln nicht mangelt, dem aber etwas anderes fehlt: Soft-Power. Nicht ganz leicht auf Deutsch wiederzugeben: Soft-Power als die Liebenswürdigkeit? Als die Fähigkeit zur Freundschaft? Als die Freiheit der Kultur und des interessenlosen Austausches? Als „politische Anziehungskraft“ definiert sie Matthias Naß, Journalist bei „Die Zeit“ für Ostasien. Er schreibt über „Chinas Aufstieg zur Weltmacht und was er für uns bedeutet“ unter dem Titel „Drachenkampf“.

Von Halbdrachen, guten und bösen Drachen

Es gibt ja, wie jeder Jim-Knopf-Leser weiß, drei Arten von Drachen. Die Halbdrachen, die bösen und die guten Drachen. Zunächst zu den bösen: Der Drache „Frau Mahlzahn“ führte wie meine schlimmen Lehrer und Mitschüler damals in den 1980er Jahren ein Terrorregime. Wahrscheinlich mehr in meiner Fantasie als in der Wirklichkeit – und doch hat die Wirklichkeit nur wenige Jahrzehnte zuvor meine kühnsten Fantasien überboten. Michael Ende hat das angedeutet in der Art und Weise, wie der sympathische Nepomuk, der „Halbdrache“, und seine Artgenossen wegen ihrer unreinen „Rasse“ unterdrückt werden.

Mich hat es beim Lesen des China-Buches überrascht, dass Umerziehungslager für Uiguren erst seit 2017 gebaut werden, mit Anweisung von ganz oben, mit einem immensen Aufwand und großer Geheimhaltung. Offiziell wird von großen Erfolgen bei der Bekämpfung islamistischer Terrorgruppen gesprochen ( 2014 hat es tatsächlich Anschläge in Xinjiang gegeben).

Sei es so oder anders, die bösen Drachen stehen für die Hard-Power, wie sie schon der deutsche Held Siegfried beim Baden in Drachenblut erworben hat.

Als aber Frau Mahlzahn, der Unterdrückerdrache im Jim Knopf, in einen einjährigen Schlaf geschickt wird, erwacht sie erneuert. Nicht mehr als Monster, sondern als „chinesischer Glücksdrache“, als guter Drache, der milde ist und den Menschen hilft: als soft-power. Das könnte China also auch sein.

Was ist die Soft Power der USA?

Da gibt es manches aufzuzählen:

  • ihre Universitäten laden ein, dass Studenten aus dem Ausland dort am besten auf der Welt studieren;
  • der Staatsmythos, dass dort jeder unabhängig von Herkommen oder Religion sein Glück machen kann;
  • der Staatsmythos der Freiheit – bis zum freien Spiel der Marktkräfte;
  • das Ja zur Vielfalt, das Hochschätzen oppositioneller Kunst;
  • der Wechsel der Präsidentschaft spätestens alle acht Jahre;
  • die Instanzen der Machtkontrolle;
  • die englische Sprache, die in einfacher Version leicht lernbar und weit verbreitet ist:
  • Kultur und Popkultur, die über die ganze Welt verbreitet ist: Man mag Raumschiff Enterprise und Star Wars, Imbissketten und Handys, Computer und Internet.
Drachentanz Buch Cover

Lesetipp

Chinas Aufstieg fasziniert die Welt – und lehrt sie das Fürchten. Unter Parteichef Xi Jinping erlebt das Land einen Rückfall in die Diktatur. Gleichzeitig dehnt es seinen globalen Einfluss immer weiter aus. Nicht nur in Amerika, auch in Europa wächst das Unbehagen an der neuen Weltmacht und an ihren Methoden. Droht ein neuer kalter Krieg oder sogar ein chinesischer Triumph über den Westen? Zeit-Korrespondent Matthias Naß gibt einen spannenden Einblick in das Land, das sich anschickt, zur Führungsmacht des 21. Jahrhunderts zu werden.

Eine Soft-Power der USA kommt auch dem heutigen China zu. Man kann dort Karriere machen, sich hochverdienen, reich werden. Aber Reichtum macht nicht liebenswert. Es gäbe gute Chancen für eine Beliebtheit Chinas: Über das Jahr 2008 schreibt Naß:

Es wirkte wie eine Ironie der Geschichte, dass ein kommunistisches Land dafür sorgte, das kapitalistische Finanzsystem vor dem Zusammenbruch zu retten. […] Es ist ein gutes Jahrzehnt her, dass im Westen voller Hochachtung von dem Alternativmodell China gesprochen wurde: Schnell, effizient, entscheidungsfreudig.

Heute herrscht dagegen „linke Restauration“. Es gibt aktuell immerhin die Verhinderung des Massensterbens an Corona, es gibt große Versprechen, umweltpolitisch Vorreiter zu werden – bei beidem lesen aber wir Westler große Aber: Krisenmanagement in Wuhan und der immense Kohleverbrauch. Vielleicht glaubt die Regierung in China, dass man sich Freunde kaufen kann. Die Einführung von Konfuzius-Instituten im Westen darf als gescheitert angesehen werden, weil man Kultur vor allem als politisches Instrument sah. Naß schreibt:

Es wäre alles so einfach: Gäbe das Regime den Schriftstellern, Musikern, Regisseuren und Malern nur ihre Freiheit – das Land müsste sich um seine Softpower keine Sorgen machen. Im Nu würde eine der hinreißendsten und kreativsten Kulturszenen aufblühen. Aber durch die geöffneten Fenster könnten ja, wie schon Deng Xiaoping wusste, Fliegen und anderes Ungeziefer ins Zimmer gelangen. Also bleiben sie geschlossen.

Was hat mir als junger Mensch meine Sehnsucht nach Unterwerfung der Feinde und menschenverachtender Coolness abgeschliffen? Mir scheint, mit entscheidend war, dass ich mich für Kultur geöffnet habe. Das Schöne und Kritische in seinen vielfältigen Formen, vom Jim-Knopf-Lesen zum Theaterbesuch, vom Schreiben eigener Songs bis zum Verwundern vor Steinruinen in Griechenland, hatte auch bei mir einen wesentlichen Anteil daran, dass ich heute wenigstens manchmal auf Soft-Power setze.

Foto: © Baona/istock.com


Veranstaltungstipp:

Dr. Matthias Rugel SJ, Bildungsreferent am Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen, lädt regelmäßig zu „Debatten um die Welt“ ein. Die nächste Veranstaltung findet am Montag, 13. September, um 19 Uhr statt. An diesem Abend wird über das Buch von Matthias Naß (2021) Drachentanz. Chinas Aufstieg zur Weltmacht und was er für uns bedeutet diskutiert.


Matthias Rugel

Sucht den Sinn in Gesellschaft von alten und zeitgenössischen Philosophen und möchte in der Gesellschaft den Sinn für gemeinsames Leben mit Menschen aus aller Herren Länder stärken. Der Jesuitenbruder arbeitet als Bildungsreferent am Heinrich Pesch Haus. Der ehemalige Langzeit-Student, Jugendtheater- und Softwareentwickler organisiert auch in Corona-Zeiten ehrenamtlichen Sprachunterricht für Geflüchtete. Seine Ahnung ist, dass die Willkommenskultur bis heute mit dem Reich Gottes zu tun hat.

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